Monatsarchiv: April 2021

Balkonmomente … oder Selbstgedrehte bei hereinbrechender Nacht*

Spätabends hocken wir auf dem Balkon und schmöken, obwohl wir beide eigentlich Nichtraucher sind. Mit den Tabakresten, die schon seit Jahren in einem Fotofilmdöschen vor sich hin trockneten, hast du uns eine Selbstgedrehte gebastelt, die nun im Teelichtgeflacker zwischen uns hin und her wandert. Wir reden über den Arbeitsstress, der unseren Alltag taktet, und über den Quatsch, den wir in der letzten Nacht geträumt haben. Der Bambus, der in meinen Blumenkästen wuchert, raschelt mit seinen Blättern im Wind, der den Qualm in die Wohnung treibt, egal wie sehr wir uns bemühen, mit gespitzten Lippen die Rauchwölkchen über die Balkonbrüstung hinaus in den Hinterhof zu schicken.

Du hattest Lust, eine Zigarette zu rauchen, und ich hatte noch eine Packung mit alten Papers und das Filmdöschen mit Tabakresten, das längst vergessen in einer Schublade neben vollgekritzelten und genauso vergessenen Notizbüchern schlummerte. Der Tabak ist eigentlich viel zu trocken, um ihn genießen zu können, aber es ist auch komplett egal, wie die Selbstgedrehte schmeckt, solange wir einfach auf dem Balkon beieinandersitzen, der hereinbrechenden Nacht entgegenblicken und in den Sprechpausen den Geräuschen der Stadt lauschen – eine Straßenbahn, die auf der Friedrich-Ebert vorüberrauscht, eine zuknatternde Jalousie, der im Badezimmer gurgelnde Nachbar, ein aufheulendes Motorrad, eine im Hinterhof schreiende Katze.

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Kurzprosa mit Raum für Poesie

Ralf Rothmanns Erzählungsband „Hotel der Schlaflosen“

Nachdem Buchbesprechungen in den ersten Jahren eine zentrale Rolle auf diesem Blog gespielt haben, sind sie zuletzt ziemlich in den Hintergrund geraten. Da ich aber immer noch viele Neuerscheinungen lese, sollen kurze Rezensionen und kleine Buchtipps hier zukünftig wieder häufiger auftauchen. Das ist zumindest der gute Vorsatz – mal schauen, ob es klappt. Los geht es mit einer Besprechung zu einem meiner Lieblingsautoren (auch wenn das Buch bereits im Frühjahr 2020 erschienen ist).

Als ich vor drei oder vier Jahren im Anschluss an eine Lesung, die ich im Wallsaal der Stadtbibliothek moderiert hatte, mit dem Berliner Schriftsteller Ingo Schulze über seinen Kollegen Ralf Rothmann sprach, meinte Schulze, dass er nicht die Romane, sondern Rothmanns Erzählungen für seine besten Texte halte. Ich nickte und dachte sofort an Rothmanns ersten Erzählungsband „Ein Winter unter Hirschen“ (2001), der nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört. Zwar mag ich auch Rothmanns Romane (wie „Stier“, „Junges Licht“, „Feuer brennt nicht“ oder „Im Frühling sterben“), aber seine Erzählungen gehören meiner Meinung nach zu dem Besten, was die deutschsprachige Literatur zu bieten hat, und jedem, der noch nichts von Rothmann gelesen hat, würde ich empfehlen, mit seinen Erzählungen zu beginnen, auch wenn Erzählbände unverständlicherweise nach wie vor einen schweren Stand in Deutschland haben.

Nachdem die Veröffentlichung des letzten Erzählungsbands („Shakespeares Hühner“) bereits acht Jahre zurücklag, ist im vergangenen Jahr mit „Hotel der Schlaflosen“ ein neuer erschienen, der elf Texte versammelt. In mehreren Geschichten steht wie so oft bei Rothmann das Arbeitermilieu im Fokus – die Protagonisten sind Maurer, Bestatter, Bergmänner. Deren Lebenswelt ist dem gelernten Maurer und Sohn eines Bergarbeiters vertraut, das spürt man in den Schilderungen der jeweiligen Szenerie, im authentischen Tonfall, dem fein abgestimmten Jargon in den knappen Dialogen. Rothmann ist ein im besten Sinne unakademischer Autor, dem es in seinen Texten nie darum geht, intellektuell aufzutrumpfen oder zu zeigen, wie famos er seitenlange (mit Fremdwörtern gespickte) Schachtelsätze zu konstruieren versteht. Vielmehr steht das Erzählen an sich im Vordergrund – die Magie einer alltäglichen Geschichte, die Poesie eines Augenblicks, der Zauber des Unspektakulären, die Schönheit der Sprache. Obwohl er als exzellenter Beobachter durchaus detailliert, bilderreich und zugleich stets realistisch beschreibt, erzählt er in seinen Texten nie mehr als nötig, lässt stattdessen als Meister der Andeutung vieles unausgesprochen, sodass immer genügend Raum für die Poesie der Geschichten und die Fantasie der Leser*innen bleibt.

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Thanatos am Turning Torso oder Freuds Widerlegung

Ihre Neugier treibt sie über die Außentreppe nach oben, dabei ist die an der Turmfassade montierte Stahltreppe ganz sicher nur als Fluchtweg gedacht, aber als sie die offene Tür entdeckt, lockt es sie und sie steigt die Stufen hinauf. Jetzt steht sie auf einer Art Balkon, hält sich am Geländer fest und lässt ihren Blick über die Stadt zum Meer hinausschweifen. Neben ihr stehen zwei Typen, die (genauso neugierig wie sie) ihr hinterhergestiefelt sind. Obwohl sie in Schweden ist, sind es natürlich zwei Deutsche, überall trifft sie auf deutsche Touristen. Wie gern würde sie einfach in Ruhe den Ausblick genießen, doch sie kann das Gespräch der beiden nicht ausblenden, hört, dass einer der beiden lange unter Höhenangst gelitten hat, aber besser damit klarkommt, seitdem er auf Baustellen arbeitet. Im Prinzip wisse er ja, dass Konstruktionen wie diese hier stabil seien, sagt er, beginnt dann jedoch von einer Baustelle zu erzählen, bei der Dübel irgendwelcher Sicherheitsstufen in einem Blech verarbeitet worden seien, das nicht annähernd so viel aushalte wie die Dübel, und dass es dann eben nichts nütze, wenn man mit den besten Sicherheitsdübeln arbeite, so etwas werde ständig ignoriert … und so weiter … der Rest seines Monologs verwischt, denn plötzlich ist sie wieder da, ihre eigene Höhenangst, aber es ist nicht die Angst, dass sich Schrauben oder Dübel lösen, das Geländer wegbrechen und sie deshalb hinabstürzen könnte, es ist eine andere Angst – die Angst, sie selber könnte ohne konkreten Grund in die Tiefe springen. Es ist ein Sog, der sie unerwartet packt, sie in die Tiefe lockt.

Sie kennt diesen Sog bereits, er hat schon häufiger an ihr gezerrt, und in Momenten wie diesem fürchtet sie, ihm zu unterliegen … Jedenfalls kann sie jetzt nicht mehr am Geländer stehen bleiben, zu sehr zerrt es an ihr, also setzt sie sich auf eine Stufe, beugt sich nach vorne und umklammert ihre Oberschenkel. Das Sitzen beruhigt sie ein wenig, doch sie bleibt sich selbst unheimlich. Sie muss daran denken, wie sie der Sog vor einem Jahr so stark gepackt hat wie noch nie zuvor. Sie stand in Rügen auf der Plattform eines Leuchtturms. Das Meer im Rücken, vor ihr die geschwungene Landschaft, ein Mähdrescher, der sich durchs Korn pflügte, Schafe, die über eine Weide trotteten, einzelne auf das Himmelsblau getupfte Wolken … und plötzlich riss etwas heftig an ihr, drohte sie hinabzuziehen. Sie schaute hinunter, sah die Menschen, die sich unten auf dem Gelände um den Leuchtturm herum tummelten, wie kleine animierte Playmobilfiguren. Das brusthohe Geländer wäre mit einem Sprung leicht zu überwinden gewesen, und etwas in ihr lockte sie, genau das zu tun: zu springen. Mit einem Satz wäre alles vorbei gewesen, all die Sorgen, all die Ängste, all ihre Leiden. Aber auch all ihre Freuden und Freundschaften, all ihre Hoffnungen, all ihr Glück.

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Schnappschuss mit Autoscooter

Mit vierzehn im Spätsommer auf dem Stadtfest und einem halben Dutzend Fahrchips in der rechten Hosentasche. Du im Autoscooter neben mir. Es hat mich unglaublich viel Überwindung gekostet, dich zu fragen, ob du Lust hättest, mit mir zu fahren. Nun sitzt du in dem kleinen Gefährt so dicht neben mir, dass sich unsere Körper berühren. Ich beginne zu zittern, weiß nicht, worüber ich reden und was ich mit meinen Händen machen soll, während wir auf der Fahrfläche unsere erste Runde drehen. Im Gegensatz zu den anderen Jungs in meinem Alter traue ich mich nicht, nur mit der linken Hand zu lenken, um die rechte auf deinen Rücken oder deine Schulter zu legen. Nicht dass ich mich nicht traue, bloß mit einer Hand zu lenken, aber ich traue mich nicht, meinen Arm um dich zu legen. Dabei täte ich nichts lieber, doch ich weiß nicht, wie das funktioniert, und habe keine Ahnung, warum die anderen das können.

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Morgendliche Milchschaumexplosion

Beim Blättern im Notizbuch wiederentdeckt: Ein kurzer Text aus Zeiten, in denen ich frühmorgens noch in der überfüllten Regionalbahn zur Arbeit fuhr, beim Coffee-to-go noch zu Plastikdeckeln griff und der Begriff Social Distancing noch nicht unseren Alltag prägte. Ein Text, der zudem erklärt, warum ich der Meinung bin, dass man eigentlich nicht vor sieben Uhr morgens aufstehen sollte.

Morgens um kurz vor sieben in der Bahnhofshalle. Bin mal wieder zu spät aus dem Bett gekrochen und ohne Frühstück in den Tag gestartet, kaufe mir deshalb auf die Schnelle noch einen Coffee-to-go und stehe nun vor der Station mit dem zusätzlichen Gedöns (Deckel, Rührstäbchen, Servietten, Zuckertütchen etc.), greife mir rasch einen Plastikdeckel und drücke ihn auf den Pappbecher; allerdings will der Deckel nicht so recht auf meinen Becher passen, weshalb ich leicht hektisch (in fünf Minuten fährt mein Zug) etwas fester drücke … etwas zu fest … nämlich so fest, dass der Becher einknickt und eine Kaffee-Milchschaumfontäne durch die Trinköffnung des Deckels meterhoch in die Höhe schießt, an mir vorbei (puh, Glück gehabt!) auf den Rücken eines Anzugträgers, der nun komplett – vom Kragen übers anthrazitfarbene Jackett bis hinunter zum Hosensaum – mit Cappuccino besprenkelt ist.

Ich starre auf die Rückseite des Mannes, fasse es nicht … Ist das gerade wirklich passiert? Der Mann scheint nichts bemerkt zu haben (vielleicht ist es also wirklich nicht passiert?), jedoch zwei, drei Leute, die um mich herumstehen und nun ähnlich fassungslos auf den Rücken des Mannes starren (offenbar ist es also doch passiert).

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