Jugend ohne Staat

Peter Richter

Peter Richter erzählt von einer DDR-Jugend während der Wendejahre

Wenn dir ein paar Neonazis die Fresse polieren, ist es dir wahrscheinlich egal, dass du gerade mittendrin bist in einer historischen Epochenwende. So zumindest ergeht es dem namenlosen Erzähler in Peter Richters Roman „89/90“ am Silvesterabend des Jahres 1989. Gerade noch hat er einen desaströsen Auftritt mit seiner Punkband „Die Faschisten“ hinter sich gebracht, als echte Faschos die Silvesterparty in der „Pisse“, einem besetzen Haus im Dresdner Stadtteil Pieschen, stürmen und für Prellungen, blaue Augen und blutende Nasen sorgen.

Diese Szene ist typisch für Richters Wenderoman, der nicht nur die Proteste und Demonstrationen gegen das DDR-Regime aus Sicht eines Jugendlichen schildert, sondern darüber hinaus beschreibt, wie sich immer stärker nationalistische Töne in die Rufe nach Freiheit und Demokratie mischen und wie glatzköpfige Typen in Bomberjacken durch die Stadt marschieren und auf Leute mit langen Haaren oder anderer Hautfarbe einschlagen.

Die Schlägereien oder Jagdszenen malt der 1973 in Dresden geborene Richter zwar vielleicht nicht ganz so detailliert aus wie Clemens Meyer in seinem Debüt „Als wir träumten“, aber er schildert sie in diversen Variationen – so besteht der dritte Teil des Buches allein aus einer Aneinanderreihung von über zwei Dutzend Szenen, in denen Nazis Punks und Langhaarige jagen oder verdreschen beziehungsweise bisweilen selbst Keile kassieren.

In „89/90“ zeichnet Richter in klaren Bildern die Atmosphäre dieser beiden Jahre nach: auf der einen Seite die riesengroße Euphorie im Hinblick auf den Mauerfall und eine mögliche Wiedervereinigung, auf der anderen Seite der aufkeimende Nationalismus. Und mittendrin eine Generation Jugendlicher, die noch ein paar Monate zuvor in der Schule auf Konformität und im Wehrlager auf die Verteidigung des Sozialismus getrimmt worden war.

Von diesen 15-/16-Jährigen, die in der DDR aufgewachsen waren, dann den Niedergang dieses Staates erlebten und sich plötzlich in einer Art rechtsfreien Raum wiederfanden, erzählt Richter mit viel Empathie und Witz. Nirgendwo flammt Ostalgie auf, nirgendwo wird die DDR verteufelt, nirgendwo die Moralkeule geschwungen. Der erfahrene Journalist berichtet in seinem zweiten Roman schlicht und einfach in einer schnörkellosen Sprache, die in manchen Szenen leichtfüßig daherkommt und in anderen durch ihre Direktheit knallhart. Richter findet damit den idealen Ton, um von einer Jugend zu erzählen, die zufällig in eine historische Zeit fiel.

Peter Richter: 89/90. Luchterhand, München. 416. Seiten, 19,99 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

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