Kraftloser Held

Jonas Lüscher lässt einen Rhetorikprofessor am Neoliberalismus zweifeln

Richard Kraft grübelt. Tag für Tag versucht er eine Antwort zu finden auf die Frage, warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Seine Antwort muss der Rhetorikprofessor in einen 18-minütigen Vortrag kleiden, mit dem es einen Internet-Mogul aus dem Silicon Valley zu überzeugen gilt, der für die genialste Antwort eine Million Dollar ausgelobt hat. Mit dem Geld, so hofft Kraft, könnte er sich befreien aus jenem Gefängnis namens Ehe. Das Problem ist nur, dass er keineswegs daran glaubt, dass alles, was ist, gut ist.

Kleine Geschichte des Neoliberalismus

Während Kraft sich sein mit Wissen prall gefülltes Hirn zermartert, aber dennoch keinen Schritt vorankommt, blickt der Autor Jonas Lüscher auf das Leben seiner Hauptfigur zurück. „Kraft“, so heißt der erste Roman des 40-jährigen Schweizers, und Kraft ist es, woran es dem titelgebenden Antihelden vor allem mangelt. Dabei war Richard Kraft einst voller Elan, schon als Berliner Student in den Spätsiebzigern ein Neoliberaler der ersten Stunde, der Reagan, Thatcher und Lambsdorff als Verkünder einer neuen Ära gefeiert hat. So entwickelt sich in den Rückblenden eine kleine Geschichte des Neoliberalismus, an den Kraft inzwischen nicht mehr recht zu glauben vermag.

Erzählt ist all das handwerklich gekonnt und im Ton durchaus amüsant; doch auf Dauer kommt der Roman allzu episodisch daher und vermag keinerlei Spannung aufzubauen, sodass man das ebenso abstruse wie abrupte Ende letztlich bloß noch schulterzuckend hinnimmt. Dass Lüscher es eigentlich besser kann, hat er 2013 mit seiner deutlich originelleren Novelle „Frühling der Barbaren“ gezeigt.

Jonas Lüscher: Kraft. C.H.Beck, München. 237 Seiten, 19,95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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