DER SPUCKENDE ZWERG

Es war ein trauriger Tag, als ich in meiner Einzimmerwohnung auf einem Holzstuhl stand. Ich hatte das platt gesessene Sitzkissen heruntergenommen, um nicht darauf auszurutschen. Den Strick hatte ich mit dem einen Ende an einem Dachbalken befestigt, das andere Ende hatte ich zu einer Schlinge gebunden und mir um den Hals gelegt. Der Strick war alt und brüchig; ich konnte nur hoffen, dass er für mein Vorhaben ausreichen würde. Einen besseren Strick hatte ich mir nicht leisten können – auch das Drehbuch meines Abgangs sollte mit der Feder der Armut geschrieben werden. Und das mir, dem vielleicht begnadetsten Poeten unserer Zeit! Glauben Sie mir: Selbst Hölderlin und Nietzsche, meinen von ihrer Zeit verkannten Dichterkollegen, dürfte weniger Leid widerfahren sein als mir.

Mit meinen Armen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten, was der Stuhl mit einem spöttischen Knarren kommentierte. Nicht einmal in diesem entscheidenden Augenblicke ward mir Stille gegeben. Des Nachts rumorten die Mäuse auf dem Dachboden und am Tage … an jenem Tage knarrte ein schäbiger Holzstuhl, auf dem ich verharrte, um noch einen letzten Blick auf meinen vergoldeten Bilderrahmen zu werfen, den ich eigenhändig an die Wand genagelt hatte.

Dieser Rahmen umrandete mein Meisterwerk – den Spuckenden Zwerg. Der Spuckende Zwerg war ein Gedicht … Ach, was sage ich: Er war das Gedicht! Der Höhepunkt meines Schaffens!

Damit Sie meinen Stolz besser nachvollziehen können, wäre es an dieser Stelle wohl angebracht, das Gedicht zu zitieren. Also, nun gut:

Der Spuckende Zwerg

hier oben!

in der dünnen luft

wirbeln zweifel,

die grinsenden

fratzen

meines menschseins.

hier oben?

zwischen meinen fingern

entgleiten seidentrümmer,

die letzten

perlen

meiner bilderfetzen.

hier oben!?

nah dem strudel hocke ich,

der spuckende

zwerg

einer satire.

Verstehen Sie jetzt die Melodie meines Jammers? Der Verfasser dieser Worte vom Unglück verfolgt, in die Verzweiflung getrieben!

Den würgenden Zerstörer meines Elends an der Kehle las ich ein letztes Mal meine Worte. Es sollte ein Abschied auf ewig sein … Und nun sitze ich hier.“

So ist es!“, entgegnete der Engel, der Herrn Phaethon am Schreibtisch gegenübersaß, in einem Aktenordner blätterte und sich Notizen machte.

Berichten Sie bitte noch, wie Sie Ihren Selbstmord zu Ende geführt haben. Bitte ohne Ausschweifungen, es ist nur für das Protokoll.“

Mein Blick verweilte also auf meinem Meisterwerk“, fuhr Herr Phaethon fort, „als der Stuhl zu wackeln begann und ich mich von meinem Gedicht losreißen musste, um das Schwanken meines hölzernen Fundaments auszugleichen. Doch traf es mich unglückseligen Helden bitter. Ein die Stille zerreißendes Knacken verkündete das Nachgeben eines Stuhlbeines und mein Ende. Der Stuhl brach unter mir zusammen, ich stürzte in die Tiefe, der Strick hielt, biss sich in meinen Hals und brach mir wohl das Genick. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit …“

Danke, das reicht schon!“, unterbrach der Engel Herrn Phaethon. „Ihr Bericht stimmt – was den Ablauf Ihres Selbstmords betrifft – im Groben mit dem Ihres Sachbearbeiters überein. Sie werden jetzt einer Abteilung im Himmel zugeordnet, in der Sie die Ewigkeit verbringen dürfen. Sie selbst haben zuvor die Möglichkeit hinsichtlich der Zuteilung einen Wunsch zu äußern, müssen diesen jedoch angemessen begründen, wenn er berücksichtigt werden soll. Damit Sie eine Auswahl treffen können, bekommen Sie nun eine Liste, auf der alle himmlischen Abteilungen aufgeführt sind. Schauen Sie sich die Liste bitte genau an und wählen Sie dann Ihre gewünschte Abteilung.“

Der Engel entnahm einem blauen Ordner eine mehrseitige Liste und reichte sie dem Verstorbenen. Herr Phaeton beugte sich über die Tischplatte, nahm die Liste und studierte sie einige Minuten. Schließlich legte er sie, mit einem Lächeln auf den Lippen, zurück.

Ich möchte die Ewigkeit natürlich bei meinen Brüdern verbringen, den Dichtern.“

Der Engel zog seine Stirn kraus, räusperte sich.

Verzeihen Sie, Herr Phaethon, aber die Abteilung der Lyriker ist mehr als überfüllt. Gerade letzte Woche haben Homer, Dante und Goethe gemeinsam einen Beschwerdebrief eingereicht, in dem sie beklagen, dass die Fülle in ihrer Abteilung nicht mehr zu ertragen sei. Shakespeare schreibt seit einem Jahrhundert nur noch Sonette über Platznot und Baudelaire hat um Auskunft gebeten, wie die Lage bei den Lyrikern in der Hölle sei. Sie können sich also vorstellen, dass die Situation schon sehr angespannt ist und wir aus diesem Grund nicht jedermann zu den Lyrikern lassen können, weshalb es …“

Aber ich bin nicht jedermann!“, fiel Herr Phaethon dem Engel ins Wort. „Ich bin der Verfasser des Spuckenden Zwerges! Der vielleicht begnadetste Poet …“

Ja, ja, schön und gut. Aber leider stimmen Ihre Aussagen betreffs Ihrer poetischen Tätigkeit nicht mit denen Ihres Sachbearbeiters überein. Dieser hat in Ihrer Akte bloß einen kleinen Vermerk notiert: Sie hätten zwei Dutzend Blätter mit Möchtegernliteratur bekritzelt. Davon, dass Sie ein Lyriker seien, ist nicht die Rede.“

Aber ich bin es!“, erwiderte Herr Phaethon. „Der leibhaftige Apollon muss mein Erzeuger gewesen sein, so sehr spüre ich das Blut eines Dichters in mir!“

Nun ja, ich denke nicht, dass wir Herrn Apollon dazu vernehmen sollten, oder?“

Äh, wie bitte?“

Schon gut!“ Der Engel schüttelte den Kopf und blätterte in dem Aktenordner. „Herr Phaethon, Ihrem Lebenslauf entnehme ich, dass Sie einmal Student der Germanistik gewesen sind. Ist das korrekt?“

Ja, aber in erster Linie bin ich natürlich D…“

Da Sie aber Ihr Studium nie abgeschlossen haben und die Abteilung der Germanisten ebenfalls vollkommen überfüllt ist, müssen wir uns nach etwas anderem umschauen. So haben Sie auch Briefmarken gesammelt. Ist das korrekt?“

Her Phaeton nickte.

Ja, aber …“

Siehe da: In der Abteilung der Briefmarkensammler sind noch einige Plätze frei!“

Herr Phaethon schüttelte den Kopf, seufzte.

Abteilung der Briefmarkensammler? Aber ich bin doch Dichter.“

Eine Handvoll Verse macht noch keinen Dichter – rotzender Zwerg hin oder her!“

Spuckend. Eine Handvoll? Hunderte … ach, Tausende wären es geworden, ich war voller Inspiration und Ideen.“

Ideen? Was nützen uns Ihre Ideen! Ihre Ideen sind mit Ihnen gestorben, alles, was bleibt, sind zwei Dutzend bekritzelte Zettel und Ihre Briefmarkenalben.

Also, entscheiden Sie sich bitte! Es warten noch andere auf ihre Einteilung.“

Herr Phaethon schluckte, dachte an den Mann mit der Hornbrille, der ihm im Wartezimmer des Himmels gegenübergesessen hatte und wahrscheinlich zu den Mathematikern wollte, und er dachte an die Frau, die ihr breites Kreuz in einen Neoprenanzug gezwängt hatte und bestimmt auf die Abteilung der Kampfschwimmerinnen hoffte. Würden sie die Ewigkeit in der von ihnen gewünschten Abteilung verbringen? Oder würde der Mathematiker den Cordjackettträgern und die Schwimmerin den Blockflötenspielerinnen zugewiesen werden?

Herr Phaethon sank auf seinem Stuhl in sich zusammen und sagte leise:

Ich habe mich schon mein ganzes Leben mit Aufgaben beschäftigt, die mich nicht interessierten. Niemand ließ mir Raum und Zeit zum Dichten. Ich dachte, im Himmel würde ich frei sein?“

Sie waren frei! Sie wollten dichten? Sie hätten dichten können. Aber Sie haben kein Dichterleben gewählt. Im Himmel geht Ihr Leben nur weiter, Ihr frei gewähltes, Ihr gelebtes.“

Er nahm die Liste wieder an sich, blätterte darin herum und sagte schließlich: „Wissen Sie was? Ich werde Sie den Träumern zuteilen. Die Abteilung der Träumer haben wir im neunzehnten Jahrhundert großzügig renoviert, doch im zwanzigsten Jahrhundert nahm die Anzahl der Träumer rapide ab. Despoten, Soldaten, Politiker, Manager und Lobbyisten gab es en masse, aber kaum noch echte Träumer. Also? Herr Phaethon?“

Aber ich bin doch … “, Herr Phaethon stockte, „Abteilung Träumer?“

Eine himmlische Abteilung! Sie werden sich dort wohlfühlen.“

Der Engel riss eine Schublade auf, zog ein Formular hervor, unterschrieb es und reichte es seinem Gegenüber.

Himmelsfrachter 23, Abfahrt an der Wolke sieben.“

Herr Phaethon nahm das Blatt.

Himmelsfrachter 23?“

Der Engel klappte den Aktenordner zu und nickte.

Genau. Es steht alles auf dem Formular. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit in der Ewigkeit. Auf Wiedersehen!“

Danke.“

Herr Phaethon stand auf, wandte sich zum Gehen, hielt inne, hob seinen linken Arm und blickte noch einmal zurück zum Engel, der bereits in einem anderen Ordner blätterte. Einen Augenblick stand Herr Phaethon stumm da, dann ließ er seinen Arm wieder sinken.

Auf Wiedersehen“, murmelte er, schlich aus dem Raum und verschwand zwischen ein paar Wolken.

Der Nächste bitte!“

Der Engel schaute von den Akten auf und musterte den schmächtigen Mann mit Hornbrille, der sich ihm gegenübergesetzt hatte und sofort zu sprechen begann.

Guten Tag, Müller mein Name. Manfred Müller. Ich habe 35 Jahre in einer niedersächsischen Sparkasse gearbeitet. Aber wissen Sie, eigentlich … eigentlich bin ich Erfinder!“

(veröffentlicht 2013 in der Anthologie: Autorenträume, Verlag Monika Fuchs)

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