Wehmut allüberall

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Achtzehn Jahre nach ihrem Überraschungserfolg „Sommerhaus, später“ legt das ehemalige „Fräuleinwunder“ Judith Hermann mit „Lettipark“ einen weiteren Erzählungsband vor. Das Personal ihrer Geschichten ist zwar gealtert, aber die melancholische Grundstimmung erinnert stark an ihr Debüt.

Den „Sound einer neuen Generation“ meinte der Literaturkritiker Hellmuth Karasek 1998 in den Erzählungen der damals 28-jährigen Judith Hermann zu erkennen. Seine und die Begeisterung seines Kollegen Marcel Reich-Ranicki halfen dabei mit, dass sich Hermanns Debüt in den folgenden Monaten über 250.000 Mal verkaufen sollte. Im Literarischen Quartett prophezeiten die beiden Kritikerikonen der bis dahin unbekannten Autorin eine große Zukunft. Ob sich diese Prophezeiung inzwischen erfüllt hat, darüber lässt sich streiten. Der plötzliche Erfolg bereitete Hermann damals Probleme beim Schreiben neuer Texte, sie ließ sich fünf Jahre Zeit, bevor sie ihren zweiten Erzählungsband veröffentlichte („Nichts als Gespenster“) und anschließend gar weitere sechs Jahre für ihren dritten („Alice“). Beide Bücher konnten nicht an den Erfolg ihres Erstlings anknüpfen, und auch ihr erster Roman („Aller Liebe Anfang“) wurde sowohl vom Feuilleton als auch von der Leserschaft sehr gemischt aufgenommen. Nun, zwei Jahre nach ihrem Romandebüt, präsentiert sie sich mit „Lettipark“ wieder als Verfasserin der Kurzform.

Bereits beim Blick ins Inhaltsverzeichnis fällt ein Unterschied zu ihren ersten drei Erzählungsbänden auf: Die 17 neuen Geschichten sind deutlich kürzer, keine ist länger als 15 Seiten. Der längste Text ist jedoch zugleich einer der berührendsten: In „Manche Erinnerungen“ erzählt Hermann von der Freundschaft zwischen der 82-jährigen Greta und der gut 50 Jahre jüngeren Maude, die in Gretas Haus ein WG-Zimmer bewohnt. Maude ist eine Figur, die jenen in „Sommerhaus, später“ ähnelt – sie ist Single, jobbt als Kellnerin, raucht abends ihren Feierabendjoint und scheint ansonsten recht ambitionsfrei durch ihr Leben zu driften. Greta hingegen hat ihr Leben größtenteils schon hinter sich. Seit ihr Mann verstorben ist, widmet sie sich, auf ihrer Chaiselongue liegend, vor allem den Büchern, mit denen sie ihr Wohnzimmer vollgestopft hat. Eines Tages, kurz bevor Maude zu einer längeren Reise zum Lago d’Iseo aufbricht, beginnt die kränkelnde Greta von einem Badeunfall zu erzählen, den sie vor über 50 Jahren beobachtet hat und vielleicht hätte verhindern können.

Dieser wehmütige Blick auf die Vergangenheit als eine Zeit der verwirkten Möglichkeiten findet sich bei mehreren Charakteren. Da ist zum Beispiel Elena in der titelgebenden Erzählung, die in jungen Jahren eine berauschende Erscheinung war: „Ein mageres schönes Mädchen, schwarzäugig und dunkelbraun, angespannt wie eine Bogensehne und mit einer Röte im Gesicht, als würde sie sich immerzu in die Wangen kneifen.“ Irgendwann, nachdem sie einigen Männern die Herzen gebrochen hat, scheint sie an den Falschen geraten zu sein – einem Brutalo, der ihr zusetzt. An seiner Seite ist sie rasch gealtert, ist „phlegmatisch und langsam geworden (…) wie eine traurige Riesin. Eine schwermütige, verzauberte Riesin“. Ihre Schönheit ist ebenso verblasst wie die von Margo Rubinstein (in der Geschichte „Mutter“), die als Jugendliche immer als Erste von den Jungen zum Tanzen aufgefordert wird, später als Krankenschwester im Schwesternwohnheim lebt, sich in eine Affäre mit einem Arzt verwickelt und dann – nach dem Scheitern dieser Beziehung – wieder zu ihrer Mutter in ihr Kinderzimmer zieht, wo sie sich nach und nach in eine schrullige Tante verwandelt. Ab und an besucht sie eine Jugendfreundin, die inzwischen Mutter von fünf Mädchen ist, sitzt dort in der Küche, trinkt Tee und hat „einen ratlosen und entschuldigenden Ausdruck im Gesicht, einen Ausdruck zwischen Verlegenheit und Ironie, so als wolle sie sagen, sie wisse schon, dass alles schiefgegangen sei, obwohl es gar nicht schief hätte gehen müssen“.

Doch schief läuft es offenbar für viele der Frauen mittleren Alters, die „Lettipark“ bevölkern und ein wenig ratlos ihre Lebensentwürfe zu betrachten scheinen. Dabei ist es gar nicht viel, was sie vom Leben erwarten: eine Portion Glück, ein bisschen Liebe oder einfach nur irgendetwas, das Bestand hat in ihrem Leben. So geht es (in der Erzählung „Gehirn“) auch Deborah, die keine Kinder bekommen kann und schließlich mit ihrem Mann Philipp ein Kind aus Russland adoptiert, weil sie glaubt, ohne Kind nicht glücklich sein zu können: „Sie hat das Gefühl einer schrecklichen Unvollkommenheit, als wäre ihr ohne Kind ein ganz entscheidender Anteil an Wissen ein für alle Mal verwehrt.“ Das Kind bringt dem Ehepaar aber nicht das erhoffte Glück, sondern bleibt ein Fremdkörper, der zwischen ihnen steht und ihre Ehe zu zerstören droht.

Ähnlich wie in Hermanns frühen Texten sind die Plots ihrer neuen Geschichten eher handlungs- und spannungsarm, leben vielmehr von der Stimmung und ihren Figuren. Auch den schlichten Stil mit den knappen, schmucklosen Sätzen kennt man von Judith Hermann, die mit „Lettipark“ ein zwar durchaus gefühlvolles und stellenweise atmosphärisch dichtes Werk vorgelegt hat, insgesamt jedoch kaum zu überraschen vermag mit ihren Erzählungen, die manchmal gar ins allzu Belanglose abzurutschen drohen.

Judith Hermann: Lettipark. S. Fischer, Frankfurt a. M. 192 Seiten, 18.99 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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