The Holy Bob in der Stadthalle

Gerade hat er sein linkes Bein bewegt. Das fiel sofort auf im gleißenden Licht. Dort steht er ganz allein, dort oben im Spotlight auf der Bühne in der Stadthalle. Er allein mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika, so wie man ihn kennt von den Plattencovern und Postern, steht er da in echt und spielt die Lieder, die längst Klassiker sind. Und die Steine rollen und der Wind weht und ein schwerer Regen fällt, doch er steht einfach nur da, spielt auf seiner Gitarre und singt.

So wie vor ein paar Wochen Joe Cocker auf der gleichen Bühne stand und sang und doch alles anders war. Cocker fuchtelte mit seinen Armen herum, wie man das von ihm kennt, begleitet von einer Band, Backgroundsängerinnen, Lichtshow, Videoprojektionen und dem ganzen Tralla. Nicht so Dylan. Der braucht keine Hilfe von irgendwem. Der kriegt’s allein hin. Cocker ist halt nicht Dylan. Niemand ist wie Dylan, manchmal nicht einmal Dylan.

Seit einer Stunde steht er dort oben mit dem immergleichen Gesichtsausdruck auf der Bühne, spielt stoisch seine Songs auf der Akustikgitarre, näselt die Lyrics ins Mikrofon und gibt sich sonst wortkarg. Wozu auch Zwischenansagen, ist doch bloß Geschwafel, wenn die Songs schon alles sagen, was es zu sagen gibt. Und dass die Songs viel zu sagen haben, dass der Meister durch sie die Wahrheit spricht, dessen sind sich alle gewiss, vor allem die zwei Männer und drei Frauen, die in einer Kommune bei Osterholz-Scharmbeck leben und nach dem Konzert vor der Stadthalle Flyer verteilen, Leute ins Gespräch ziehen und ihn zitieren, den Meister. Als wäre er eine Art Religionsstifter oder Prophet, so reden sie von ihm. The Holy Bob. Es werden andere Zeiten kommen, sagen sie, man müsse nur seine Lieder hören, dann wisse man, was auf uns zukäme, doch seine Lieder böten Schutz, Schutz vor dem Sturm.

Mir ist’s egal, was auf uns zukommt, ob Stürme oder Steine, in diesem Moment schwebe ich einfach nur, schwebe im siebten Himmel, bin selig, glückselig, als ich über den Willy-Brandt-Platz auf den Hintereingang des Hauptbahnhofs zusteuere, um mit der Regionalbahn in meine Heimat zurückzufahren. Ich, ein unbedeutender 18-Jähriger, der zurückkehrt in die niedersächsische Provinz, zurückkehrt als ein anderer, weil eine Laune des Schicksals es ihm ermöglicht hat, ihn zu sehen, ihn, den großen Dylan.

Und während die Bahn über die Weser ruckelt, Kuhweiden passiert und vor Schildern hält, auf denen Namen wie Dreyhe, Syke, Bramstedt oder Twistringen stehen, denke ich immer wieder diesen Satz: Ich habe ihn gesehen, habe ihn spielen gesehen, singen gehört, war dabei, als er sein linkes Bein bewegt und einmal gar mit seinen Mundwinkeln ein Lächeln angedeutet hat; ich war dabei, bei dem Konzert, live stand ich nur ein paar Meter von ihm entfernt, von ihm, dem großen Bob Dylan.

Mit diesem Wissen steige ich aus an dem Bahnhof, der aussieht wie tausend andere Bahnhöfe und in dessen inzwischen geschlossener Kneipe wir bis vor ein paar Jahren manchmal Billard gespielt haben, unterquere die Bahngleise, passiere den Scharrendorfer Krug, auf dessen Kegelbahn wir manchen Kindergeburtstag gefeiert haben und der mittlerweile leersteht, gehe am Schützenplatz vorüber, an den Feldern vorbei, den Alten Kirchweg hinauf … und bin mir plötzlich sicher, ganz sicher: It’s alright, Ma, I can make it #

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