Ins Meer stürzende Männer

Wie ein Adonis steht er barfuß auf der Brüstung, mit braungebranntem, durchtrainiertem Oberkörper und angespannten Muskeln. Seine blutrote Badehose leuchtet in der Mittagssonne. Entschlossen ist er von der Promenade zur Spitze dieses schmalen Balkons geschritten, der wie ein Steg aus der Festungsmauer herausragt, vermutlich als Aussichtsplattform gedacht, damit der Blick ungestört übers Meer hinaus bis nach Kopenhagen schweifen kann. Nur kurz gezögert hat er, bevor er auf das Geländer geklettert ist, an dem Dutzende Liebesschlösser hängen und von dem sich in der letzten halben Stunde bereits mehrere Männer ins Meer gestürzt haben. Leicht wackelig sah es aus, als sich seine Hände vom Metall lösten, er seine Knie durchdrückte und sich aufrichtete. Seitdem steht er da, kerzengerade mit angespannten Muskeln und konzentriertem Blick. Schon eine ganze Weile steht er so da. Schaut hinunter zum Meer, das zehn bis zwölf Meter unter ihm sanfte Wellen schlägt. Einige Passanten sind stehen geblieben auf der Promenade und starren zu ihm rüber. Auch der langhaarige Blonde steht mittlerweile zwischen ihnen, mit nassen Haaren und tropfender Bermudashorts. Vor wenigen Minuten stand er noch dort, wo jetzt der andere steht. Ganz rasch war es bei ihm gegangen. Kaum hatte er auf der Brüstung gestanden, war er auch schon hinuntergesaust – rückwärts mit einem Salto, um dann kopfüber ins Wasser zu tauchen. Der andere hatte ihm dabei zugeschaut und blickt nun in die Tiefe. Zweimal ging bereits ein Zucken durch seinen Körper. Jetzt springt er, dachte ich, doch dann straffte er erneut seinen Körper, drückte den Rücken durch und schaute in die Ferne. Der junge Mann und das Meer, witzelt eine Frau neben mir, die das Schauspiel durch die Kamera ihres Smartphones verfolgt. Die ersten Passanten spazieren weiter, das dauert ihnen zu lange, vor allem wenn man nicht einmal weiß, ob der Typ überhaupt irgendwann springt. Andere scheinen hin- und hergerissen. Wäre doch schade, wenn man den Sprung verpassen würde. Vielleicht gibt’s sogar ein kleines Drama, wer weiß. So ein Sprung ist bei der Höhe ja nicht ohne.

Er springt nicht mehr, denke ich, wende den Blick aber nicht ab, obwohl ich hier eigentlich sitze, um ein wenig in dem Buch zu lesen, das ich heute Morgen in einem Antiquariat in der Altstadt ergattert habe. Ob es wohl das erste Mal ist, dass er aus einer solchen Höhe zu springen versucht, frage ich mich, spüre in dem Moment die Vibration meines Telefons in der Hosentasche, greife danach, ziehe es hervor, wische über das Display und lese die Nachricht, die mir eine Freundin geschickt hat, tippe hastig eine Antwort, drücke auf Senden und schaue wieder auf. Der Balkon ist leer, der junge Mann in der roten Badehose verschwunden, auch im Meer kann ich ihn nirgends entdecken. Aus den Gesichtern der stehengebliebenen Passanten lässt sich nichts deuten, sie schauen jetzt dem Blonden dabei zu, wie er aufs Geländer steigt, mit einem doppelten Salto in die Tiefe stürzt und kopfüber kerzengerade ins Meer eintaucht, bevor sie weiterspazieren. Ich will die Frau neben mir fragen, ob er gesprungen ist, der Adonis, doch die Frau ist nicht mehr da … und mein Buch, das neben mir lag, auch nicht.

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Eine Reise, die ist lustig, eine Reise, die tut weh

Christian Kracht erzählt in „Eurotrash“ äußerst raffiniert und mit viel Sinn für Komik von einer historisch belasteten Mutter-Sohn-Beziehung und vom Geld

Faserland konnte ich bei meiner Erstlektüre nicht leiden – was für ein unsympathisch arrogant versnobter Icherzähler war das denn! Wie er da in seiner Angeber Barbourjacke affektiert durch die Gegend stolziert, alles und jeden mit seinem blasierten Blick auf Premiumprodukte abscannt und auf neunmalkluge Art niedermacht, aber zugleich sein kaputtes Selbst nur mit Drogen mehr recht als schlecht zusammenzuhalten vermag. Pah, solche Leute konnte ich beim bestem Willen nicht ausstehen.

Mitte zwanzig muss ich da gewesen sein, und offenbar hatte Christian Krachts Debüt einen Nerv bei mir getroffen, verstanden hatte ich es allerdings nicht. Bei der Zweitlektüre, gut zehn Jahre später, fand ich es hingegen großartig. Vielleicht hatte ich es endlich verstanden oder vielleicht lag es auch nur daran, dass ich das Buch dieses Mal während eines zweiwöchigen Stipendiums auf Sylt las, wo Faserland beginnt.

Sylt spielt auch in Krachts aktuellem Roman Eurotrash eine Rolle, obwohl sich die Geschichte, die Kracht darin erzählt, in erster Linie in der Schweiz abspielt. Los geht’s in Zürich, also genau in jener Stadt, in der Faserland endet; und das ist natürlich kein Zufall, denn der Icherzähler von Eurotrash ist ein gewisser Christian Kracht, der von sich aber auch schon mal behauptet, Daniel Kehlmann zu sein, wenn er nicht erkannt werden möchte. Dieser Icherzähler hat vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben, die er aus irgendeinem Grund, der ihm nun leider nicht mehr einfalle, Faserland genannt hatte.

Damit legt der Autor Kracht gleich zu Beginn einen autobiografischen Köder, und logo, obwohl ich im Germanistik-Grundstudium gelernt habe, dass man immer fein zwischen Autor und Erzähler trennen soll, beiße ich direkt an. Fingierte Authentizität hin und oder her, was interessiert es mich, ich frage mich trotzdem, ob Krachts Großvater tatsächlich ein unverbesserlicher Nazi war, ob der 25-jährige Kracht sich beim Schreiben von Faserland wirklich in einer Einzimmerwohnung in Hamburg-Ottensen ausschließlich von Pizza-Baguette, Toastbrot und Ravioli ernährt hat, und ob er im Ernst bei einer Feier seines Verlags versucht hat, den damaligen Außenminister Joschka Fischer niederzuringen und deswegen wenige Sekunden später von Fischers Leibwächtern mit Plastikfesseln versehen auf den Boden gedrückt wurde.

Gewitztes Spiel eines unzuverlässigen Erzählers

Dabei ist es für den Roman vollkommen irrelevant, was davon mit der Wirklichkeit übereinstimmt und was nicht, aber Kracht spielt in Eurotrash einfach zu raffiniert mit Realität und Fiktion, als dass ich mich dem entziehen könnte, vor allem weil er das Ganze mit so viel Augenzwinkern, Witz und Selbstironie anpackt, dass es eine ungeheure Komik entfaltet.

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Balkonmomente … oder Selbstgedrehte bei hereinbrechender Nacht*

Spätabends hocken wir auf dem Balkon und schmöken, obwohl wir beide eigentlich Nichtraucher sind. Mit den Tabakresten, die schon seit Jahren in einem Fotofilmdöschen vor sich hin trockneten, hast du uns eine Selbstgedrehte gebastelt, die nun im Teelichtgeflacker zwischen uns hin und her wandert. Wir reden über den Arbeitsstress, der unseren Alltag taktet, und über den Quatsch, den wir in der letzten Nacht geträumt haben. Der Bambus, der in meinen Blumenkästen wuchert, raschelt mit seinen Blättern im Wind, der den Qualm in die Wohnung treibt, egal wie sehr wir uns bemühen, mit gespitzten Lippen die Rauchwölkchen über die Balkonbrüstung hinaus in den Hinterhof zu schicken.

Du hattest Lust, eine Zigarette zu rauchen, und ich hatte noch eine Packung mit alten Papers und das Filmdöschen mit Tabakresten, das längst vergessen in einer Schublade neben vollgekritzelten und genauso vergessenen Notizbüchern schlummerte. Der Tabak ist eigentlich viel zu trocken, um ihn genießen zu können, aber es ist auch komplett egal, wie die Selbstgedrehte schmeckt, solange wir einfach auf dem Balkon beieinandersitzen, der hereinbrechenden Nacht entgegenblicken und in den Sprechpausen den Geräuschen der Stadt lauschen – eine Straßenbahn, die auf der Friedrich-Ebert vorüberrauscht, eine zuknatternde Jalousie, der im Badezimmer gurgelnde Nachbar, ein aufheulendes Motorrad, eine im Hinterhof schreiende Katze.

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Kurzprosa mit Raum für Poesie

Ralf Rothmanns Erzählungsband „Hotel der Schlaflosen“

Nachdem Buchbesprechungen in den ersten Jahren eine zentrale Rolle auf diesem Blog gespielt haben, sind sie zuletzt ziemlich in den Hintergrund geraten. Da ich aber immer noch viele Neuerscheinungen lese, sollen kurze Rezensionen und kleine Buchtipps hier zukünftig wieder häufiger auftauchen. Das ist zumindest der gute Vorsatz – mal schauen, ob es klappt. Los geht es mit einer Besprechung zu einem meiner Lieblingsautoren (auch wenn das Buch bereits im Frühjahr 2020 erschienen ist).

Als ich vor drei oder vier Jahren im Anschluss an eine Lesung, die ich im Wallsaal der Stadtbibliothek moderiert hatte, mit dem Berliner Schriftsteller Ingo Schulze über seinen Kollegen Ralf Rothmann sprach, meinte Schulze, dass er nicht die Romane, sondern Rothmanns Erzählungen für seine besten Texte halte. Ich nickte und dachte sofort an Rothmanns ersten Erzählungsband „Ein Winter unter Hirschen“ (2001), der nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört. Zwar mag ich auch Rothmanns Romane (wie „Stier“, „Junges Licht“, „Feuer brennt nicht“ oder „Im Frühling sterben“), aber seine Erzählungen gehören meiner Meinung nach zu dem Besten, was die deutschsprachige Literatur zu bieten hat, und jedem, der noch nichts von Rothmann gelesen hat, würde ich empfehlen, mit seinen Erzählungen zu beginnen, auch wenn Erzählbände unverständlicherweise nach wie vor einen schweren Stand in Deutschland haben.

Nachdem die Veröffentlichung des letzten Erzählungsbands („Shakespeares Hühner“) bereits acht Jahre zurücklag, ist im vergangenen Jahr mit „Hotel der Schlaflosen“ ein neuer erschienen, der elf Texte versammelt. In mehreren Geschichten steht wie so oft bei Rothmann das Arbeitermilieu im Fokus – die Protagonisten sind Maurer, Bestatter, Bergmänner. Deren Lebenswelt ist dem gelernten Maurer und Sohn eines Bergarbeiters vertraut, das spürt man in den Schilderungen der jeweiligen Szenerie, im authentischen Tonfall, dem fein abgestimmten Jargon in den knappen Dialogen. Rothmann ist ein im besten Sinne unakademischer Autor, dem es in seinen Texten nie darum geht, intellektuell aufzutrumpfen oder zu zeigen, wie famos er seitenlange (mit Fremdwörtern gespickte) Schachtelsätze zu konstruieren versteht. Vielmehr steht das Erzählen an sich im Vordergrund – die Magie einer alltäglichen Geschichte, die Poesie eines Augenblicks, der Zauber des Unspektakulären, die Schönheit der Sprache. Obwohl er als exzellenter Beobachter durchaus detailliert, bilderreich und zugleich stets realistisch beschreibt, erzählt er in seinen Texten nie mehr als nötig, lässt stattdessen als Meister der Andeutung vieles unausgesprochen, sodass immer genügend Raum für die Poesie der Geschichten und die Fantasie der Leser*innen bleibt.

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Thanatos am Turning Torso oder Freuds Widerlegung

Ihre Neugier treibt sie über die Außentreppe nach oben, dabei ist die an der Turmfassade montierte Stahltreppe ganz sicher nur als Fluchtweg gedacht, aber als sie die offene Tür entdeckt, lockt es sie und sie steigt die Stufen hinauf. Jetzt steht sie auf einer Art Balkon, hält sich am Geländer fest und lässt ihren Blick über die Stadt zum Meer hinausschweifen. Neben ihr stehen zwei Typen, die (genauso neugierig wie sie) ihr hinterhergestiefelt sind. Obwohl sie in Schweden ist, sind es natürlich zwei Deutsche, überall trifft sie auf deutsche Touristen. Wie gern würde sie einfach in Ruhe den Ausblick genießen, doch sie kann das Gespräch der beiden nicht ausblenden, hört, dass einer der beiden lange unter Höhenangst gelitten hat, aber besser damit klarkommt, seitdem er auf Baustellen arbeitet. Im Prinzip wisse er ja, dass Konstruktionen wie diese hier stabil seien, sagt er, beginnt dann jedoch von einer Baustelle zu erzählen, bei der Dübel irgendwelcher Sicherheitsstufen in einem Blech verarbeitet worden seien, das nicht annähernd so viel aushalte wie die Dübel, und dass es dann eben nichts nütze, wenn man mit den besten Sicherheitsdübeln arbeite, so etwas werde ständig ignoriert … und so weiter … der Rest seines Monologs verwischt, denn plötzlich ist sie wieder da, ihre eigene Höhenangst, aber es ist nicht die Angst, dass sich Schrauben oder Dübel lösen, das Geländer wegbrechen und sie deshalb hinabstürzen könnte, es ist eine andere Angst – die Angst, sie selber könnte ohne konkreten Grund in die Tiefe springen. Es ist ein Sog, der sie unerwartet packt, sie in die Tiefe lockt.

Sie kennt diesen Sog bereits, er hat schon häufiger an ihr gezerrt, und in Momenten wie diesem fürchtet sie, ihm zu unterliegen … Jedenfalls kann sie jetzt nicht mehr am Geländer stehen bleiben, zu sehr zerrt es an ihr, also setzt sie sich auf eine Stufe, beugt sich nach vorne und umklammert ihre Oberschenkel. Das Sitzen beruhigt sie ein wenig, doch sie bleibt sich selbst unheimlich. Sie muss daran denken, wie sie der Sog vor einem Jahr so stark gepackt hat wie noch nie zuvor. Sie stand in Rügen auf der Plattform eines Leuchtturms. Das Meer im Rücken, vor ihr die geschwungene Landschaft, ein Mähdrescher, der sich durchs Korn pflügte, Schafe, die über eine Weide trotteten, einzelne auf das Himmelsblau getupfte Wolken … und plötzlich riss etwas heftig an ihr, drohte sie hinabzuziehen. Sie schaute hinunter, sah die Menschen, die sich unten auf dem Gelände um den Leuchtturm herum tummelten, wie kleine animierte Playmobilfiguren. Das brusthohe Geländer wäre mit einem Sprung leicht zu überwinden gewesen, und etwas in ihr lockte sie, genau das zu tun: zu springen. Mit einem Satz wäre alles vorbei gewesen, all die Sorgen, all die Ängste, all ihre Leiden. Aber auch all ihre Freuden und Freundschaften, all ihre Hoffnungen, all ihr Glück.

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Schnappschuss mit Autoscooter

Mit vierzehn im Spätsommer auf dem Stadtfest und einem halben Dutzend Fahrchips in der rechten Hosentasche. Du im Autoscooter neben mir. Es hat mich unglaublich viel Überwindung gekostet, dich zu fragen, ob du Lust hättest, mit mir zu fahren. Nun sitzt du in dem kleinen Gefährt so dicht neben mir, dass sich unsere Körper berühren. Ich beginne zu zittern, weiß nicht, worüber ich reden und was ich mit meinen Händen machen soll, während wir auf der Fahrfläche unsere erste Runde drehen. Im Gegensatz zu den anderen Jungs in meinem Alter traue ich mich nicht, nur mit der linken Hand zu lenken, um die rechte auf deinen Rücken oder deine Schulter zu legen. Nicht dass ich mich nicht traue, bloß mit einer Hand zu lenken, aber ich traue mich nicht, meinen Arm um dich zu legen. Dabei täte ich nichts lieber, doch ich weiß nicht, wie das funktioniert, und habe keine Ahnung, warum die anderen das können.

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Morgendliche Milchschaumexplosion

Beim Blättern im Notizbuch wiederentdeckt: Ein kurzer Text aus Zeiten, in denen ich frühmorgens noch in der überfüllten Regionalbahn zur Arbeit fuhr, beim Coffee-to-go noch zu Plastikdeckeln griff und der Begriff Social Distancing noch nicht unseren Alltag prägte. Ein Text, der zudem erklärt, warum ich der Meinung bin, dass man eigentlich nicht vor sieben Uhr morgens aufstehen sollte.

Morgens um kurz vor sieben in der Bahnhofshalle. Bin mal wieder zu spät aus dem Bett gekrochen und ohne Frühstück in den Tag gestartet, kaufe mir deshalb auf die Schnelle noch einen Coffee-to-go und stehe nun vor der Station mit dem zusätzlichen Gedöns (Deckel, Rührstäbchen, Servietten, Zuckertütchen etc.), greife mir rasch einen Plastikdeckel und drücke ihn auf den Pappbecher; allerdings will der Deckel nicht so recht auf meinen Becher passen, weshalb ich leicht hektisch (in fünf Minuten fährt mein Zug) etwas fester drücke … etwas zu fest … nämlich so fest, dass der Becher einknickt und eine Kaffee-Milchschaumfontäne durch die Trinköffnung des Deckels meterhoch in die Höhe schießt, an mir vorbei (puh, Glück gehabt!) auf den Rücken eines Anzugträgers, der nun komplett – vom Kragen übers anthrazitfarbene Jackett bis hinunter zum Hosensaum – mit Cappuccino besprenkelt ist.

Ich starre auf die Rückseite des Mannes, fasse es nicht … Ist das gerade wirklich passiert? Der Mann scheint nichts bemerkt zu haben (vielleicht ist es also wirklich nicht passiert?), jedoch zwei, drei Leute, die um mich herumstehen und nun ähnlich fassungslos auf den Rücken des Mannes starren (offenbar ist es also doch passiert).

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Die Legende von der Neustadt*

Dieser Text, der das Verhältnis zwischen Bremer Neustadt und Viertel reflektiert, hat inzwischen ein paar Jahre auf dem Buckel. Mehrere Male habe ich ihn öffentlich gelesen und immer wieder haben vereinzelte Zuhörer*innen ihn als eine Art Dissen des Viertels und der Viertellinis** verstanden. Das ist natürlich ein Missverständnis, denn in Wahrheit ist der Text* eine große Liebeserklärung, nicht nur an die Neustadt, sondern eben auch ans Bremer Viertel. Gerade in der aktuellen Situation, in der Kneipen, Klubs und subkulturelle Nischen durch die Folgen der Corona-Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind, will ich nochmal betonen, dass Bremen ohne einige der im Text genannten Orte, die unmittelbar mit dem Ostertorsteinviertel verknüpft sind, um einiges ärmer wäre. Umso wichtiger, dass diese Orte erhalten bleiben!

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Geschnipseltes im Park

Freiluft-Lesung am Donnerstag bei KUKOON IM PARK

Es ist eine ganze Weile her, dass ich eigene Texte aus meinem literarischen Gesamtkuddelmuddel im Rahmen einer öffentlichen Lesung irgendwo präsentiert habe (genaugenommen schon über zwei Jahre). Am kommenden Donnerstag ist es aber endlich mal wieder soweit: Bei „Kukoon im Park“ werde ich bei (hoffentlich) herrlichem Sommerwetter unter dem Motto „Geschnipseltes“ für eine Stunde vor allem Miniaturen, Schnappschüsse und Schnipsel aus meinem ewig unvollendeten Bremen-Buch-Projekt in den Abend streuen und Auszüge aus meinem Kleinstadt-Roman-Projekt lesen, an dem ich in den letzten zwei Wochen weitergebastelt habe, nachdem es recht lange brach lag.

Bin gespannt auf die Lesung und freue mich auf bekannte und unbekannte Gesichter im Publikum. Statt findet das Ganze am Donnerstag, dem 20. August um 20 Uhr in den Neustadtswallanlagen/Leibnizplatzpark (in Sichtweite des Zentaurenbrunnens).

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Zeitfenster Piero – verwaister Platz, verblichene Pläne

An der Wilhelm-Kaisen-Brücke sitze ich im Piero, einem kleinen Bistro, das vor einem halben Jahr noch ein Imbiss war, der Kleine Weser hieß – ein passender Name, denn wenn man hinausschaut, kann man auf den schmalen Seitenarm der Weser blicken. Vor allem jedoch hat man freien Blick auf die Brücke, das St.-Pauli-Stift und die Kreuzung mit dem Ostersonntagabendverkehr: ein sachter Autostrom, hin und wieder eine Straßenbahn, einige Fahrradfahrer und viele Fußgänger – Paare (Hand in Hand), kleine Gruppen, Familien, einzelne Spaziergänger; ein junger Mann in Schwarz mit einer Spiegelreflexkamera in der Hand, eine Frau mittleren Alters in hautenger Jeans mit einem Mobiltelefon am Ohr, ein Einbeiniger auf Krücken, für den die Grünphase der Ampel zu kurz ist, um die breite Straße mit den Auto- und Straßenbahnspuren komplett zu überqueren, weshalb er vor der letzten Spur auf der Verkehrsinsel stehen bleiben und seinen Hund zurückpfeifen muss, damit er nicht von den ersten anfahrenden Autos erfasst wird. Der Spitzmischling, der den Plastikgriff seiner Leine im Maul trägt, hält sofort inne und sieht sich nach seinem Herrchen um. Beide warten sie, bis die Autos vorübergerauscht sind, und überqueren dann gemeinsam die Spur. Der Hund läuft wieder voraus, sein Herrchen humpelt hinterher, die anderen Passanten blicken ihnen nach – dem Einbeinigen und dem Hündchen, das seine eigene Leine trägt und bei jedem Kommando seines Herrchens sofort pariert, sich immer wieder umschaut und wartet, wenn sein Herrchen zu weit zurückfällt.

Auch ich schaue den beiden hinterher, bis mein Nudelauflauf vom Betreiber des Bistros serviert wird. Ich bin der einzige Gast, die anderen acht oder neun Stühle sind leer, und der vielleicht knapp fünfzigjährige Betreiber berichtet, dass am Wochenende eigentlich seine besten Tage seien.
Die sind wohl alle auf der … auf der … wie heißt der Jahrmarkt hinterm Bahnhof?“
Osterwiese.“
Ja, sind wohl alle auf der Osterwiese“, sagt er, „oder weg über das Wochenende.“
Ich nicke.

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