KERBEN IM HUCKELRIEDER DICKICHT

Nun ist es da, knapp 300 Meter von meiner Haustür entfernt, hinterm Deich: das erste internationale Huckelrieder Kiosk-Festival. Mein Stadtteil als Herberge eines internationalen Events?

Ich stehe auf der Deichkrone, im Rücken den verlotterten Spielplatz und den Buntentorsteinweg, vor mir die Kleine Weser. Auf der Wiese zu meinen Füßen steht die vertraute Kioskbude, in der schon seit über einem Jahr nichts mehr verkauft wird, in die jetzt aber neues Leben eingekehrt ist; zudem hat sie für ein paar Tage Gesellschaft bekommen von vier weiteren Kiosken, zahlreichen Bierbänken, Sonnenstühlen, Strohballen und einem Tipi, in dem der Huckelrieder Liedermacher sitzt und Gitarre spielt.

Was soll das sein?“, fragt mich ein Mann mit Fünfzigerjahrebrille auf der Nase und einem Pudel an der Leine. Ich zucke die Schultern, sage: „Wahrscheinlich Kunst.“ Er schnieft kurz, lässt seinen Blick kreisen, sieht mich wieder an: „Kunst?“ Ich nicke, er schüttelt den Kopf.

Na denn. Komm Hansi, das ist nichts für uns! Das ist Kunst.“ Sagt es und schleift seinen Pudel hinter sich her, der so ausschaut, als wäre er gern noch ein bisschen geblieben. Ich blicke den beiden nach, sinniere einen Augenblick über den Stellenwert von Kunst im Leben von Pudelbesitzern und steige dann hinunter zur Deichschartschreiberin, einer befreundeten Schriftstellerin, die im wiederbelebten Kiosk hinter einer Schreibmaschine sitzt und auf Geschichten wartet, wenn sie nicht im Stadtteil auf Entdeckungstour geht, um selbst Geschichten aufzuspüren – so wie heute, wo sie mit mir zum Golfen verabredet ist.

Beim Kiosk gegenüber borgen wir uns die Ausrüstung für unsere erste Crossminigolfpartie. Mit zwei Golfschlägern, zwei Bällen, einer mobilen Miniaturholzrampe und einer bebilderten Übersicht des Parcours` spazieren wir zu Loch 1, das eine frei auf einer Grünfläche stehende Stange ist, die es zu treffen gilt. Echte Löcher bilden beim Crossminigolf die Ausnahme, der Parcours wird nicht künstlich gestaltet, sondern Plätze, Nischen, Gebäude oder Gegenstände verwandeln sich zu Bestandteilen einer Minigolfanlage. Blumenkübel, Gullydeckel, Poller, Laternenmasten oder rostige Eisenstangen können Lochvertreter sein. Hauptsache es gibt ein Ziel, das anvisiert werden kann und eine Herausforderung darstellt. Die Idee leuchtet ein, denn wer benötigt einen vorgestanzten Minigolfplatz, wo doch die Stadt an sich ein Hindernisparcours ist.

Jeweils drei Schläge brauchen die Deichschartschreiberin und ich für die erste Spielbahn, deren Tücken in der Überquerung eines Radweges und der Höhe des lange nicht mehr gemähten Rasens liegen. Ein paar Minuten später stehen wir inmitten eines Verkehrskreisels in der Neubausiedlung Am Dammacker und diskutieren darüber, ob man für die Überwindung des Bordsteins die Rampe zur Hilfe nehmen sollte. Während wir noch diskutieren, überfährt ein Taxi meinen Ball. Der Fahrer wirft uns einen fragenden Blick zu und rollt mit seinem Mercedes weiter. Die Spaziergänger, die mich bei meinem vierten Versuch beobachten, wirken eher amüsiert und applaudieren gar, nachdem ich mithilfe der Rampe endlich meinen Ball in das brachliegende Blumenbeet befördert habe.

Beim nächsten Loch gilt es, den Ball vom Bürgersteig auf eine gepflasterte Erhöhung zu bugsieren. Vor allem allerdings gilt es, aufzupassen, dass der Ball nicht mit zu viel Schmackes gegen die Mauer prallt und von dort auf den Buntentorsteinweg rollt; doch natürlich passiert genau das. Dieses Mal erwischt es den Ball meiner Mitspielerin, der von der just vorbeirauschenden Linie 4 einige Meter mitgerissen wird, bevor er leicht mitgenommen im Rinnstein liegen bleibt.

Nach einem Small Talk mit einem Ehepaar („Crossminigolf? Aha!“, „Kioskfestival? Ach, wie interessant!“) führt uns die Route über einen Hinterhof zu einem Holzpoller, von dessen Spitze der Ball abgeschlagen werden muss. Während sich die Deichschartschreiberin am Abschlag versucht, blicke ich zum Dachfenster meiner Wohnung hinauf und stelle mir vor, wie ich von dort oben hinunterschaue, uns beobachte und mich frage, was die beiden dort unten vor meiner Haustür treiben.

Unter meinem Dachfenster sonnt sich mein Nachbar auf seinem Balkon und winkt uns zu. Wir winken zurück und schlendern zum Spielplatz gegenüber. Hier verkörpert ein im Sandkasten liegender Baumstamm das Loch. Ein zusätzliches Hindernis bildet der kleine Junge, der mit seiner Plastikharke den Sand durchkämmt. Seine Mutter ruft ihn zu sich, während eine zweite Frau, die ihr Töchterchen unmittelbar nach unserem Erscheinen zu sich befohlen hat, den Kopf schüttelt.

Wunder Dich nicht, gestern war da auch schon so eine Chaotentruppe!“, sagt sie zu der Mutter des Jungen, hockt sich auf eine Parkbank, kramt eine Packung Gauloises aus ihrer Handtasche, zieht eine Filterzigarette aus der Schachtel, lässt eine Feuerzeugflamme aufzucken und schaut uns zu, wie wir nacheinander, trotz Rampe und ausgebuffter Taktik, an Loch 5 scheitern.

Wir verabschieden uns von den mit ihren Plastikgerätschaften winkenden Kindern und ihren rauchenden Müttern und spazieren Richtung Beginenhof zu Loch 6, wo ich meinen ersten und einzigen Hole-in-one schlage.

Nach über einer Stunde Spielzeit begegnen uns auf den letzten Metern der Golfstrecke hier und da auf dem Asphalt liegende Ballonleichen mit dem zerknitterten Aufdruck des Festivals. Ein finaler Schlag durch den Deichschart und wir sind zurück im Gemenge an der Kleinen Weser. Zwischen Ballons haltenden Kindern und Kaffee trinkenden Erwachsenen watschelt ein Stockentenpärchen umher, irgendwer ruft „Belegte Brote nur ein Euro!“ und der Huckelrieder Liedermacher spielt auf der Gitarre und singt „Huckelriede, Huckelriede. Ich liebe Huckelriede“.

(erstmals veröffentlicht im März 2015 in der Anthologie: minilit special; im Rahmen des Projektes Bremen & Kampala – Schreiben im transkulturellen Raum, herausgegeben vom Bremer Literaturkontor)

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Eingeordnet unter Bremen, Storys

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