Himmel oder Hölle

Zwischen einem Wunder und Dante bewegt sich Sibylle Lewitscharoffs Roman

Was soll man von einem Literaturwissenschaftler halten, der behauptet, alle seine Kollegen seien während eines Kongresses zum Himmel aufgefahren? Vermutlich hielte man ihn für verrückt – auch er selbst schwankt hin und her, ob er die Himmelfahrt tatsächlich miterlebt hat oder nicht doch übergeschnappt ist. Und so sitzt Professor Gottlieb Elsheimer nun in seiner Frankfurter Wohnung und rekapituliert in einem inneren Monolog die Ereignisse jenes Mai 2013. An diesem Pfingstwochenende hat sich der Dante-Experte mit anderen internationalen Größen seiner Zunft im Saal der Villa Malta auf dem Römer Aventin versammelt, um sich ausgiebig Dantes „Göttlicher Komödie“ zu widmen.

Dies ist die Rahmenhandlung des Romans „Das Pfingstwunder“ der 62-jährigen Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Die Büchner-Preisträgerin ist bekannt für Bücher, die bei allem Tiefsinn den Humor nicht vernachlässigen (hervorzuheben wären da „Pong“, „Apostoloff“ und „Blumenberg“). Auch ihr neues Werk sprüht vor Witz und Intelligenz – zumindest größtenteils. Eine ganz wunderbare Idee ist der auf Erden zurückgebliebene Erzähler, der mit sich hadert und sich fragt, warum er nicht wie die anderen auf einen der Fenstersimse des Tagungssaals geklettert und anschließend hinfortgeflattert ist. Hinzu kommt ein zweiter Erzählstrang, den Gottlieb Elsheimer gekonnt ausbreitet, schließlich geht es um sein Fachgebiet: die „Divina Commedia“. Anhand der Vorträge, die seine Kollegen zu den einzelnen Gesängen gehalten haben, erzählt er die Handlung von Dantes Jenseitsreise nach. So bekommt man als Leser en passant bei der Romanlektüre eine Einführung geboten in eines der bedeutendsten Werke europäischer Dichtung und dessen Rezeptionsgeschichte – und zwar in einem elegant beschwingten Ton.

Mit all diesen Zutaten lässt sich ein hervorragender Roman zusammenzaubern, und in Teilen ist Lewitscharoff genau das gelungen. Allerdings streckt sich die Hauptstory auf Dauer doch arg in die Länge, und Gleiches gilt stellenweise für die raumgreifenden Nacherzählungen der Göttlichen Komödie. So geht dem Ganzen auf den letzten hundert Seiten ein wenig die Puste aus – was schade ist, da der Roman in gestraffterer Form einschränkungslos zu empfehlen wäre.

Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder. Suhrkamp, Berlin. 350 Seiten, 24,00 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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