Archiv der Kategorie: Storys

Schnaps gegen Kafka

 

„Schnaps gegen Kafka“ ist ein Text, den ich für den 1. Teil der Lesereihe „Kafka in der Arschtasche“ geschrieben und bei der 5. Ausgabe noch einmal in einer überarbeiteten Version gelesen habe.

Viel Spaß beim Hören & nicht vergessen: Erzähler & Autor sind natürlich nicht identisch:-)

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Das Los des Flaschensammlers ein Märchen

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Es war einmal in Bremen ein Mann, der hatte keine Arbeit und nicht viel Geld, aber einen Traum: Er träumte davon, eines Tages bei der jährlichen Bürgerparktombola ein Auto zu gewinnen. Zwar besaß er keinen Führerschein mehr, dennoch sehnte er sich danach, mit einem eigenen Wagen zur Nordsee zu fahren, um aufs Meer hinauszuschauen und die großen Schiffe mit der Autohupe zu grüßen.

Da der Mann es sich nicht leisten konnte, täglich aus eigener Tasche die Lose zu bezahlen, ging er während der Tombola-Wochen jeden Abend zum Bremer Bahnhofsplatz und wühlte in den Mülleimern nach Pfandflaschen. Das Pfand löste er im Supermarkt ein, um sich am nächsten Tag an den kleinen Buden vor dem Bahnhof zwei oder drei Lose zu kaufen – je nachdem wie viel Geld er durch die Flaschen zusammenbekommen hatte.

In all den Jahren hatte er hin und wieder verschiedene Preise gewonnen: mehrmals rosafarbene Papierservietten oder Frühstücksflocken einer Bremer Firma, auch Schokolade, Lakritze oder Kinogutscheine hatte ihm das Losglück beschert, und einmal sogar eine Eintrittskarte für ein Spiel im Weserstadion.

Obwohl ihm die Frühstücksflocken und die Lakritze geschmeckt und der Kinofilm und das Fußballspiel gut gefallen hatten, war er mit seinen Preisen nicht glücklich, denn er wollte das Auto gewinnen und nicht Servietten oder Kinogutscheine.

Nie habe ich Glück“, dachte er, gab trotzdem nicht auf, sondern versuchte es jedes Jahr von Neuem. Und so ergab es sich, dass er eines Tages wieder zu einer Losbude auf dem Bahnhofsplatz ging, um sich vom Erlös der eingesammelten Pfandflaschen zwei Lose zu kaufen. Das erste Los war eine Niete, auf dem zweiten jedoch stand eine Gewinnnummer. Der Mann hastete zur Gewinnausgabe vor der Bahnhofshalle und schob der Frau hinter dem Tresen das Los zu.

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KERBEN IM HUCKELRIEDER DICKICHT

Nun ist es da, knapp 300 Meter von meiner Haustür entfernt, hinterm Deich: das erste internationale Huckelrieder Kiosk-Festival. Mein Stadtteil als Herberge eines internationalen Events?

Ich stehe auf der Deichkrone, im Rücken den verlotterten Spielplatz und den Buntentorsteinweg, vor mir die Kleine Weser. Auf der Wiese zu meinen Füßen steht die vertraute Kioskbude, in der schon seit über einem Jahr nichts mehr verkauft wird, in die jetzt aber neues Leben eingekehrt ist; zudem hat sie für ein paar Tage Gesellschaft bekommen von vier weiteren Kiosken, zahlreichen Bierbänken, Sonnenstühlen, Strohballen und einem Tipi, in dem der Huckelrieder Liedermacher sitzt und Gitarre spielt.

Was soll das sein?“, fragt mich ein Mann mit Fünfzigerjahrebrille auf der Nase und einem Pudel an der Leine. Ich zucke die Schultern, sage: „Wahrscheinlich Kunst.“ Er schnieft kurz, lässt seinen Blick kreisen, sieht mich wieder an: „Kunst?“ Ich nicke, er schüttelt den Kopf.

Na denn. Komm Hansi, das ist nichts für uns! Das ist Kunst.“ Sagt es und schleift seinen Pudel hinter sich her, der so ausschaut, als wäre er gern noch ein bisschen geblieben. Ich blicke den beiden nach, sinniere einen Augenblick über den Stellenwert von Kunst im Leben von Pudelbesitzern und steige dann hinunter zur Deichschartschreiberin, einer befreundeten Schriftstellerin, die im wiederbelebten Kiosk hinter einer Schreibmaschine sitzt und auf Geschichten wartet, wenn sie nicht im Stadtteil auf Entdeckungstour geht, um selbst Geschichten aufzuspüren – so wie heute, wo sie mit mir zum Golfen verabredet ist.

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LIEBESLÖFFEL

Vor ein paar Tagen traf ich in der Innenstadt zufällig einen ehemaligen Studienkollegen, den ich seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte. Früher hatten wir beide oft stundenlang in Kneipen die Köpfe zusammengesteckt, über Projekten gebrütet oder einander von unseren meist armseligen Frauengeschichten berichtet; doch nach dem Studium hatten wir uns peu à peu aus den Augen verloren.

Nun stand er wieder vor mir, trübte meine Wiedersehensfreude jedoch dadurch, dass er mich in ein sonderbar anmutendes Small Talk-Geplänkel verwickelte. Nach einer minutenlangen Oberflächenerkundung kam er schließlich zur Sache und verkündete stolz, dass er vor wenigen Tagen geheiratet habe.

Wir passen wirklich gut zueinander“, sagte er. „Wir benutzen beide beim Frühstück einen Extralöffel für die Marmelade.“

Ich stutzte. In all den Jahren der Partnersuche hatte ich mich auf Kriterien wie Charakter, Intelligenz und Humor konzentriert, darüber hinaus hatten des Öfteren auch Gesicht, Frisur oder Körperbau einen gewissen Einfluss auf meinen Gefühlshaushalt ausgeübt – das Benutzen eines Extralöffels für die Marmelade indes hatte nie eine Rolle gespielt.

Leicht irritiert kommentierte ich den Satz meines Bekannten mit einem spärlichen „Aha“, mehr wusste ich nicht zu sagen. Das schien meinem Gegenüber keine angemessene Reaktion zu sein, jedenfalls musterte er mich kurz, eröffnete mir dann, dass er nun dringend weiter müsse, drehte sich um und schritt davon.

Ich ohrfeigte mich innerlich für mein fehlendes Einfühlungsvermögen; und um zumindest im Nachhinein einen Hauch von Empathie aufzubringen, versuchte ich, mir in einer Art Gedankenexperiment die Situation meines Bekannten bildlich mit liebevollen Details auszumalen, indem ich mir folgendes Szenario zusammenfantasierte:

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DER SPUCKENDE ZWERG

Es war ein trauriger Tag, als ich in meiner Einzimmerwohnung auf einem Holzstuhl stand. Ich hatte das platt gesessene Sitzkissen heruntergenommen, um nicht darauf auszurutschen. Den Strick hatte ich mit dem einen Ende an einem Dachbalken befestigt, das andere Ende hatte ich zu einer Schlinge gebunden und mir um den Hals gelegt. Der Strick war alt und brüchig; ich konnte nur hoffen, dass er für mein Vorhaben ausreichen würde. Einen besseren Strick hatte ich mir nicht leisten können – auch das Drehbuch meines Abgangs sollte mit der Feder der Armut geschrieben werden. Und das mir, dem vielleicht begnadetsten Poeten unserer Zeit! Glauben Sie mir: Selbst Hölderlin und Nietzsche, meinen von ihrer Zeit verkannten Dichterkollegen, dürfte weniger Leid widerfahren sein als mir.

Mit meinen Armen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten, was der Stuhl mit einem spöttischen Knarren kommentierte. Nicht einmal in diesem entscheidenden Augenblicke ward mir Stille gegeben. Des Nachts rumorten die Mäuse auf dem Dachboden und am Tage … an jenem Tage knarrte ein schäbiger Holzstuhl, auf dem ich verharrte, um noch einen letzten Blick auf meinen vergoldeten Bilderrahmen zu werfen, den ich eigenhändig an die Wand genagelt hatte.

Dieser Rahmen umrandete mein Meisterwerk – den Spuckenden Zwerg. Der Spuckende Zwerg war ein Gedicht … Ach, was sage ich: Er war das Gedicht! Der Höhepunkt meines Schaffens!

Damit Sie meinen Stolz besser nachvollziehen können, wäre es an dieser Stelle wohl angebracht, das Gedicht zu zitieren. Also, nun gut:

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DIE LEGENDE VON DER NEUSTADT

Der Bremer Neustädter hat es nicht leicht: Nacht- und Kulturleben der Hansestadt spielen sich nicht in seinem Stadtteil, sondern auf dem anderen Weserufer im Steintorviertel ab, wo Studenten, selbst ernannte Lebenskünstler sowie stadtbekannte Szenegrößen in ihrer zeitgemäß aparten Kluft über den Ostertorsteinweg flanieren. Besuch von diesen bewunderungswürdigen Wesen sollte der Neustädter nicht erwarten, denn er lebt auf der falschen Seite, die zu betreten einem Viertelbewohner nicht zugemutet werden darf.

Neustadt? … Neustadt … das ist doch … ist das nicht …?“, fragt der Viertellini ein wenig verwirrt, wenn er auf jenen Stadtteil angesprochen wird, zuckt schließlich mit den Schultern und verschwindet in einer Kneipe am Eck, um der entstandenen Irritation mit ein paar Becks beizukommen.

Neustadt, das ist … ja, ist Bremen, ist jedoch jenseits des Flusses, den der Viertelbewohner lediglich aus der Schräglage seiner Kuschelwiese, dem Osterdeich, kennt. Der Fluss, das ist die Weser, das weiß er wohl – aber dahinter, hinter der Weser?

Da ist das Café Sand. Das sieht man doch!“

Ja, aber was ist hinter diesem?

Hinter dem Café Sand soll noch etwas sein?“ fragt er mit aufgerissenen Augen, starrt in den Abendhimmel über dem Stadtwerder und erschaudert beim Gedanken daran, sich in jene Ferne hinauszuwagen und hinabzustürzen in die niedersächsische Provinz, die er dort bisher vermutet hat. Hinter dem Café Sand lauert das Ende seines schnuckligen Biotops, das er nicht freiwillig verlässt, denn wer weiß, ob es eine Rückkehr geben wird, wenn er in die rauen Gefilde der Peripherie vordringt.

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