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DER SPUCKENDE ZWERG

Es war ein trauriger Tag, als ich in meiner Einzimmerwohnung auf einem Holzstuhl stand. Ich hatte das platt gesessene Sitzkissen heruntergenommen, um nicht darauf auszurutschen. Den Strick hatte ich mit dem einen Ende an einem Dachbalken befestigt, das andere Ende hatte ich zu einer Schlinge gebunden und mir um den Hals gelegt. Der Strick war alt und brüchig; ich konnte nur hoffen, dass er für mein Vorhaben ausreichen würde. Einen besseren Strick hatte ich mir nicht leisten können – auch das Drehbuch meines Abgangs sollte mit der Feder der Armut geschrieben werden. Und das mir, dem vielleicht begnadetsten Poeten unserer Zeit! Glauben Sie mir: Selbst Hölderlin und Nietzsche, meinen von ihrer Zeit verkannten Dichterkollegen, dürfte weniger Leid widerfahren sein als mir.

Mit meinen Armen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten, was der Stuhl mit einem spöttischen Knarren kommentierte. Nicht einmal in diesem entscheidenden Augenblicke ward mir Stille gegeben. Des Nachts rumorten die Mäuse auf dem Dachboden und am Tage … an jenem Tage knarrte ein schäbiger Holzstuhl, auf dem ich verharrte, um noch einen letzten Blick auf meinen vergoldeten Bilderrahmen zu werfen, den ich eigenhändig an die Wand genagelt hatte.

Dieser Rahmen umrandete mein Meisterwerk – den Spuckenden Zwerg. Der Spuckende Zwerg war ein Gedicht … Ach, was sage ich: Er war das Gedicht! Der Höhepunkt meines Schaffens!

Damit Sie meinen Stolz besser nachvollziehen können, wäre es an dieser Stelle wohl angebracht, das Gedicht zu zitieren. Also, nun gut:

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