Anekdoten-Potpourri

 

Tex Rubinowitz hat nichts zu erzählen und macht das zum Thema seines Romans

Autoren, die nichts mehr zu erzählen haben, sind arme Würstchen. Wer nichts zu erzählen hat, kann das Veröffentlichen von Büchern vergessen. Sollte man zumindest meinen. Dass man es dennoch versuchen kann, zeigt aktuell der 1961 in Hannover geborene Zeichner, Musiker und Schriftsteller Tex Rubinowitz in seinem Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“. Bereits sein letzter Roman „Irma“ ist vielmehr ein munteres Anekdoten-Potpourri als tatsächlich Roman (zudem soll Rubinowitz angeblich einige Passagen nahezu wortgleich aus Wikipedia-Artikeln stibitzt haben). Die Kunst des Abschweifens und der Anekdotenaneinanderreihung hat der Bachmannpreisträger des Jahres 2014 nun geradezu perfektioniert. Offen gesteht er (beziehungsweise sein Icherzähler) ein, dass er mit seinem Lektor im Clinch liege, da er nichts mehr zu erzählen habe – und macht dies zum Thema seines Buches. Er berichtet von Streitgesprächen über seine Exposés, schweift in sexuelle Fantasien ab, schwadroniert über ABBA und andere Bands, streut einen Schwank aus seiner Kindheit ein und verheddert sich in teils larmoyanten Selbstreflektionen. Und dann gibt es da ja noch die Schauspielerin Anja Kruse, für die der Icherzähler eine Obsession entwickelt, weil sie quasi seinen Roman retten soll, indem er sie zur Hauptfigur seiner bisher nicht vorhandenen Geschichte machen will. Eine Schnapsidee, die natürlich zum Scheitern verurteilt ist und auch seinen Lektor nicht überzeugt.

Das alles wirkt insgesamt ziemlich überdreht und durchgeknallt, ist zuweilen dennoch ganz witzig, da Rubinowitz zwischen verschiedenen Ebenen hin und her switcht, Authentizität fingiert und den Literaturbetrieb aufs Korn nimmt – und sich selbst gleich mit (unter anderem mit einem ominösen Doppelgänger). Auf Dauer ist diese konfuse Melange allerdings auch leicht nervtötend, weil redundant und uferlos; denn obwohl der in Wien lebende Autor tatsächlich nichts Relevantes zu erzählen hat, benötigt er knapp 300 Seiten, um das bis ins kleinste Detail zu veranschaulichen. Das ist definitiv zu viel, die Hälfte oder ein Drittel hätte ebenso gereicht, dann hätte man das Buch vielleicht gar als kurzweilig bezeichnen können. So ist es vor allem eins: verquast und verquatscht.

Tex Rubinowitz: Lass mich nicht allein mit ihr. Rowohlt, Hamburg. 288 Seiten, 19.95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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