Thanatos am Turning Torso oder Freuds Widerlegung

Ihre Neugier treibt sie über die Außentreppe nach oben, dabei ist die an der Turmfassade montierte Stahltreppe ganz sicher nur als Fluchtweg gedacht, aber als sie die offene Tür entdeckt, lockt es sie und sie steigt die Stufen hinauf. Jetzt steht sie auf einer Art Balkon, hält sich am Geländer fest und lässt ihren Blick über die Stadt zum Meer hinausschweifen. Neben ihr stehen zwei Typen, die (genauso neugierig wie sie) ihr hinterhergestiefelt sind. Obwohl sie in Schweden ist, sind es natürlich zwei Deutsche, überall trifft sie auf deutsche Touristen. Wie gern würde sie einfach in Ruhe den Ausblick genießen, doch sie kann das Gespräch der beiden nicht ausblenden, hört, dass einer der beiden lange unter Höhenangst gelitten hat, aber besser damit klarkommt, seitdem er auf Baustellen arbeitet. Im Prinzip wisse er ja, dass Konstruktionen wie diese hier stabil seien, sagt er, beginnt dann jedoch von einer Baustelle zu erzählen, bei der Dübel irgendwelcher Sicherheitsstufen in einem Blech verarbeitet worden seien, das nicht annähernd so viel aushalte wie die Dübel, und dass es dann eben nichts nütze, wenn man mit den besten Sicherheitsdübeln arbeite, so etwas werde ständig ignoriert … und so weiter … der Rest seines Monologs verwischt, denn plötzlich ist sie wieder da, ihre eigene Höhenangst, aber es ist nicht die Angst, dass sich Schrauben oder Dübel lösen, das Geländer wegbrechen und sie deshalb hinabstürzen könnte, es ist eine andere Angst – die Angst, sie selber könnte ohne konkreten Grund in die Tiefe springen. Es ist ein Sog, der sie unerwartet packt, sie in die Tiefe lockt.

Sie kennt diesen Sog bereits, er hat schon häufiger an ihr gezerrt, und in Momenten wie diesem fürchtet sie, ihm zu unterliegen … Jedenfalls kann sie jetzt nicht mehr am Geländer stehen bleiben, zu sehr zerrt es an ihr, also setzt sie sich auf eine Stufe, beugt sich nach vorne und umklammert ihre Oberschenkel. Das Sitzen beruhigt sie ein wenig, doch sie bleibt sich selbst unheimlich. Sie muss daran denken, wie sie der Sog vor einem Jahr so stark gepackt hat wie noch nie zuvor. Sie stand in Rügen auf der Plattform eines Leuchtturms. Das Meer im Rücken, vor ihr die geschwungene Landschaft, ein Mähdrescher, der sich durchs Korn pflügte, Schafe, die über eine Weide trotteten, einzelne auf das Himmelsblau getupfte Wolken … und plötzlich riss etwas heftig an ihr, drohte sie hinabzuziehen. Sie schaute hinunter, sah die Menschen, die sich unten auf dem Gelände um den Leuchtturm herum tummelten, wie kleine animierte Playmobilfiguren. Das brusthohe Geländer wäre mit einem Sprung leicht zu überwinden gewesen, und etwas in ihr lockte sie, genau das zu tun: zu springen. Mit einem Satz wäre alles vorbei gewesen, all die Sorgen, all die Ängste, all ihre Leiden. Aber auch all ihre Freuden und Freundschaften, all ihre Hoffnungen, all ihr Glück.

Mit einem Ruck hatte sie sich schließlich losgerissen, war zurück in den Turm und die Treppe hinuntergestürmt. Und so gibt sie sich auch jetzt einen Ruck, atmet tief durch, steht auf, taumelt kurz, stößt dabei fast mit den beiden Deutschen zusammen, die immer noch am Geländer stehen, von dem sie sich fernhalten muss. An ihnen vorbei hastet sie die Treppe hinunter, fixiert dabei die Stufen und ignoriert alles um sich herum. Erst als sie die Tür hinter sich zuzieht und den Asphalt unter ihren Füßen spürt, atmet sie auf.

Woher kommt der Sog, fragt sie sich, ist nicht eigentlich alles gut? Warum sollte ich springen wollen? Habe ich wirklich mein Leben satt? Oder ist es das, was Freud mit dem Todestrieb gemeint hat? Eine Lust, sich fallenzulassen, nachzugeben, alles hinter sich zu lassen und sich selbst auszulöschen? Ganz unabhängig davon, wie es einem tatsächlich geht?

Todestrieb, so ein Quatsch, denkt sie, als sie eine Viertelstunde später vor einem Café sitzt und an ihrem Americano nippt, Freud war ein komischer Kauz, der für alles eine Erklärung zu haben glaubte, entweder ist Eros schuld oder Thanatos. Pff! Mich treibt nichts zum Tod, ich will leben, nicht sterben, mein lieber Herr Freud, es ist vermutlich nur die Neugier*, die mich lockt, die Lust auf neue Erfahrungen, bloß dass die Erfahrung in diesem Fall nicht ganz gesund für mich wäre. Es sei denn, es würde sich im Moment des Falls herausstellen, dass ich fliegen kann.

Sie muss grinsen bei dem Gedanken, dass es dem Sog tatsächlich gelingen könnte, sie zum Sprung zu verführen, sie dann allerdings nicht, wie es der Sog von ihr erwartet, im freien Fall in die Tiefe stürzt, sondern ihm stattdessen die Zunge herausstreckt und davonflattert.

Jetzt muss sie lachen, schüttelt den Kopf, greift in ihre Handtasche und zieht eine Postkarte und einen Kugelschreiber hervor. Lieber Samuel, beginnt sie zu schreiben, du musst dir keine Sorgen um mich machen, mir geht es gut. Heute habe ich zum Beispiel Freud widerlegt und herausgefunden, dass ich fliegen kann. Aber am besten beginne ich am Anfang: Es fing alles damit an, dass ich eine offene Tür entdeckte und meine Neugier mich die Feuertreppe am Turning Torso Tower hinauftrieb …


*Die Idee zu diesem Schluss verdanke ich M, die zu mir ins Arbeitszimmer kam – genau in dem Moment, in dem ich grübelnd vor meinem Bücherregal stand, auf der Suche nach einem Schluss für diesen kleinen sinnfreien Text (als ob er sich im Regal zwischen den Büchern versteckt haben könnte) –, mich fragte, woran ich schreibe, kurz zuhörte, nickte, mit drei markigen Sätzen Freuds Theorie vom Todestrieb zerlegte und dann wieder in einer ihrer Online-Konferenzen verschwand.
Danke dafür!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Blog, Schnipsel

Eine Antwort zu “Thanatos am Turning Torso oder Freuds Widerlegung

  1. Barbara Paulmann

    Die Schnipsel finde ich wunderbar. Bitte öfter und mehr davon!
    Das Format hat mich selber schon zum Schreiben verführt.
    LG Barbara Paulmann.

    Gefällt 1 Person

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