Syltschnipsel 10 – Rosé-Champagner ohne Schoko (furchtbar angenehm)

strandmitsteinen

Der Koch kann gehen“, sagt die ältere Dame vom Nebentisch zum Kellner, der mir gerade meinen Cappuccino zusammen mit einem kolossalen Stück Apfelkuchen serviert hat.

Wieso?“

Die Nudeln müssen al dente sein! Diese hier waren furchtbar klebrig.“

Sei´s drum, sie hätte nun gern eine Mousse au Chocolat. Es tue ihm leid, das hätten sie leider nicht da, sagt der junge Mann und zählt auf, was er ihr stattdessen bringen könne; und während er die Namen allerlei Desserts nennt, nippe ich an meinem Cappuccino und schaue aus dem Restaurant über die Dünen und den Strand von Sylt hinaus aufs Meer, in dem die Sonne gemächlich versinkt.

Nein, nein, nein!“ Sie brauche irgendwas Schokoladiges, ob er denn nichts Schokoladiges habe. Leider nein, sagt der Kellner, aber vielleicht könne er ihr ein zweites Glas Rosé-Champagner auf Kosten des Hauses spendieren. Nein, ein Glas sei genug, jetzt brauche sie unbedingt was Schokoladiges, da müsse es doch irgendwas geben. Höchstens eine heiße Schokolade, sagt der Kellner. Die Dame schüttelt ihr blondiertes Haar. Nun, wenn denn nichts anderes da wäre, dann eben das; also stellt der Kellner ihr wenige Minuten später eine große Tasse mit Unterteller auf den Tisch.

Sie sei ja den ganzen Oktober über in Afrika gewesen, beginnt die Frau nun zu erzählen, eine längere Reise durch Afrika, das sei furchtbar anstrengend gewesen, Afrika, das sei nichts für sie, für ein paar Tage, nun ja, aber auf Dauer sei das viel zu anstrengend, doch nun gut, sie müsse jetzt wirklich los, die Schokolade sei übrigens furchtbar klebriges Zeug, das könne sie nicht trinken (die Tasse steht noch unberührt vor ihr).

Der Kellner räumt die Trinkschokolade ab, bringt die Rechnung, kassiert den Betrag, hilft der Dame in den Mantel, die derweil weiterredet: So ein paar Tage Sylt seien ja jedes Mal ganz schön, aber morgen gehe es wieder nach Hamburg, da sei auch mehr los, im Herbst gebe es auf Sylt eben nicht viel zu sehen, aber im Frühjahr komme sie wieder und dann hätte sie gern nicht so furchtbar klebrige Nudeln, wie gesagt, am besten einen neuen Koch einstellen.

Also, bis zum nächsten Jahr!“

Der junge Mann hält der Dame die Tür auf, ich schaue ihr hinterher, bis sie auf dem Weg zwischen den Dünen in der Abenddämmerung verschwindet; und mit einem Mal ist es in der Strandmuschel, so heißt das Restaurant, unglaublich ruhig, sanfte Elektromusik plätschert im Hintergrund, und hinter der Theke klappert jemand dezent mit Geschirr, ansonsten: nichts, keine Stimmen, kein Geplapper – und das empfinde ich in diesem Augenblick einfach als furchtbar angenehm.

strandmuschel

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