Archiv der Kategorie: Rezensionen – Bücher 2018

Literarisches Kuriositätenkabinett

In seinem aktuellen Buch lässt der Österreicher Clemens J. Setz seine gesammelten Texte für sich sprechen

Er ist vermutlich einer der eigenwilligsten jüngeren Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – der Österreicher Clemens J. Setz. Nach eigener Aussage war er als Teenager ein kompletter Computer-Nerd, der irgendwann vom exzessiven Zocken am PC zum exzessiven Lesen von Büchern übergangen ist – und darüber dann zum exzessiven Schreiben von Texten. Das vorläufige Ergebnis sind neben einigen kleineren Werken, je ein Gedicht- und Erzählungsband sowie vier Romane, für die er einige renommierte Preise eingeheimst hat – unter anderem den mit 20.000 Euro dotierten Bremer Literaturpreis (2010) und den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2015). Das kann sich sehen lassen für einen, der als 35-Jähriger unter Literaturmaßstäben eigentlich noch unter der Kategorie Nachwuchsschriftsteller läuft.

Eine Italienerin fragte mich nach der Lesung, ob ich ihr einen Tipp geben könne, ihr Freund sei genauso wie ich, so semi-autistisch und beschäftigt mit sonderbaren Projekten, aber das gefalle ihr jetzt nicht mehr, wie könne sie ihn verändern. Ich wusste nichts.“

Zudem ist es bemerkenswert, da das Werk von Setz nicht immer leicht zugänglich ist. Sein für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman „Indigo“ (2012) zum Beispiel ist ein zwar durchaus genial komponiertes Werk, allerdings gespickt mit grotesken Einfällen und insgesamt in seiner labyrinthischen Erzählstruktur stellenweise recht rätselhaft. In seinem fantastischen Erzählungsband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (2011) hingegen wimmelt es nur so von Momenten des subtilen Horrors und Ekel-Szenen. Dennoch wurde das Werk aufgrund seiner Originalität und stilistischen Brillanz vollkommen zurecht mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Dass sein letzter und bisher bester Roman, „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (2015), von einigen Literaturkritikern als „literarisches Meisterwerk“ gefeiert wurde, sei hier nur nebenbei bemerkt.

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Zukunft ohne Netz

In Josefine Rieks‘ Romandebüt „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet worden – was das konkret für die Gesellschaft bedeutet und wie eine Welt ohne Internet aussehen könnte, bleibt dabei offen.

Eine Welt ohne Internet ist heutzutage nur noch schwer vorstellbar, dabei kannte vor gerade einmal 25 Jahren kaum jemand das World Wide Web. Vielleicht wäre es also auch denkbar, dass in 25 Jahren das Internet wieder von der Bildfläche verschwunden sein wird. Genau dies ist die spannende Ausgangsidee in Josefine Rieks‘ Debüt „Serverland“. In einer undatierten Zukunft (die vermutlich um das Jahr 2050 herum liegen dürfte) ist das Internet längst wieder Vergangenheit. Nach einem weltweiten Referendum Anfang der 2020er Jahre hat man das Internet abgeschaltet und komplett stillgelegt. Für die Jugendlichen in dieser Zukunft sind Google, Facebook, Instagram, YouTube und Co folglich verblichene Namen aus weit zurückliegenden Zeiten.

Warum genau eine Mehrheit dafür war, das Internet wieder abzuschaffen, erfährt man leider nicht, denn der Fokus in Rieks Roman liegt offensichtlich woanders. Im Mittelpunkt steht der Computer-Nerd Reiner, der bei der Post arbeitet und ausgemusterte Laptops sammelt – und zwar in einer Welt, in der Computer keine relevante Rolle mehr spielen. Reiner bastelt an den Geräten herum, um Computerspiele zocken zu können.

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