Unreparierbare Jahressplitter – V

Eine Schnipsel-Melange – Mai

Lesung im Hinterraum – Fenster-auf-Fenster-zu-Performance

Punkt elf an einem Samstagmorgen im Mai. Nach etlichen trüben Tagen hat der Wind endlich das norddeutsche Wolkengrau zur Seite gewischt. Überall reinstes Himmelblau, über dem die pralle Gelbe strahlt. Genau das richtige Wetter, um am Hafen über die Promenade zu spazieren oder sich irgendwo hinzufläzen, sich die Bäckchen zu bräunen und die Seele baumeln zu lassen. Dummerweise habe ich eine Lesung in einem kleinen, leicht stickigen Hinterraum mit etwa 25 Stühlen, von denen sieben belegt sind.

Zum Glück werde ich nicht nach Zuhörern bezahlt, das wäre ärgerlich; da ich aber gar nicht bezahlt werde, gibt´s keinen Grund zum Ärgern, nur Anlass zum Grübeln, warum ich das eigentlich mache.

Aber egal, jetzt bin ich hier, und immerhin sieben Leute verzichten eine Stunde lang auf die Sonne, um mir zuzuhören. Immerhin.

Also, machen wir das Beste draus!

Gerade als ich mit meiner Begrüßung fertig bin und mit dem ersten Text beginnen möchte, fragt eine Frau aus der vierten Reihe, ob ich das Fenster schließen könnte, da sie schlecht höre und die Verkehrsgeräusche von draußen zu laut wären.

Das leuchtet mir ein, auch wenn die Luft im Raum nicht ganz so prima ist; doch bevor ich das Fenster schließen kann, erhebt ein Mann, der mit neongelber Windjacke gekleidet in der ersten Reihe neben dem Fenster sitzt, Einspruch. Ihm sei es viel zu warm hier drinnen, daher solle das Fenster bitte offenbleiben.

Ich zögere kurz, frage den Mann dann vorsichtig, ob er nicht vielleicht seine Windjacke ausziehen möge. Nein, das wolle er nicht.

Also frage ich die Frau, die in der vierten und damit letzten Reihe sitzt, ob sie sich nicht eventuell in die erste Reihe setzen möge – dort sind noch genügend Stühle frei (genaugenommen alle außer einem).

Nein, das wolle sie nicht.

Hm, so, na ja. Was also tun? Ich schlage einen Kompromiss vor: Während ich lese, sage ich, schließen wir das Fenster, doch zwischen den Texten, wenn ich ein bisschen frei erzähle, öffnen wir es für zwei, drei Minuten, damit frische Luft reinkommt.

Alle scheinen einverstanden, ich klopfe mir im Gedanken zufrieden auf die Schulter für meine famose Idee, lobe mir die Kraft des Kompromisses und beginne mit meinem ersten Text.

Als ich beim dritten oder vierten Satz bin, springt der Windjacken-Mann hoch und reißt das Fenster auf. Ich halte kurz inne, lese dann jedoch weiter, als wäre nichts gewesen, ignoriere auch, dass die Freundin der schwerhörigen Frau aus der vierten Reihe unmittelbar nach meinem ersten Text zum Fenster marschiert und es zuknallt, wogegen der Windjacken-Mann zwar nicht protestiert, aber drei, vier Minuten später wieder aufspringt, um erneut das Fenster aufzureißen, woraufhin … ich mich langsam löse … von meinen Texten, von den Zuhörern, von der Situation, vom Raum – mich auflöse und erst wieder in der Sonne an der Hafenpromenade auf der Terrasse eines Cafés materialisiere, um dem Knistern des in der Sonne funkelnden Milchschaums zu lauschen – an diesem so herrlich stillen Maimorgen.

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