Die Legende von der Neustadt*

Dieser Text, der das Verhältnis zwischen Bremer Neustadt und Viertel reflektiert, hat inzwischen ein paar Jahre auf dem Buckel. Mehrere Male habe ich ihn öffentlich gelesen und immer wieder haben vereinzelte Zuhörer*innen ihn als eine Art Dissen des Viertels und der Viertellinis** verstanden. Das ist natürlich ein Missverständnis, denn in Wahrheit ist der Text* eine große Liebeserklärung, nicht nur an die Neustadt, sondern eben auch ans Bremer Viertel. Gerade in der aktuellen Situation, in der Kneipen, Klubs und subkulturelle Nischen durch die Folgen der Corona-Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind, will ich nochmal betonen, dass Bremen ohne einige der im Text genannten Orte, die unmittelbar mit dem Ostertorsteinviertel verknüpft sind, um einiges ärmer wäre. Umso wichtiger, dass diese Orte erhalten bleiben!

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Geschnipseltes im Park

Freiluft-Lesung am Donnerstag bei KUKOON IM PARK

Es ist eine ganze Weile her, dass ich eigene Texte aus meinem literarischen Gesamtkuddelmuddel im Rahmen einer öffentlichen Lesung irgendwo präsentiert habe (genaugenommen schon über zwei Jahre). Am kommenden Donnerstag ist es aber endlich mal wieder soweit: Bei „Kukoon im Park“ werde ich bei (hoffentlich) herrlichem Sommerwetter unter dem Motto „Geschnipseltes“ für eine Stunde vor allem Miniaturen, Schnappschüsse und Schnipsel aus meinem ewig unvollendeten Bremen-Buch-Projekt in den Abend streuen und Auszüge aus meinem Kleinstadt-Roman-Projekt lesen, an dem ich in den letzten zwei Wochen weitergebastelt habe, nachdem es recht lange brach lag.

Bin gespannt auf die Lesung und freue mich auf bekannte und unbekannte Gesichter im Publikum. Statt findet das Ganze am Donnerstag, dem 20. August um 20 Uhr in den Neustadtswallanlagen/Leibnizplatzpark (in Sichtweite des Zentaurenbrunnens).

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Zeitfenster Piero – verwaister Platz, verblichene Pläne

An der Wilhelm-Kaisen-Brücke sitze ich im Piero, einem kleinen Bistro, das vor einem halben Jahr noch ein Imbiss war, der Kleine Weser hieß – ein passender Name, denn wenn man hinausschaut, kann man auf den schmalen Seitenarm der Weser blicken. Vor allem jedoch hat man freien Blick auf die Brücke, das St.-Pauli-Stift und die Kreuzung mit dem Ostersonntagabendverkehr: ein sachter Autostrom, hin und wieder eine Straßenbahn, einige Fahrradfahrer und viele Fußgänger – Paare (Hand in Hand), kleine Gruppen, Familien, einzelne Spaziergänger; ein junger Mann in Schwarz mit einer Spiegelreflexkamera in der Hand, eine Frau mittleren Alters in hautenger Jeans mit einem Mobiltelefon am Ohr, ein Einbeiniger auf Krücken, für den die Grünphase der Ampel zu kurz ist, um die breite Straße mit den Auto- und Straßenbahnspuren komplett zu überqueren, weshalb er vor der letzten Spur auf der Verkehrsinsel stehen bleiben und seinen Hund zurückpfeifen muss, damit er nicht von den ersten anfahrenden Autos erfasst wird. Der Spitzmischling, der den Plastikgriff seiner Leine im Maul trägt, hält sofort inne und sieht sich nach seinem Herrchen um. Beide warten sie, bis die Autos vorübergerauscht sind, und überqueren dann gemeinsam die Spur. Der Hund läuft wieder voraus, sein Herrchen humpelt hinterher, die anderen Passanten blicken ihnen nach – dem Einbeinigen und dem Hündchen, das seine eigene Leine trägt und bei jedem Kommando seines Herrchens sofort pariert, sich immer wieder umschaut und wartet, wenn sein Herrchen zu weit zurückfällt.

Auch ich schaue den beiden hinterher, bis mein Nudelauflauf vom Betreiber des Bistros serviert wird. Ich bin der einzige Gast, die anderen acht oder neun Stühle sind leer, und der vielleicht knapp fünfzigjährige Betreiber berichtet, dass am Wochenende eigentlich seine besten Tage seien.
Die sind wohl alle auf der … auf der … wie heißt der Jahrmarkt hinterm Bahnhof?“
Osterwiese.“
Ja, sind wohl alle auf der Osterwiese“, sagt er, „oder weg über das Wochenende.“
Ich nicke.

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Anarchie im Aldi

Schlägereien im Discounter, Blockwartgehabe, existenzielle Erfahrungen. Manche mag das möglicherweise an die Situation der ersten „Corona-Wochen“ in Deutschland erinnern, hat aber rein gar nichts damit zu tun. Stattdessen sind es Schlagwörter zu einem über zehn Jahre alten Text, den ich in einer Audiofassung von 2013 wiederentdeckt habe. Würde ich vermutlich heute nicht mehr so schreiben, weil vielleicht etwas zu überdreht, zu slapstickartig und in seinem satirischen Erzählton (der natürlich in keiner Weise meine persönliche Meinung ausdrückt, sondern die Haltung eines fiktiven Icherzählers) stellenweise ein bisschen sehr böse gegenüber älteren Mitmenschen*, aber irgendwie mag ich den Text trotzdem immer noch, vor allem das schwarzhumorige Verhandeln eines Generationenkonflikts, das Nachzeichnen, wie sich aus gekränkter Hilflosigkeit Aggressionen entwickeln, und nicht zuletzt den in gewisser Weise versöhnlichen Schluss.

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Schreiben in Zeiten von Corona

Mehr Zeit zum Schreiben und zum Lesen! Das war ein spontaner Gedanke, der mir kam, als sich Mitte März andeutete, dass der allgemeine Betrieb in den nächsten Wochen deutlich heruntergefahren würde. Und mit diesem Gedanken war ich offenbar nicht allein – auf den ersten Blick erschien vielen die verordnete Zwangspause vom gesellschaftlichen Leben eine willkommene Gelegenheit, sich von der alltäglichen Hektik zu erholen und dieses Zeitfenster, das sich da plötzlich öffnete, zu nutzen, um sich endlich einmal anderen, so oft vernachlässigten Tätigkeiten zuzuwenden. Bei vielen schien diese Stimmung allerdings recht rasch zu kippen, als ihnen bewusst wurde, welche Konsequenzen die Beschränkungen mit sich bringen.

Mir selbst erschien das Weiterarbeiten an eigenen literarischen Projekten als viel zu banal, als überflüssig angesichts der aktuellen Lage, in der viele Menschen existenzielle Kämpfe auszufechten haben bzw. viel mehr und noch härter als sonst arbeiten müssen. Doch zugleich bin ich davon überzeugt, dass auch in einer solchen Krise weitergeschrieben werden muss, auch an Texten, die nichts mit der aktuellen Situation zu tun haben. Für einige ist das Weiterschreiben sogar lebenswichtig, und zwar vor allem für all jene, für die das Schreiben schlicht und einfach ihr Beruf ist, ihre Arbeit, von der sie leben. Dementsprechend gilt es (soweit die Rahmenbedingungen es zulassen) weiterzuschreiben, seine Arbeit fortzusetzen und damit auch eine Form von Normalität aufrechtzuerhalten – auch wenn einem das in manchen Momenten zurzeit absurd vorkommen mag.

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Schnappschuss mit Auto

Es ist Donnerstagnacht. Bis eben haben wir getanzt. Marc und ich in der Indie-Disco, die jeden Donnerstag in dem Großraumschuppen stattfindet, den wir sonst eigentlich meiden, aber so oft wir können ansteuern an dem Indie-Donnerstag. Der letzte Song, zu dem wir getanzt haben, ist Peaches gewesen von The Presidents of the United States of America. „Movin‘ to the country, gonna eat a lot of peaches, movin‘ to the country, gonna eat me a lot of peaches … Millions of peaches, peaches for me, millions of peaches, peaches for free. Look out!”

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kein gedicht – kein gesuch

ich habe meinen verstand
verloren
wer hätte das ahnen können
es ist ein wenig traurig
aber was soll ich tun
weg ist weg

vor ein paar jahren
auf einem parkplatz
zwischen einem mülleimer
und einem einkaufswagen
habe ich meinen verstand
verloren
und es erst stunden später
bemerkt
zuhause
bei der zeitungslektüre
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Die letzte Videothek

Es gibt Orte, die bleiben, und man wundert sich, dass sie bleiben. Orte wie die Videothek in der Kornstraße, die immer noch da ist, obwohl inzwischen alle streamen. Erhebt sich heutzutage noch irgendwer freitag- oder sonntagabends vom Sofa und schleppt sich durch die Stadt, um in einem muffigen, mit DVD-Hüllen vollgestopften Kabuff umherzuirren, bis er endlich fündig geworden ist? Schwer vorstellbar, und doch sehe ich zuweilen, wie Menschen die Videothek betreten oder verlassen. Sie sorgen gemeinsam dafür, dass dieses Relikt am Leben bleibt und beharrlich dem Fortschritt trotzt. Eigentlich ein sympathisches Unterfangen, das es zu unterstützen gilt, denke ich und gehe Woche für Woche vorüber an dem Schaufenster, bis ich schließlich eines Tages dringend einen Film sehen muss, der in den unendlichen Weiten des Internets nirgends zum Streamen zur Verfügung steht. Das ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe.

Am einem milden Dezemberabend verlasse ich meine Wohnung, spaziere die Straße hinunter, steuere die Videothek an und finde dort tatsächlich nach zwei oder drei Minuten den gesuchten Film, der für eine Leihgebühr von einem Euro zu haben ist.

Während der Angestellte hinterm Tresen mir ein Konto einrichtet und einen Leihausweis erstellt, schaue ich mich ein wenig um und entdecke dabei die aufgehängten Schilder: Alles muss raus!

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Zigarettenpause im Holzhafen

Sie drückt die halb aufgerauchte Zigarette an der Straßenlaterne aus, als der Wagen vor ihr hält.

„Wie viel?“, fragt der Typ, nachdem er die Scheibe runtergekurbelt hat. Sie nennt ihm die Preise, während seine Glupschaugen auf ihren Busen starren.

„So viel!“

„Ja, so viel.“

„Das habe ich hier schon mal günstiger bekommen.“

„Nicht bei mir“, sagt sie, greift mit ihrer Rechten in ihre Handtasche und wühlt nach dem Feuerzeug.

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Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

Der (Wieder)Aufbau einer Mauer, aus Teilen der Berliner Mauer, allerdings nicht in Berlin, sondern in Bremen – und zwar als ein Kunstprojekt, das vielleicht doch vielmehr ist als bloße Kunst. Das war die Ausgangsidee für meinen Text, den ich für die Literarische Woche 2009 zum Thema „Mauerfälle“ geschrieben und im Rahmen der Literarischen Woche im Bremer Kulturzentrum Lagerhaus gelesen habe. Es treten auf: Bremer Neustädter, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, Wachtruppen, Bremer Senatoren, ein Künstler, ein Stockentenpaar.

Der Lesung vorausgegangen war eine Ausschreibung des Bremer Literaturkontors, in der junge Autor*innen aus Bremen dazu eingeladen wurden, Texte zum Thema „Mauerfälle“ zu schreiben. Eine Freundin hatte mich darauf hingewiesen, und tatsächlich schrieb ich einen Text, den ich am letzten Tag der Bewerbungsfrist persönlich im Literaturkontor ablieferte. Ich erinnere mich noch ganz gut an die Szene: Es muss Anfang November gewesen sein – es herrschte trübstes Bremer Schmudelwetter –, als ich, eingepackt in meinem alten BW-Parka, in der Villa Ichon an die Tür des Kontors klopfte, eintrat, „Hallo“ sagte, der Geschäftsführerin Angelika Sinn den Umschlag mit meinem Text in die Hand drückte und ruckzuck wieder verschwand.

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