Gestrandet am Rande eines Kuhdorfs

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Doris Knecht erzählt von der Flucht einer gescheiterten Geschäftsfrau

Die Weltwirtschaftskrise hat seit 2007 manche Erfolgsstory in ihre Einzelteile zerlegt. Auch für Marian Malin, der Protagonistin in Doris Knechts neuem Roman „Wald“, geht es plötzlich nicht mehr wie bisher steil bergauf, sondern rasant bergab. Als Modedesignerin hat die Selfmade-Frau Kleider für die besser betuchten Damen entworfen und genäht; doch dann kracht die Krise in ihre kühl kalkulierte Karriere, und zwar dummerweise zu einem Zeitpunkt, als die ehrgeizige Geschäftsfrau gerade dabei ist zu expandieren und ihr potenzieller Gatte sich von ihr verabschiedet.

Es folgt der Verlust des Ateliers, des Apartments, des Autos und allerlei lieb gewonnener Accessoires. Es folgen Privatinsolvenz, sozialer Abstieg, Kränkung, Einsamkeit und Flucht. Sie flieht in die Provinz, nistet sich in dem leer stehendem Haus ihrer verstorbenen Tante ein, das sie einst geerbt und vor dem eigenen Bankrott ihrer Tochter überschrieben hatte. In dieser „baufälligen Hütte am Rande eines Kuhdorfs“ versucht sie sich, mit nur spärlichem Kontakt zur Außenwelt, als Selbstversorgerin über Wasser zu halten. Die Dörfler beäugen die Fremde misstrauisch, einige feinden sie gar an, nur der Grundbesitzer Franz taucht regelmäßig bei ihr auf, versorgt sie mit Brennholz, Mehl, Gelierzucker oder Shampoo und lässt sich seine „christliche Nächstenliebe“ von der 42-Jährigen auf eine Art entlohnen, die der Endfünfziger daheim bei seiner Gattin zu vermissen scheint.

Marian lässt sich auf diesen Deal ein, sie ist angewiesen auf Franz´ Hilfe, wenn sie nicht zugrunde gehen will. Das Leben auf dem Lande ist hart, und während sie sich darin einzurichten versucht, blickt sie zurück, versucht zu begreifen, wie sie aus ihrer parfümierten Luxusexistenz so tief hinabstürzen konnte. Dabei steigert sie sich ab und an in ihren Selbstgesprächen in wutgeladene Tiraden, für die österreichische Autorinnen wie Autoren ein besonderes Talent zu besitzen scheinen. Jedenfalls gelingt es der in 1966 in Vorarlberg geborenen und in Wien lebenden Doris Knecht ganz famos, die inneren wie äußeren Kämpfe ihrer Heldin mit all dem Lebensschmerz zu zeichnen, ohne dass dabei das Gezeter in ein kitschiges Gejammer abgleitet. Absolut lesenswert.

Doris Knecht: Wald. Rowohlt, Berlin. 272. Seiten, 19,95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

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