Genialer Bart mit Witz

Harry2

Eines Tages wird man sich für jeden Kalauer, den man ausgelassen hat, verantworten müssen.“ Der Penner aus der Lindenstraße hat das mal gesagt. Natürlich nicht in dieser nicht totzukriegenden Sonntagabendserie, wo er eben den liebenswürdigen Tippelbruder mimte, sondern im „echten Leben“, in dem er zwar zuweilen mit einem Clochard verwechselt wurde, aber vor allem in ganz anderen Rollen glänzte: als famoser Erzähler, kongenialer Übersetzer und hammermäßiger Rezitator, der mal eben so ganz lässig die prall gefüllte Kesselhalle des Bremer Schlachthofs in eine Ein-Mann-Arena verwandelt.

Habe das vor ein paar Jahren live erlebt, wie der wandelnde Bart auf der Bühne im Rampenlicht hinter einem Tisch hockt, eine Geschichte vorzulesen beginnt und sich abrupt mitten im Satz selbst unterbricht, indem er eine Anekdote einschiebt, die er en passant über eine Strecke von vier oder fünf Minuten gemächlich entspinnt, als wäre er gerade nicht mitten in einem anderen Text gewesen, den er dann allerdings nach Abschluss der Anekdote exakt dort fortsetzt, wo er sich selbst ins Wort gefallen war. Spätestens da habe ich begriffen, dass da eine ganze Menge Genialität hinter dem Graubart steckt, auch wenn ich Harry Rowohlt immer nur mit Bart denken kann. Sein Kollege F. W. Bernstein hat diese Bartaura in einem Interview zu Rowohlts Siebzigsten auf den Punkt gebracht: „Wie die meisten Menschen bin auch ich Harrys Bart begegnet, bevor ich Harry begegnet bin.“

Der Bart war natürlich auch das Erste, was ins Auge stach, als er damals auf die Bühne trat, aber seine Stimme und sein Witz übernahmen dann schnell die Hauptrollen. Die Lesung an dem Abend war zwar nicht mehr das legendäre „Schausaufen mit Betonung“, weil er zu dieser Zeit schon keinen Alkohol mehr trank, doch seiner Stimme wollte ich die Enthaltsamkeit gar nicht so recht abnehmen, denn da klangen immer noch die endlosen Liter Whiskey mit, die über all die Jahre die Kehle hinabgerauscht waren. Diese tief grollende Seebärstimme, die ohne Ende Kalauer und Anekdoten raushaute – zum Beispiel eben jene von einer Lesung in einem Theater, in das ihn der Türsteher nicht reinlassen wollte, weil er ihn für einen Penner hielt und nicht für den geladenen Schriftsteller, der an diesem Abend im Theater lesen sollte.

Ich wünsche Harry Rowohlt, dass ihm die Türsteher jetzt keinen Ärger bereiten, sondern ihn reinlassen in die Literaturkneipe, in der er dann hoffentlich mit Ernest Hemingway, Flann O’Brian, Dylan Thomas und all den anderen Größen, die er übersetzt hat, mit einem Glas Whiskey anstoßen, die Köpfe zusammenstecken und über Literatur schwadronieren darf. In diesem Sinne: Prost!

Anmerkung:

Sorry, die letzte Szene ist natürlich Kitsch, doch was soll man schreiben – ist halt scheiße, dass der Mann jetzt schon tot ist, wo so viele andere Nasen doch inzwischen neunzig oder noch älter werden …

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