Archiv der Kategorie: Bremen

The Holy Bob in der Stadthalle

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Heute wird er 80, Bob Dylan – Singer-Songwriter, Literaturnobelpreisträger, Ikone, Mythos und vieles mehr. Einmal durfte ich ihn live erleben: Am 14. Juni 1998 in der Stadthalle Bremen. Das ist lange her, aber Bob Dylan spielt immer noch auf seiner „Never Ending Tour“. Und wie sich so ein Konzerterlebnis anfühlen kann für einen jungen Fan, beschreibe ich in der folgenden Miniatur.*   


Gerade hat er sein linkes Bein bewegt. Das fiel sofort auf im gleißenden Licht. Dort steht er ganz allein, dort oben im Spotlight auf der Bühne in der Stadthalle. Er allein mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika, so wie man ihn kennt von den Plattencovern und Postern, steht er da in echt und spielt die Lieder, die längst Klassiker sind. Und die Steine rollen und der Wind weht und ein schwerer Regen fällt, doch er steht einfach nur da, spielt auf seiner Gitarre und singt.

So wie vor ein paar Wochen Joe Cocker auf der gleichen Bühne stand und sang und doch alles anders war. Cocker fuchtelte mit seinen Armen herum, begleitet von einer Band, Backgroundsängerinnen, Lichtshow, Videoprojektionen und dem ganzen Tralla. Nicht so Dylan. Der braucht keine Hilfe von irgendwem. Der kriegt’s allein hin. Cocker ist halt nicht Dylan. Niemand ist wie Dylan, manchmal nicht einmal Dylan.

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Wunder von der Weser

Manchmal nur ganz klein im Hintergrund, aber doch irgendwie stets präsent in Bremen: das Weserstadion, das morgen wieder in den Fokus rücken wird, wenn Werder zuhause gegen den Abstieg spielt. Fußball war auf diesem Blog hier bisher kein Thema, was daran liegt, dass Fußball keine besonders große Rolle in meinem Leben spielt – zumindest nicht mehr, denn es gab andere Zeiten, in denen ich (man muss es so sagen) ein fanatischer Werder-Fan war. Werder-Fan bin ich zwar noch immer und ich verfolge auch weiterhin die Spiele von Werder, stehe dem allen inzwischen allerdings deutlich entspannter gegenüber. Es gab jedoch drei, vier Jahre in meinem Leben als Teenager, in denen Werder eine enorme Bedeutung für mich hatte. In der Saison 93/94 war ich sogar Inhaber einer Dauerkarte für die Ostkurve. Es war die Saison nach Werders dritter Meisterschaft und Werders erste Saison in der Champions-League, und es war die Saison, in der sich eines der sogenannten „Wunder von der Weser“ ereignete, das 5:3 gegen den RSC Anderlecht, bei dem ich live im Stadion dabei war. Vor längerer Zeit habe ich dazu einen Text geschrieben, der aber in der Schublade verschwunden ist und den ich nun hervorgekramt und überarbeitet habe, um im Hinblick auf das morgige Spiel wieder eines dieser „Wunder von der Weser“ zu beschwören;)

Für Menschen, die Fußball nicht mögen oder sich kein bisschen dafür interessieren, wird der Text vermutlich befremdlich wirken (wenn sie ihn denn überhaupt lesen). Für mich selbst ist das alles im Rückblick mittlerweile etwas befremdlich, aber mir ging es beim Schreiben darum, noch einmal die Atmosphäre, dieses extreme Gemeinschafts- und Verbundenheitsgefühl sowie die Euphorie nachzuzeichnen, die ich damals als 15-Jähriger empfunden habe. Rein massenpsychologisch betrachtet haben mich Fußballevents wie dieses auch viel gelehrt, natürlich nicht nur im Positiven, weshalb ich inzwischen solchen Ereignissen lieber fernbleibe. Aus der Distanz drücke ich morgen dennoch kräftig die Daumen und hoffe auf ein weiteres „Wunder von der Weser“ …


 

Wunder von der Weser

Wir singen im Regen. Über unseren Köpfen die Fluchtlichtmasten, deren Strahler das Spielfeld ausleuchten. Das Licht verleiht den Abendspielen eine besondere Atmosphäre. Heute allerdings sehe ich vor allem glitzernde Bindfäden, wenn ich zu einem der Masten hinaufschaue. Schon vor dem Anpfiff hat es geschüttet wie aus Kübeln, unsere Klamotten und Fahnen sind klitschnass. Dabei könnte ich ein Dach über dem Kopf haben, in meiner Hosentasche steckt eine Karte für die Nordgerade, weil die Ostkurve schon Wochen vor dem Spiel ausverkauft war. Aber die echten Werder-Fans, die stehen nicht in der Nordgeraden, die stehen in der Ostkurve. Und in der Ostkurve, da trotzen wir dem Wetter. Wir singen auch im Regen!

Während all die anderen im Stadion, all die Luschen, die das Maul nicht aufkriegen oder es sich in ihren Logen mit Kaviar vollstopfen, während sogar die Gegner in der Westkurve ein Dach über dem Kopf haben, stehen wir, die einzig wahren Werder-Fans, unter freiem Himmel und singen einfach doppelt so laut, damit der Wind unseren Gesang nicht aus dem Stadion weht. Heute singen wir bestimmt schon seit einer Stunde durchgehend „Olé, hier kommt der SVW“. Zur Melodie des Songs „Go West“, mit dem die Pet Shop Boys die Spitze der Charts erobert haben, singen wir immer wieder diese eine Zeile: Olé, hier kommt der SVW.

Mit dem Singen angefangen haben wir nach dem zweiten Gegentor, selbst beim dritten Gegentor haben wir einfach weitergesungen und dann auch die komplette Halbzeit durch. Und singen immer noch, obwohl wir seit anderthalb Stunden im Regen stehen und unsere Mannschaft nach über einer Stunde Spielzeit weiterhin null zu drei gegen den RSC Anderlecht zurückliegt. Dass es gegen den AC Mailand und den FC Porto schwierig werden würde, damit hatten wir gerechnet, aber gegen den belgischen Meister?

Eigentlich ist alles Mist – das Wetter, das Spiel und vor allem der Spielstand – und trotzdem ist die Stimmung genial, trotzdem singen wir: Olé, hier kommt der SVW. Und wir jubeln auch nur kurz und singen rasch weiter, als Wynton Rufer in der 66. Minute nach einem Pass von Dieter Eilts in seiner abgebrühten Art mit einem Lupfer den gegnerischen Torhüter überwindet und auf eins zu drei verkürzt. Selbst die belgischen Fans jubeln mit – das eine Tor, den Ehrentreffer, den gönnen sie uns. Wir scheißen auf den Spott, der da mitschwingt, und singen weiter „Olé, hier kommt der SVW“, singen auch noch, als in der 72. Minute Rune Bratseth im gegnerischen Strafraum in die Höhe steigt und eine Flanke von Dietmar Beiersdorfer ins Tor köpft. Anschlusstreffer! Da jubeln die Fans vom RSC Anderlecht nicht mehr mit, wir aber umso lauter. Zwei zu drei. Da geht noch was.

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Zeitfenster Piero – verwaister Platz, verblichene Pläne

An der Wilhelm-Kaisen-Brücke sitze ich im Piero, einem kleinen Bistro, das vor einem halben Jahr noch ein Imbiss war, der Kleine Weser hieß – ein passender Name, denn wenn man hinausschaut, kann man auf den schmalen Seitenarm der Weser blicken. Vor allem jedoch hat man freien Blick auf die Brücke, das St.-Pauli-Stift und die Kreuzung mit dem Ostersonntagabendverkehr: ein sachter Autostrom, hin und wieder eine Straßenbahn, einige Fahrradfahrer und viele Fußgänger – Paare (Hand in Hand), kleine Gruppen, Familien, einzelne Spaziergänger; ein junger Mann in Schwarz mit einer Spiegelreflexkamera in der Hand, eine Frau mittleren Alters in hautenger Jeans mit einem Mobiltelefon am Ohr, ein Einbeiniger auf Krücken, für den die Grünphase der Ampel zu kurz ist, um die breite Straße mit den Auto- und Straßenbahnspuren komplett zu überqueren, weshalb er vor der letzten Spur auf der Verkehrsinsel stehen bleiben und seinen Hund zurückpfeifen muss, damit er nicht von den ersten anfahrenden Autos erfasst wird. Der Spitzmischling, der den Plastikgriff seiner Leine im Maul trägt, hält sofort inne und sieht sich nach seinem Herrchen um. Beide warten sie, bis die Autos vorübergerauscht sind, und überqueren dann gemeinsam die Spur. Der Hund läuft wieder voraus, sein Herrchen humpelt hinterher, die anderen Passanten blicken ihnen nach – dem Einbeinigen und dem Hündchen, das seine eigene Leine trägt und bei jedem Kommando seines Herrchens sofort pariert, sich immer wieder umschaut und wartet, wenn sein Herrchen zu weit zurückfällt.

Auch ich schaue den beiden hinterher, bis mein Nudelauflauf vom Betreiber des Bistros serviert wird. Ich bin der einzige Gast, die anderen acht oder neun Stühle sind leer, und der vielleicht knapp fünfzigjährige Betreiber berichtet, dass am Wochenende eigentlich seine besten Tage seien.
Die sind wohl alle auf der … auf der … wie heißt der Jahrmarkt hinterm Bahnhof?“
Osterwiese.“
Ja, sind wohl alle auf der Osterwiese“, sagt er, „oder weg über das Wochenende.“
Ich nicke.

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Schreiben in Zeiten von Corona

Mehr Zeit zum Schreiben und zum Lesen! Das war ein spontaner Gedanke, der mir kam, als sich Mitte März andeutete, dass der allgemeine Betrieb in den nächsten Wochen deutlich heruntergefahren würde. Und mit diesem Gedanken war ich offenbar nicht allein – auf den ersten Blick erschien vielen die verordnete Zwangspause vom gesellschaftlichen Leben eine willkommene Gelegenheit, sich von der alltäglichen Hektik zu erholen und dieses Zeitfenster, das sich da plötzlich öffnete, zu nutzen, um sich endlich einmal anderen, so oft vernachlässigten Tätigkeiten zuzuwenden. Bei vielen schien diese Stimmung allerdings recht rasch zu kippen, als ihnen bewusst wurde, welche Konsequenzen die Beschränkungen mit sich bringen.

Mir selbst erschien das Weiterarbeiten an eigenen literarischen Projekten als viel zu banal, als überflüssig angesichts der aktuellen Lage, in der viele Menschen existenzielle Kämpfe auszufechten haben bzw. viel mehr und noch härter als sonst arbeiten müssen. Doch zugleich bin ich davon überzeugt, dass auch in einer solchen Krise weitergeschrieben werden muss, auch an Texten, die nichts mit der aktuellen Situation zu tun haben. Für einige ist das Weiterschreiben sogar lebenswichtig, und zwar vor allem für all jene, für die das Schreiben schlicht und einfach ihr Beruf ist, ihre Arbeit, von der sie leben. Dementsprechend gilt es (soweit die Rahmenbedingungen es zulassen) weiterzuschreiben, seine Arbeit fortzusetzen und damit auch eine Form von Normalität aufrechtzuerhalten – auch wenn einem das in manchen Momenten zurzeit absurd vorkommen mag.

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Die letzte Videothek

Es gibt Orte, die bleiben, und man wundert sich, dass sie bleiben. Orte wie die Videothek in der Kornstraße, die immer noch da ist, obwohl inzwischen alle streamen. Erhebt sich heutzutage noch irgendwer freitag- oder sonntagabends vom Sofa und schleppt sich durch die Stadt, um in einem muffigen, mit DVD-Hüllen vollgestopften Kabuff umherzuirren, bis er endlich fündig geworden ist? Schwer vorstellbar, und doch sehe ich zuweilen, wie Menschen die Videothek betreten oder verlassen. Sie sorgen gemeinsam dafür, dass dieses Relikt am Leben bleibt und beharrlich dem Fortschritt trotzt. Eigentlich ein sympathisches Unterfangen, das es zu unterstützen gilt, denke ich und gehe Woche für Woche vorüber an dem Schaufenster, bis ich schließlich eines Tages dringend einen Film sehen muss, der in den unendlichen Weiten des Internets nirgends zum Streamen zur Verfügung steht. Das ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe.

Am einem milden Dezemberabend verlasse ich meine Wohnung, spaziere die Straße hinunter, steuere die Videothek an und finde dort tatsächlich nach zwei oder drei Minuten den gesuchten Film, der für eine Leihgebühr von einem Euro zu haben ist.

Während der Angestellte hinterm Tresen mir ein Konto einrichtet und einen Leihausweis erstellt, schaue ich mich ein wenig um und entdecke dabei die aufgehängten Schilder: Alles muss raus!

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Zigarettenpause im Holzhafen

Sie drückt die halb aufgerauchte Zigarette an der Straßenlaterne aus, als der Wagen vor ihr hält.

„Wie viel?“, fragt der Typ, nachdem er die Scheibe runtergekurbelt hat. Sie nennt ihm die Preise, während seine Glupschaugen auf ihren Busen starren.

„So viel!“

„Ja, so viel.“

„Das habe ich hier schon mal günstiger bekommen.“

„Nicht bei mir“, sagt sie, greift mit ihrer Rechten in ihre Handtasche und wühlt nach dem Feuerzeug.

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Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

Der (Wieder)Aufbau einer Mauer, aus Teilen der Berliner Mauer, allerdings nicht in Berlin, sondern in Bremen – und zwar als ein Kunstprojekt, das vielleicht doch vielmehr ist als bloße Kunst. Das war die Ausgangsidee für meinen Text, den ich für die Literarische Woche 2009 zum Thema „Mauerfälle“ geschrieben und im Rahmen der Literarischen Woche im Bremer Kulturzentrum Lagerhaus gelesen habe. Es treten auf: Bremer Neustädter, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, Wachtruppen, Bremer Senatoren, ein Künstler, ein Stockentenpaar.

Der Lesung vorausgegangen war eine Ausschreibung des Bremer Literaturkontors, in der junge Autor*innen aus Bremen dazu eingeladen wurden, Texte zum Thema „Mauerfälle“ zu schreiben. Eine Freundin hatte mich darauf hingewiesen, und tatsächlich schrieb ich einen Text, den ich am letzten Tag der Bewerbungsfrist persönlich im Literaturkontor ablieferte. Ich erinnere mich noch ganz gut an die Szene: Es muss Anfang November gewesen sein – es herrschte trübstes Bremer Schmudelwetter –, als ich, eingepackt in meinem alten BW-Parka, in der Villa Ichon an die Tür des Kontors klopfte, eintrat, „Hallo“ sagte, der Geschäftsführerin Angelika Sinn den Umschlag mit meinem Text in die Hand drückte und ruckzuck wieder verschwand.

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Die Zeit zwischen Molenturm & Landmarktower

Molenturm

Sie sitzt im Molenturm, schaut durch eins der kleinen Fenster hinaus. Über der Weser kreisen kreischende Möwen, zanken sich um etwas, das sie nicht erkennen kann. Das ist nun ihr Arbeitsplatz als offizielle Schreiberin der fantastischen Republik Utopistan, die ein Künstlerkollektiv für einen Monat auf der Brache im Europahafen ausgerufen hat. Zwei Wochen lang darf sie schreiben, darf schreiben, was immer sie will – in Utopistan sage einem niemand, was man zu tun oder zu lassen habe, hieß es in der Ausschreibung. An der Kaimauer sitzt ein Angler und raucht eine Zigarette. Am gegenüberliegenden Ufer steigen ein paar Leute vom Anleger auf die Fähre. Sie hatte die Ausschreibung gelesen und gedacht, warum nicht. Zwei Wochen lang im Molenturm sitzen und schreiben. Klang wie ein Traum. Heute ist erst der dritte Tag, die ersten beiden Nächte waren kalt, ihr Rücken schmerzt, der Instantkaffee schmeckt genau so, wie er aussieht. Sie stellt die Tasse auf dem einzigen Stuhl ab, streckt sich, stößt sich den Kopf an der niedrigen Decke, flucht, greift sich einen Kugelschreiber und ihr Notizbuch, in das sie gestern nur ein paar Sätze gekritzelt, die sie später wieder durchgestrichen hat. Sie steckt beides in die linke Manteltasche, öffnet die Tür.

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Milchbartänze

Blumenthal18

Kurz nach der Jahrtausendwende steigt ein Punk mit grün-blauem Irokesenschnitt und Nieten-Lederjacke im Bermudadreieck auf den Tresen der Milchbar, wo heute das Urlaub ist, und tanzt zu den Sex Pistols. Eine Punkerin schreit vom anderen Ende des Tresens „Ausziehen!“ und der Punk lässt sich nicht zweimal bitten, streift die Lederjacke ab, öffnet den Nietengürtel, zerrt sich das T-Shirt vom Leib, öffnet Knopf und Reißverschluss seiner löchrigen Jeans. Alle Punks grölen, feuern ihn an, der Barkeeper – selbst Punk – dreht die Musik lauter. Die Hose hängt in den Kniekehlen, dann über den Doc Martens, die der Punk noch nicht ausgezogen hat, vielleicht auch gar nicht ausziehen will, vielleicht niemals auszieht (nicht einmal im Bett oder unter der Dusche).

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Poesie im Rampenlicht

Auch die 19. Auflage des internationalen Poesiefestivals „Poetry on the Road“ versammelte wieder Lyrikerinnen und Lyriker aus aller Welt, um in Bremen die verschiedenen Facetten der Dichtkunst zu feiern.

Mehr Poesie auf deutschen Bühnen hat der Schauspieler Fabian Hinrichs unlängst auf dem Berliner Theatertreffen eingefordert, denn nichts „scheint momentan politischer zu sein als Poesie“. Das Bremer Theater kommt dieser Aufforderung zumindest einmal im Jahr äußerst prominent nach, in dem es die große Bühne seines Hauses für die Eröffnungsgala des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“ bereitstellt. Auch in diesem Jahr rückte die Lyrik am Freitagabend vor fast komplett gefüllten Rängen für drei Stunden ins Rampenlicht. Zwei Dichterinnen und fünf Dichter aus sechs Ländern performten Gedichte in Englisch, Deutsch, Chinesisch, Spanisch, Niederländisch und Schweizerdeutsch. Mehr Poesie geht kaum, auch wenn es möglicherweise nicht die Form von Poesiepräsenz ist, die Hinrichs gemeint hat. Sei’s drum – die Lyrik, die sonst oft eher ein Nischendasein führt, darf sich in Bremen einmal jährlich im Spotlight austoben.

Die Freiheit des Wortes & Bremen als „City of Literature“

Dass die Wortkunst in Zeiten, in denen die Freiheit des Wortes von vielen Seiten attackiert wird, solche Bühnen braucht, da sind sich die Festivalmacher Regina Dyck und Michael Augustin sowie die Bremer Staatsrätin für Kultur Carmen Emigholz einig. Emigholz verkündete während ihrer Festival-Eröffnungsrede gar den Plan, mit Bremen den UNESCO-Titel „City of Literature“ anzustreben. Man darf gespannt sein, wie dieser Plan umgesetzt wird, denn abgesehen von seinen drei Literaturfestivals (Literarische Woche, globale° und Poetry on the Road) gilt Bremen nicht unbedingt als Mekka der Literatur – weder gibt es hier ein großes Literaturhaus, noch eine herausragende Literaturzeitschrift, und sowohl aufstrebende als auch erfolgreiche Autorinnen und Autoren zieht es meist in andere Städte.

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