Monatsarchiv: Mai 2021

Ins Meer stürzende Männer

Wie ein Adonis steht er barfuß auf der Brüstung, mit braungebranntem, durchtrainiertem Oberkörper und angespannten Muskeln. Seine blutrote Badehose leuchtet in der Mittagssonne. Entschlossen ist er von der Promenade zur Spitze dieses schmalen Balkons geschritten, der wie ein Steg aus der Festungsmauer herausragt, vermutlich als Aussichtsplattform gedacht, damit der Blick ungestört übers Meer hinaus bis nach Kopenhagen schweifen kann. Nur kurz gezögert hat er, bevor er auf das Geländer geklettert ist, an dem Dutzende Liebesschlösser hängen und von dem sich in der letzten halben Stunde bereits mehrere Männer ins Meer gestürzt haben. Leicht wackelig sah es aus, als sich seine Hände vom Metall lösten, er seine Knie durchdrückte und sich aufrichtete. Seitdem steht er da, kerzengerade mit angespannten Muskeln und konzentriertem Blick. Schon eine ganze Weile steht er so da. Schaut hinunter zum Meer, das zehn bis zwölf Meter unter ihm sanfte Wellen schlägt. Einige Passanten sind stehen geblieben auf der Promenade und starren zu ihm rüber. Auch der langhaarige Blonde steht mittlerweile zwischen ihnen, mit nassen Haaren und tropfender Bermudashorts. Vor wenigen Minuten stand er noch dort, wo jetzt der andere steht. Ganz rasch war es bei ihm gegangen. Kaum hatte er auf der Brüstung gestanden, war er auch schon hinuntergesaust – rückwärts mit einem Salto, um dann kopfüber ins Wasser zu tauchen. Der andere hatte ihm dabei zugeschaut und blickt nun in die Tiefe. Zweimal ging bereits ein Zucken durch seinen Körper. Jetzt springt er, dachte ich, doch dann straffte er erneut seinen Körper, drückte den Rücken durch und schaute in die Ferne. Der junge Mann und das Meer, witzelt eine Frau neben mir, die das Schauspiel durch die Kamera ihres Smartphones verfolgt. Die ersten Passanten spazieren weiter, das dauert ihnen zu lange, vor allem wenn man nicht einmal weiß, ob der Typ überhaupt irgendwann springt. Andere scheinen hin- und hergerissen. Wäre doch schade, wenn man den Sprung verpassen würde. Vielleicht gibt’s sogar ein kleines Drama, wer weiß. So ein Sprung ist bei der Höhe ja nicht ohne.

Er springt nicht mehr, denke ich, wende den Blick aber nicht ab, obwohl ich hier eigentlich sitze, um ein wenig in dem Buch zu lesen, das ich heute Morgen in einem Antiquariat in der Altstadt ergattert habe. Ob es wohl das erste Mal ist, dass er aus einer solchen Höhe zu springen versucht, frage ich mich, spüre in dem Moment die Vibration meines Telefons in der Hosentasche, greife danach, ziehe es hervor, wische über das Display und lese die Nachricht, die mir eine Freundin geschickt hat, tippe hastig eine Antwort, drücke auf Senden und schaue wieder auf. Der Balkon ist leer, der junge Mann in der roten Badehose verschwunden, auch im Meer kann ich ihn nirgends entdecken. Aus den Gesichtern der stehengebliebenen Passanten lässt sich nichts deuten, sie schauen jetzt dem Blonden dabei zu, wie er aufs Geländer steigt, mit einem doppelten Salto in die Tiefe stürzt und kopfüber kerzengerade ins Meer eintaucht, bevor sie weiterspazieren. Ich will die Frau neben mir fragen, ob er gesprungen ist, der Adonis, doch die Frau ist nicht mehr da … und mein Buch, das neben mir lag, auch nicht.

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Eine Reise, die ist lustig, eine Reise, die tut weh

Christian Kracht erzählt in „Eurotrash“ äußerst raffiniert und mit viel Sinn für Komik von einer historisch belasteten Mutter-Sohn-Beziehung und vom Geld

Faserland konnte ich bei meiner Erstlektüre nicht leiden – was für ein unsympathisch arrogant versnobter Icherzähler war das denn! Wie er da in seiner Angeber Barbourjacke affektiert durch die Gegend stolziert, alles und jeden mit seinem blasierten Blick auf Premiumprodukte abscannt und auf neunmalkluge Art niedermacht, aber zugleich sein kaputtes Selbst nur mit Drogen mehr recht als schlecht zusammenzuhalten vermag. Pah, solche Leute konnte ich beim bestem Willen nicht ausstehen.

Mitte zwanzig muss ich da gewesen sein, und offenbar hatte Christian Krachts Debüt einen Nerv bei mir getroffen, verstanden hatte ich es allerdings nicht. Bei der Zweitlektüre, gut zehn Jahre später, fand ich es hingegen großartig. Vielleicht hatte ich es endlich verstanden oder vielleicht lag es auch nur daran, dass ich das Buch dieses Mal während eines zweiwöchigen Stipendiums auf Sylt las, wo Faserland beginnt.

Sylt spielt auch in Krachts aktuellem Roman Eurotrash eine Rolle, obwohl sich die Geschichte, die Kracht darin erzählt, in erster Linie in der Schweiz abspielt. Los geht’s in Zürich, also genau in jener Stadt, in der Faserland endet; und das ist natürlich kein Zufall, denn der Icherzähler von Eurotrash ist ein gewisser Christian Kracht, der von sich aber auch schon mal behauptet, Daniel Kehlmann zu sein, wenn er nicht erkannt werden möchte. Dieser Icherzähler hat vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben, die er aus irgendeinem Grund, der ihm nun leider nicht mehr einfalle, Faserland genannt hatte.

Damit legt der Autor Kracht gleich zu Beginn einen autobiografischen Köder, und logo, obwohl ich im Germanistik-Grundstudium gelernt habe, dass man immer fein zwischen Autor und Erzähler trennen soll, beiße ich direkt an. Fingierte Authentizität hin und oder her, was interessiert es mich, ich frage mich trotzdem, ob Krachts Großvater tatsächlich ein unverbesserlicher Nazi war, ob der 25-jährige Kracht sich beim Schreiben von Faserland wirklich in einer Einzimmerwohnung in Hamburg-Ottensen ausschließlich von Pizza-Baguette, Toastbrot und Ravioli ernährt hat, und ob er im Ernst bei einer Feier seines Verlags versucht hat, den damaligen Außenminister Joschka Fischer niederzuringen und deswegen wenige Sekunden später von Fischers Leibwächtern mit Plastikfesseln versehen auf den Boden gedrückt wurde.

Gewitztes Spiel eines unzuverlässigen Erzählers

Dabei ist es für den Roman vollkommen irrelevant, was davon mit der Wirklichkeit übereinstimmt und was nicht, aber Kracht spielt in Eurotrash einfach zu raffiniert mit Realität und Fiktion, als dass ich mich dem entziehen könnte, vor allem weil er das Ganze mit so viel Augenzwinkern, Witz und Selbstironie anpackt, dass es eine ungeheure Komik entfaltet.

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