Archiv der Kategorie: Blog

Schnappschuss mit Autoscooter

Mit vierzehn im Spätsommer auf dem Stadtfest und einem halben Dutzend Fahrchips in der rechten Hosentasche. Du im Autoscooter neben mir. Es hat mich unglaublich viel Überwindung gekostet, dich zu fragen, ob du Lust hättest, mit mir zu fahren. Nun sitzt du in dem kleinen Gefährt so dicht neben mir, dass sich unsere Körper berühren. Ich beginne zu zittern, weiß nicht, worüber ich reden und was ich mit meinen Händen machen soll, während wir auf der Fahrfläche unsere erste Runde drehen. Im Gegensatz zu den anderen Jungs in meinem Alter traue ich mich nicht, nur mit der linken Hand zu lenken, um die rechte auf deinen Rücken oder deine Schulter zu legen. Nicht dass ich mich nicht traue, bloß mit einer Hand zu lenken, aber ich traue mich nicht, meinen Arm um dich zu legen. Dabei täte ich nichts lieber, doch ich weiß nicht, wie das funktioniert, und habe keine Ahnung, warum die anderen das können.

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Morgendliche Milchschaumexplosion

Beim Blättern im Notizbuch wiederentdeckt: Ein kurzer Text aus Zeiten, in denen ich frühmorgens noch in der überfüllten Regionalbahn zur Arbeit fuhr, beim Coffee-to-go noch zu Plastikdeckeln griff und der Begriff Social Distancing noch nicht unseren Alltag prägte. Ein Text, der zudem erklärt, warum ich der Meinung bin, dass man eigentlich nicht vor sieben Uhr morgens aufstehen sollte.

Morgens um kurz vor sieben in der Bahnhofshalle. Bin mal wieder zu spät aus dem Bett gekrochen und ohne Frühstück in den Tag gestartet, kaufe mir deshalb auf die Schnelle noch einen Coffee-to-go und stehe nun vor der Station mit dem zusätzlichen Gedöns (Deckel, Rührstäbchen, Servietten, Zuckertütchen etc.), greife mir rasch einen Plastikdeckel und drücke ihn auf den Pappbecher; allerdings will der Deckel nicht so recht auf meinen Becher passen, weshalb ich leicht hektisch (in fünf Minuten fährt mein Zug) etwas fester drücke … etwas zu fest … nämlich so fest, dass der Becher einknickt und eine Kaffee-Milchschaumfontäne durch die Trinköffnung des Deckels meterhoch in die Höhe schießt, an mir vorbei (puh, Glück gehabt!) auf den Rücken eines Anzugträgers, der nun komplett – vom Kragen übers anthrazitfarbene Jackett bis hinunter zum Hosensaum – mit Cappuccino besprenkelt ist.

Ich starre auf die Rückseite des Mannes, fasse es nicht … Ist das gerade wirklich passiert? Der Mann scheint nichts bemerkt zu haben (vielleicht ist es also wirklich nicht passiert?), jedoch zwei, drei Leute, die um mich herumstehen und nun ähnlich fassungslos auf den Rücken des Mannes starren (offenbar ist es also doch passiert).

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Geschnipseltes im Park

Freiluft-Lesung am Donnerstag bei KUKOON IM PARK

Es ist eine ganze Weile her, dass ich eigene Texte aus meinem literarischen Gesamtkuddelmuddel im Rahmen einer öffentlichen Lesung irgendwo präsentiert habe (genaugenommen schon über zwei Jahre). Am kommenden Donnerstag ist es aber endlich mal wieder soweit: Bei „Kukoon im Park“ werde ich bei (hoffentlich) herrlichem Sommerwetter unter dem Motto „Geschnipseltes“ für eine Stunde vor allem Miniaturen, Schnappschüsse und Schnipsel aus meinem ewig unvollendeten Bremen-Buch-Projekt in den Abend streuen und Auszüge aus meinem Kleinstadt-Roman-Projekt lesen, an dem ich in den letzten zwei Wochen weitergebastelt habe, nachdem es recht lange brach lag.

Bin gespannt auf die Lesung und freue mich auf bekannte und unbekannte Gesichter im Publikum. Statt findet das Ganze am Donnerstag, dem 20. August um 20 Uhr in den Neustadtswallanlagen/Leibnizplatzpark (in Sichtweite des Zentaurenbrunnens).

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Schreiben in Zeiten von Corona

Mehr Zeit zum Schreiben und zum Lesen! Das war ein spontaner Gedanke, der mir kam, als sich Mitte März andeutete, dass der allgemeine Betrieb in den nächsten Wochen deutlich heruntergefahren würde. Und mit diesem Gedanken war ich offenbar nicht allein – auf den ersten Blick erschien vielen die verordnete Zwangspause vom gesellschaftlichen Leben eine willkommene Gelegenheit, sich von der alltäglichen Hektik zu erholen und dieses Zeitfenster, das sich da plötzlich öffnete, zu nutzen, um sich endlich einmal anderen, so oft vernachlässigten Tätigkeiten zuzuwenden. Bei vielen schien diese Stimmung allerdings recht rasch zu kippen, als ihnen bewusst wurde, welche Konsequenzen die Beschränkungen mit sich bringen.

Mir selbst erschien das Weiterarbeiten an eigenen literarischen Projekten als viel zu banal, als überflüssig angesichts der aktuellen Lage, in der viele Menschen existenzielle Kämpfe auszufechten haben bzw. viel mehr und noch härter als sonst arbeiten müssen. Doch zugleich bin ich davon überzeugt, dass auch in einer solchen Krise weitergeschrieben werden muss, auch an Texten, die nichts mit der aktuellen Situation zu tun haben. Für einige ist das Weiterschreiben sogar lebenswichtig, und zwar vor allem für all jene, für die das Schreiben schlicht und einfach ihr Beruf ist, ihre Arbeit, von der sie leben. Dementsprechend gilt es (soweit die Rahmenbedingungen es zulassen) weiterzuschreiben, seine Arbeit fortzusetzen und damit auch eine Form von Normalität aufrechtzuerhalten – auch wenn einem das in manchen Momenten zurzeit absurd vorkommen mag.

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Schnappschuss mit Auto

Es ist Donnerstagnacht. Bis eben haben wir getanzt. Marc und ich in der Indie-Disco, die jeden Donnerstag in dem Großraumschuppen stattfindet, den wir sonst eigentlich meiden, aber so oft wir können ansteuern an dem Indie-Donnerstag. Der letzte Song, zu dem wir getanzt haben, ist Peaches gewesen von The Presidents of the United States of America. „Movin‘ to the country, gonna eat a lot of peaches, movin‘ to the country, gonna eat me a lot of peaches … Millions of peaches, peaches for me, millions of peaches, peaches for free. Look out!”

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kein gedicht – kein gesuch

ich habe meinen verstand
verloren
wer hätte das ahnen können
es ist ein wenig traurig
aber was soll ich tun
weg ist weg

vor ein paar jahren
auf einem parkplatz
zwischen einem mülleimer
und einem einkaufswagen
habe ich meinen verstand
verloren
und es erst stunden später
bemerkt
zuhause
bei der zeitungslektüre
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Die letzte Videothek

Es gibt Orte, die bleiben, und man wundert sich, dass sie bleiben. Orte wie die Videothek in der Kornstraße, die immer noch da ist, obwohl inzwischen alle streamen. Erhebt sich heutzutage noch irgendwer freitag- oder sonntagabends vom Sofa und schleppt sich durch die Stadt, um in einem muffigen, mit DVD-Hüllen vollgestopften Kabuff umherzuirren, bis er endlich fündig geworden ist? Schwer vorstellbar, und doch sehe ich zuweilen, wie Menschen die Videothek betreten oder verlassen. Sie sorgen gemeinsam dafür, dass dieses Relikt am Leben bleibt und beharrlich dem Fortschritt trotzt. Eigentlich ein sympathisches Unterfangen, das es zu unterstützen gilt, denke ich und gehe Woche für Woche vorüber an dem Schaufenster, bis ich schließlich eines Tages dringend einen Film sehen muss, der in den unendlichen Weiten des Internets nirgends zum Streamen zur Verfügung steht. Das ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe.

Am einem milden Dezemberabend verlasse ich meine Wohnung, spaziere die Straße hinunter, steuere die Videothek an und finde dort tatsächlich nach zwei oder drei Minuten den gesuchten Film, der für eine Leihgebühr von einem Euro zu haben ist.

Während der Angestellte hinterm Tresen mir ein Konto einrichtet und einen Leihausweis erstellt, schaue ich mich ein wenig um und entdecke dabei die aufgehängten Schilder: Alles muss raus!

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Zigarettenpause im Holzhafen

Sie drückt die halb aufgerauchte Zigarette an der Straßenlaterne aus, als der Wagen vor ihr hält.

„Wie viel?“, fragt der Typ, nachdem er die Scheibe runtergekurbelt hat. Sie nennt ihm die Preise, während seine Glupschaugen auf ihren Busen starren.

„So viel!“

„Ja, so viel.“

„Das habe ich hier schon mal günstiger bekommen.“

„Nicht bei mir“, sagt sie, greift mit ihrer Rechten in ihre Handtasche und wühlt nach dem Feuerzeug.

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The Holy Bob in der Stadthalle

Gerade hat er sein linkes Bein bewegt. Das fiel sofort auf im gleißenden Licht. Dort steht er ganz allein, dort oben im Spotlight auf der Bühne in der Stadthalle. Er allein mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika, so wie man ihn kennt von den Plattencovern und Postern, steht er da in echt und spielt die Lieder, die längst Klassiker sind. Und die Steine rollen und der Wind weht und ein schwerer Regen fällt, doch er steht einfach nur da, spielt auf seiner Gitarre und singt.

So wie vor ein paar Wochen Joe Cocker auf der gleichen Bühne stand und sang und doch alles anders war. Cocker fuchtelte mit seinen Armen herum, wie man das von ihm kennt, begleitet von einer Band, Backgroundsängerinnen, Lichtshow, Videoprojektionen und dem ganzen Tralla. Nicht so Dylan. Der braucht keine Hilfe von irgendwem. Der kriegt’s allein hin. Cocker ist halt nicht Dylan. Niemand ist wie Dylan, manchmal nicht einmal Dylan.

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Die Zeit zwischen Molenturm & Landmarktower

Molenturm

Sie sitzt im Molenturm, schaut durch eins der kleinen Fenster hinaus. Über der Weser kreisen kreischende Möwen, zanken sich um etwas, das sie nicht erkennen kann. Das ist nun ihr Arbeitsplatz als offizielle Schreiberin der fantastischen Republik Utopistan, die ein Künstlerkollektiv für einen Monat auf der Brache im Europahafen ausgerufen hat. Zwei Wochen lang darf sie schreiben, darf schreiben, was immer sie will – in Utopistan sage einem niemand, was man zu tun oder zu lassen habe, hieß es in der Ausschreibung. An der Kaimauer sitzt ein Angler und raucht eine Zigarette. Am gegenüberliegenden Ufer steigen ein paar Leute vom Anleger auf die Fähre. Sie hatte die Ausschreibung gelesen und gedacht, warum nicht. Zwei Wochen lang im Molenturm sitzen und schreiben. Klang wie ein Traum. Heute ist erst der dritte Tag, die ersten beiden Nächte waren kalt, ihr Rücken schmerzt, der Instantkaffee schmeckt genau so, wie er aussieht. Sie stellt die Tasse auf dem einzigen Stuhl ab, streckt sich, stößt sich den Kopf an der niedrigen Decke, flucht, greift sich einen Kugelschreiber und ihr Notizbuch, in das sie gestern nur ein paar Sätze gekritzelt, die sie später wieder durchgestrichen hat. Sie steckt beides in die linke Manteltasche, öffnet die Tür.

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