Groteske Erzählungen über die Fragilität unserer Welt

Hohler

Ein Junggeselle spaziert in eine Zoohandlung, um sich ein Haustier anzuschaffen. Im Laden entscheidet er sich für ein geheimnisvolles Tier, das zusammengerollt im Käfig liegt. Das undefinierbare Wesen bleibt auch während der ersten Wochen zusammengerollt, offenbart nur nach und nach ein kleines Händchen, seinen Schwanz und einen Huf. Der Mann rätselt, welcher Gattung sein Haustier zugehören könnte und bekommt eines Tages unverhofft Gewissheit, als das Wesen durch einen im Radio übertragenen Gottesdienst aufgeschreckt wird: Zitternd, mit den Fingerchen die Gitterstäbe des Käfigs umklammernd steht er mit aufgerissenen Augen da – der kleine Teufel. Der Mann nimmt seinen neuen Mitbewohner mit stoischer Gelassenheit hin: „Ich hatte nichts dagegen, einen Teufel als Haustier zu haben, und ich nahm mir vor, genau so weiter zu leben wie bisher.“

Die Erzählungen zeichnen sich vor allem durch ihren grotesken Humor aus

Diese Geschichte mit dem Titel „Das Haustier“ findet sich in dem Band „Der Geisterfahrer“, der über vierzig Erzählungen des Schweizer Schriftstellers, Kabarettisten und Liedermachers Franz Hohler versammelt und 2013 zu dessen 70. Geburtstag erschienen ist. Hohler gilt nicht nur als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes, sondern auch als einer der humorvollsten. Das hat sich auch in Deutschland herumgesprochen, wo er unter anderem 2002 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor geehrt wurde. Dass er diesen Preis verdient hat, belegt neben der Geschichte vom Hausteufelchen auch die Mehrzahl der anderen Erzählungen, die in dem Band eine Art Best-of aus über vierzig Jahren bilden und sich vor allem durch ihren grotesken Humor auszeichnen.

Als Herr B. wieder zu Hause war, hatte der Lärm in seiner Geschwulst derart zugenommen, dass er sich vor seinen Nachbarn zu genieren begann. Er wickelte ein großes Frottiertuch um seinen Arm, was die Geräusche etwas dämpfte, und stellte sein Radio an.“

Immer wieder lässt Hohler etwas Phantastisches in den Alltag seiner Protagonisten brechen. Spontane Entschlüsse reißen sie aus ihrer Routine und katapultieren sie in sonderbare Situationen oder fremde Welten. Ein Pendler steigt aus Neugier in einen Zug nach Singapur, der – entgegen seiner Erwartung – tatsächlich aus der Schweiz direkt und ohne Zwischenhalt nach Singapur fährt (Der Abstecher). Eine Ärztin findet am Feierabend im Parkhaus statt ihres Autos einen Schimmel vor und reitet auf ihm ins Mittelalter (Der Schimmel). Der Insektenstich auf dem Arm eines Mannes wuchert zu einer riesigen Geschwulst aus, die eine lautstark lärmende Miniatur-Blaskapelle beherbergt: „Als Herr B. wieder zu Hause war, hatte der Lärm in seiner Geschwulst derart zugenommen, dass er sich vor seinen Nachbarn zu genieren begann. Er wickelte ein großes Frottiertuch um seinen Arm, was die Geräusche etwas dämpfte, und stellte sein Radio an.“ (Der Stich)

eine sehr eigene Komik, die stets aus der Tiefe schöpft

Das Unerwartete ist das zentrale Element in den Erzählungen Hohlers. Er versteht es, seine Leser zu überraschen, und entfaltet graziös inmitten einer eben noch normal wirkenden Welt absurde Szenarien. Dabei pulsiert eine sehr eigene Komik, die stets aus der Tiefe schöpft und nicht bloß zum Schmunzeln, sondern zum Nachdenken anregt. Hohler selbst hat einmal gesagt, dass er an einem Humor interessiert sei, bei dem ein Schatten mitliefe. Das trifft es sehr gut, denn so amüsant viele der Erzählungen auch sind, letztlich wohnt ihnen ein irritierendes Moment inne, das darauf verweist, wie fragil unsere vertraute Welt ist.

Franz Hohler: Der Geisterfahrer. Die Erzählungen. Luchterhand, München. 576 Seiten, 19,99 €. (Februar 2013)

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