Schicksal oder Zufall?

kehlmann

Mit „F“ ist Daniel Kehlmann der nächste Geniestreich geglückt. In dem neuen Roman versuchen drei Brüder dem Mittelmaß zu entfliehen und werden dabei zu Betrügern.

Am Anfang steht eine Flucht. Noch eben war Arthur Friedland mit seinen drei Söhnen zu Gast bei einer Hypnoseshow, ein paar Minuten später lässt er Martin, Eric und Iwan am Straßenrand stehen, düst mit seinem Wagen davon, räumt das Familienkonto leer und verschwindet von der Bildfläche. Erst viele Jahre später, wenn sie bereits erwachsen sind, werden die drei Söhne ihn wiedersehen, den Vater, der inzwischen weltberühmt ist – und zwar als Autor rätselhafter Bücher.

Der Auftakt von „F“ ist fulminant und befeuert die ohnehin schon immensen Erwartungen an den neuen Roman von Daniel Kehlmann. Seit seinem Megaseller „Die Vermessung der Welt“ ist Kehlmann nicht irgendein Autor, sondern der „Jungstar“ der deutschsprachigen Literaturszene. Mochten die Historiker sich im Jahr 2005 auch noch so sehr die Haare raufen über die verzerrte Darstellung der beiden Protagonisten: Kehlmanns ironische Doppelbiografie über den umtriebigen Naturforscher Alexander von Humboldt und den mürrischen Mathematiker Carl Friedrich Gauß erhielt viel Beifall vom Feuilleton, stand 37 Wochen an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste, verkaufte sich allein in Deutschland bisher 2,5 Millionen Mal, wurde in 40 Sprachen übersetzt und unter der Regie von Detlev Buck fürs Kino verfilmt.

Nun sind – um eine Binse zu bemühen – solche Riesenerfolge bekanntlich stets Fluch und Segen zugleich. Das bekam Kehlmann 2009 bei seinem Nachfolgewerk „Ruhm“ zu spüren: Die Literaturkritik empfing den neuen „Kehlmann“ mit gierigen Blicken, um ihn dann mit strengsten Maßstäben zu messen. Und so erntete der Autor neben einigen wohlwollenden Besprechungen auch den einen oder anderen hämischen Verriss – was dem Verkauf des Buches indes wenig schadete.

Vier Jahre später also ist endlich der neue Roman da, und selbstredend ist dieser das meistbeachtete Buch der Saison. Dass „F“ nicht den Deutschen Buchpreis gewinnen wird, spielt dabei keine Rolle, denn das Buch benötigt diesen Preis überhaupt nicht, es hat auch so die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste erklommen und zugleich allerlei Lob bei den Kritikern eingeheimst – und zwar vollkommen zu Recht, denn Kehlmann hat einen exzellenten Roman vorgelegt. Die Geschichte über das Brüderdreigespann Martin, Eric und Iwan erinnert phasenweise an Fjodor Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“. Zwar bohrt Kehlmann nicht ganz so dicke Bretter wie der russische Weltliterat, und ist dabei nicht ganz so verbissen, dafür besitzt er die Gabe, tiefsinnige Storys mit Humor aufzupeppen.

Insbesondere den Figuren Kehlmanns wohnt oft eine tragische Komik inne. Nicht erst bei Humboldt und Gauß war dies der Fall, sondern bereits bei Sebastian Zöllner, dem egomanischen Kunstkritiker aus „Ich und Kaminski“, Kehlmanns fünftem Werk, mit dem er 2003 erstmals beim Publikum reüssierte. Zöllner – der auch in „F“ einen Kurzauftritt hat – strebt nach Applaus, Ruhm und Geld, muss sich schlussendlich aber mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit abfinden. Dieses Streben nach etwas Bedeutendem ist auch das zentrale Thema in „F“. Alle drei Brüder gieren auf eigenwillige Art nach Anerkennung. Martin ist, obwohl er nicht an Gott glaubt, Priester geworden und träumt von einer Karriere in Rom, versauert jedoch in seiner Gemeinde, wo er sich mit Schokoriegeln tröstet, die er notfalls auch im Beichtstuhl verputzt, während eins seiner Schäfchen ihm seine Sünden beichtet. Eric hingegen agiert als zielstrebiger Finanzberater, der es geschafft zu haben scheint. „Meine Firma! Meine Villa! Meine Frau!“ könnte er protzen, hätte er in der Spekulationslotterie nicht längst das eigene sowie das Vermögen seiner Kunden verpulvert. Während er sich bereits morgens mit Tabletten die Birne zuknallt, ist er den Rest des Tages fast ausschließlich damit beschäftigt, den Einsturz der permanent poröser werdenden Fassade hinauszuzögern. Der Dritte im Bunde, Iwan, ist Maler – allerdings malt er nicht seine eigenen, sondern die Bilder eines Verstorbenen, für dessen Werke auf dem Kunstmarkt horrende Preise gezahlt werden und dessen Nachlass Eric höchstpersönlich verwaltet. Drei Brüder, drei Betrüger. Sie gaukeln sich und ihrer Umgebung ein Sein vor, dessen Glanz den einlullenden Dunst des Mittelmaßes verscheuchen soll.

Iwan bringt das Motto der Brüder auf den Punkt: „Du musst mitspielen, das ist der ganze Trick. Lügen musst du. Du denkst die Leute durchschauen dich, aber keiner durchschaut irgendwen.“ Selbst die Brüder durchschauen einander nicht, ahnen nichts von den Betrügereien des jeweils anderen. Sehr deutlich wird dies in einer skurrilen Szene zwischen Martin und Eric beim Mittagessen. Der Leser erlebt die Szene zweimal: zuerst aus der Sicht des dauerhungrigen Martin und dann aus der Sicht des vollgedröhnten Eric. Beide nehmen die Situation extrem ungleich wahr, und aus diesem Kontrast entzündet sich ein Feuerwerk an Komik, in dem sich das ganze Elend menschlicher Isolation offenbart. Auch in anderen Passagen, in denen die Abgründe der Figuren sichtbar werden, wirkt die Komik als Verstärker; ebenso verschärft der ironische Erzählton den Blick auf die Verzweiflung, die sich in den Herzen der Protagonisten eingenistet hat und sie zu bizarren Verhaltensweisen treibt. Letztlich ist all das rastlose Treiben durchdrungen von der Frage nach dem großen F, der Frage nach dem Fatum, dem Schicksal. Hat jeder Mensch es selbst in der Hand oder ist er lediglich ein Spielball inmitten eines ganz und gar zufällig agierenden Flipperautomaten?

Eine wenig befriedigende Antwort auf diese Frage bietet am Ende dieses äußerst unterhaltsamen Romans der wieder einmal aus der Versenkung aufgetauchte Arthur Friedland: „Der Zufall ist mächtig, und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal.“

Daniel Kehlmann: F. Rowohlt, Hamburg. 384 Seiten, 22,95 €. (August 2013)

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