Begleitschreiben des Elfenbeinturmbewohners

Handke

Ob Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Drehbücher, Gedichte, Übersetzungen oder Essays – in allen Gattungen hat Peter Handke Bedeutendes geschaffen. Ob auch seine Buchbesprechungen aus den 60ern und seine Feuilletons der vergangenen Jahre literarischen Wert haben oder bloße Randprodukte sind, darüber lässt sich nach der Lektüre des neuen Sammelbands „Tage und Werke“ durchaus streiten.

Sicherlich gehört der inzwischen 73-jährige Österreicher immer noch zu den produktivsten, vielseitigsten, eigensinnigsten und zugleich faszinierendsten Schriftstellern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit dem Roman „Die Hornissen“ (1966) feierte er sein Debüt, mit unkonventionellen Sprechstücken wie „Publikumsbeschimpfung“ (1966) und „Kaspar“ (1967) Erfolge im Theater und mit „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ (1969) veröffentlichte er einen Gedichtband, der nahezu zum Bestseller avancierte. Erstmals für größere Aufregung gesorgt hatte der 1942 in Kärnten Geborene indes im April 1966 durch seine (inzwischen legendäre) Wortmeldung bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, bei der Handke den Anwesenden „Beschreibungsimpotenz“ vorgeworfen hatte.

Das ist mittlerweile alles lange her, aber deshalb erwähnenswert, da sich anhand des jüngst erschienenen Buches „Tage und Werke“ eine weniger spektakuläre Seite Handkes nachverfolgen lässt – und zwar die des Literaturkritikers. Mitte der 60er verfasste der damals noch unbekannte Autor regelmäßig Besprechungen für die Bücherecke im Radio Steiermark. Handke selbst schrieb später einmal, dass er als Kritiker bloß des Geldes wegen angefangen habe, denn eigentlich habe er Unwillen dabei empfunden, die fremde Rolle eines Kommentators einzunehmen.

Dazu passend reflektiert Handke die Rolle des Kritikers auch gleich in dem ersten dieser Büchereckentexte, der vom Dezember 1964 stammt. Darin vermerkt er: „Die Literaturkritik wertet, für die Bewertung aber besteht in der Sprache nur ein begrenzter Vorrat von Worten; dieser Vorrat schießt automatisch in die Gedanken, wenn die Sprache des zu beurteilenden Textes beurteilt werden soll: das ist es, was die Literaturkritik oft zu einem leeren Geschäft macht.“ Da dies jedoch ein natürliches Übel sei, da es in der Natur der Kritik liege, zu bewerten, sei es an sich gar kein Übel. Soweit der leicht verquere Gedankengang, der die eigenen Zweifel geschickt beiseiteschiebt. Als Kritiker widmete sich Handke dann den Werken zahlreicher deutschsprachiger und internationaler Autoren. Darunter sind Essays von Benjamin, Adorno, Marcuse und Barthes, Romane von Hermann Lenz und Martin Walser sowie Erzählungen und Romane französischer, italienischer, finnischer oder japanischer Schriftsteller.

Obwohl Handke sich als feinsinniger Kritiker zeigt, sind es vielleicht weniger die konkreten Kommentare zu bestimmten Büchern, die im Nachhinein interessant erscheinen, sondern vielmehr Handkes Gedanken zur Sprache im Allgemeinen, zur Motivation des Schreibens, zum modernen Theater oder zur russischen Literatur. Anhand dieser Äußerungen lässt sich nachvollziehen, welche Erwartungen an die Literatur der damals 22-Jährige hatte. Im Kleinen ließe sich vielleicht gar eine Handke-Mini-Poetik aus diesen Besprechungen herausdestillieren, die den zweiten Teil des Bandes „Tage und Werke“ bilden.

Im Großen und Ganzen ist dieser zweite Teil der interessantere. Der erste Teil versammelt verschiedene Artikel und kürzere Texte, die Handke für Zeitungen, Zeitschriften oder als Vorworte für Bücher anderer Autoren verfasst hat. Zahlreiche Texte dieser Art sind im Laufe von Handkes langer literarischer Karriere entstanden, und viele davon wurden bereits veröffentlicht – frühestes Zeugnis ist der Band „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ aus dem Jahr 1972; später folgten unter anderem „Langsam im Schatten. Gesammelte Verzettelungen 1980-1992“ und „Mündliches und Schriftliches. Zu Büchern, Bildern und Filmen 1992-2002“. „Tage und Werke“ schließt nun daran an mit Texten, die vor allem aus den letzten zehn Jahren stammen. Darunter sind schnipselartige Artikel zu Rolf Dieter Brinkmann, Friederike Mayröcker, Tomas Tranströmer, Claus Peymann und Barack Obama sowie ein Nachwort auf seinen griechischen Dichterfreund Dimitri Analis und ein längeres Vorwort zum Briefwechsel zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig. Auch Handkes öffentliche Stellungnahmen zu der kontroversen Diskussion um die (schließlich von ihm abgelehnte) Verleihung des Heinrich-Heine-Preises im Jahr 2006 lassen sich in dem Buch nachlesen.

Wer allerdings auf ein paar erläuternde Sätze zum Autor, den Texten oder Entstehungsjahren hofft, der wird enttäuscht. Weder ein Vor- noch ein Nachwort hat der Verlag dem Sammelband beigefügt, sodass das Buch insgesamt ein wenig lieblos editiert wirkt. Bei dem Werk scheint es vor allem um eine Zweitverwertung der Texte zu gehen, unverzichtbare Essays finden sich darin nicht. Für eingefleischte Fans mag das Werk möglicherweise dennoch von Interesse sein, allen anderen seien eher die bereits erwähnten Sammelbände ans Herz gelegt, oder der Band, der auf über 600 Seiten das Gros der Handke-Essays versammelt: „Meine Ortstafeln. Meine Zeittafeln. Essays 1967-2007“ aus dem Jahr 2007.

Peter Handke: Tage und Werke. Begleitschreiben. Suhrkamp, Berlin. 287 Seiten, 22.95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

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