Yan Jun – GEGEN ALLE ORGANISIERTEN LÜGEN

gestern nacht träumte ich von sojasoße, gestern nacht begann ich zu wachsen.

gestern nacht ging die wüste weit fort, wie ein seufzen. ich habe die wolken

gehört, unterm dachstuhl, während der letzte von den jungen, die weggehen

mussten, als man ihre häuser abriss, seine zigarette aufrauchte. weil gestern

nacht keine frau weinen wollte, wurde shanghai eine stadt aus holzpferden.

weil kein nebel über die brücken kommen wollte, wurde guangzhou ein

tablettenhimmel. und in xining gingen die lichter aus, während jemand sein

messer versteckte und über eine straße rannte, die mit schaföl bespritzt war.

gestern nacht verließ der gott von beijing die stadt.

 

gegen alle organisierten lügen!

 

gegen treffen bei dämmerung unter frühen sternen. gegen das schreien

meines namens von einer baumspitze, gegen schreien im niesleregen. gegen

kapitalistische kontemplation. gegen zweigesichter und dreimesser. gegen die

reinkarnation toter seelen in anderen leichen. gegen die senkung meines iqs

durch dich. gegen die unterbrechung eines films nach der hälfte, wenn das licht

unsere deckmäntel reißt, hält die albtraumfee in der luft an. sie hat keine liebe,

sie hat keine zukunft, ihre einsamkeit ist unsere einsamkeit … gegen macht.

 

zum flohmarkt unsterbliche und unvergängliche!

 

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Unreparierbare Jahressplitter – XII

Eine Schnipsel-Melange – Dezember

Abschlusslesung – Die Widerborstigkeit der Wörter

Noch eine Lesung. Noch ein Text. Ein Jahresrückblick wäre schön. Gern unterhaltsam. Ein bisschen witzig wäre auch toll. Aber der Text sollte natürlich zudem dem gehobenen Anspruch des durchaus kritischen Fachpublikums genügen.

Nichts leichter als das, denke ich und beginne sogleich erste Ideen und mögliche Handlungsfäden zu entwickeln, spinne Tag für Tag meinen Text fort, wäge im Gedanken diese oder jene Wendung ab. Schließlich gelingt es mir im Laufe der Wochen durch intensivste Kopfarbeit den Text am Abend vor der Lesung zu vollenden – zumindest in meinem Hirn. Dass ich noch keinen einzigen Satz zu Papier gebracht habe, empfinde ich als nebensächlich.

Kein Grund zur Panik, sage ich mir, der Text ist ja schon in deinem Kopf, da kann nichts mehr schiefgehen, das Ganze muss bloß noch runtergeschrieben werden.

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Unreparierbare Jahressplitter – XI

Eine Schnipsel-Melange – November

Heimweg – Satzwürmer im Kopf

Heute Abend erst in einer Kneipe einen Essay von Bärfuss gelesen und dann auf einer Art Party gewesen. Beim Lesen in der Kneipe musste ich zwischendurch mehrmals an einen Wolfgang Herrndorf-Text über Scham und Ekel denken*, auf der Irgendwie-so-etwas-wie-eine-Party ständig an den Essay von Bärfuss**. Zwischendurch habe ich mich in Konversation versucht, an Salzstangen geknabbert und Rotwein getrunken.

Nun, weit nach Mitternacht, bin ich auf dem Heimweg, überquere die Weser und schalte die Aufnahmefunktion ein: Das gedämmte Licht im Papp, in dem sich eine Handvoll Silhouetten hinter der Schaufensterscheibe abzeichnen; sieben oder acht Raucher vorm Panama, zwei Weintrinker am Tresen im Charlotte Gainsbourg; ein Dutzend Modernes-Gäste im Dönereck; die Leute vom Kukoon, die am Tresen stehen und mir zuwinken, als ich beim Vorbeispazieren einen Blick durch die Scheibe werfe; der menschenleere Buntentorsteinweg; das im Dunkeln schlummernde Radieschen; das Licht im Filosofen, das die unbesetzten Stühle betont; zwei Männer, die auf der Schwankhallenseite im Haltestellen-Unterstand auf der Bank nebeneinander vor sich hinschlummern; eine Gruppe Studenten, die vor Annas Welt auf dem Bürgersteig hocken und Bier aus Flaschen trinken; die Straßenbahn, die Richtung Arsten an mir vorüberrauscht; ein Mann, der im Kuß Rosa mit einem Glas Wein und einem Buch vor sich allein am Fenster sitzt, und eine Frau, die ein paar Meter hinter ihm am Kickertisch jubelnd ihre Arme in die Höhe reißt …

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Unreparierbare Jahressplitter – X

Eine Schnipsel-Melange – Oktober

Bahnhofstraßen-Lektüre – Ü-Lesung

Der Outdoor-Leser, der auch bei Regen, Schnee oder Graupelschauern in Bahnhofsnähe unter der Mini-Möchtegern-Arkade der Sparkasse auf seiner Decke hockt, ein Buch in den Händen hält und vollständig in seiner Lektüre versunken scheint, jedoch stets kurz aufschaut, um sich zu bedanken, wenn ein paar Münzen in seinem Pappbecher gelandet sind.

Was er da gerade lese, frage ich ihn, woraufhin er das Taschenbuch zuklappt, damit ich das Cover sehen kann, auf dem ein bebrillter Junge einen flauschigen Hundewelpen umarmt, was mir ein Lächeln entlockt – nicht weil es ein kitschiges Foto ist, sondern das Titelbild eines Romans, den ich sehr mag.

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Unreparierbare Jahressplitter – IX

Eine Schnipsel-Melange – September

Stadtbibliothek – Schulze weiß Bescheid

Auf dem Weg zur Arbeit in der Stadtbibliothek. Leicht abgehetzt schließe ich mein Rennrad am Fahrradbügel an, haste Richtung Wallsaal-Eingang und erblicke auf den Stufen vor dem mächtigen Holzportal Ingo Schulze, der dort bereits zu warten scheint und mir zulächelt, als er mich sieht, mir die Hand entgegenstreckt und sagt: „Hallo, da sind Sie ja.“

Ich stutze, da ich zwar natürlich weiß, wie Ingo Schulze aussieht, aber warum weiß Ingo Schulze, wie ich aussehe, wenn wir uns niemals zuvor begegnet sind.

Hallo“, sage ich. „Wieso erkennen Sie mich?“

Ach, ich habe irgendwo Ihr Foto gesehen.“

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Unreparierbare Jahressplitter – VIII

Eine Schnipsel-Melange – August

Herrndorf-Ausstellung – Flohwitz aus Damenmund

Sitze – nach dem Besuch der Wolfgang-Herrndorf-Ausstellung – in der Stader Altstadt im Vorgarten eines Cafés unter einem Sonnenschirm, esse Apfelkuchen, schlürfe Milchkaffee und blättere im Ausstellungskatalog des verstorbenen Malers und Schriftstellers. Plötzlich steht eine ältere, vornehm gekleidete Dame vor meinem Tisch, schaut kurz gen Himmel und fragt mich dann:

Regnet es oder regnet es nicht?“

Es nieselt wohl“, antworte ich.

Na dann“, sagt die Dame, lächelt verschmitzt, schaut erneut kurz zum Himmel hoch und fragt:

Sie kennen doch den Witz mit den zwei Flöhen?“

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Unreparierbare Jahressplitter – VII

Eine Schnipsel-Melange – Juli

Hinter dem Schilf – Lektüredosis & Aquazentauren

Zu Füßen des Huckelrieder Friedhofs schlummere ich am Deich auf dem Ufergrün des Werdersees beim Sinnieren über einen Satz* aus Stephan Thomes „Fliehkräfte“ langsam ein, entschwinde in eine Traumwelt, in die sich Krähenkrächzen, Entengeschnatter und das Triebwerkgrollen aufsteigender Passagiermaschinen mischen, ohne mich zu wecken; erst die von lauten Rufen begleiteten Planschgeräusche zerren mich schließlich aus meinem Nickerchen-Kosmos zurück in die Wirklichkeit jenes Sommerabends.

Ich reibe mir die Augen, blicke mich um und erspähe hinter dem Schilf eine Horde von Aquazentauren auf dem See – behelmte Kreaturen, die auf ihrem schwimmenden Rumpf mit einem Paddel bewaffnet einer neongelben Kugel hinterherjagen.

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