Wow-Debüt – Karen Köhler

köhler

Karen Köhler brilliert mit ihrem ersten Erzählungsband

Gleich der erste Text rauscht einem beim Lesen mit Karacho durch die Hirnwindungen, und von dort mitten hinein ins Herz. „Il Comandante“ heißt die Auftakterzählung in Karen Köhlers Debüt „Wir haben Raketen geangelt“. Es ist die Geschichte einer 33-jährigen Krebspatientin, die deprimiert durch die Krankenhausgänge schlurft, bis sie an einem Mittwoch Caesar kennenlernt, den „Popstarparadiesvogelpatientenopa“, der in seinem Rollstuhl jeden Nachmittag grinsend im „Café Bistro“ sitzt und ein Bananensplit verputzt. Der lebensfrohe Caesar, genannt „Il Comandante“, verhilft der Ich-Erzählerin zu neuem Lebensmut. Doch kaum hat sie sich mithilfe ihres neuen Freundes berappelt, da verstirbt dieser überraschend und lässt sie fassungslos zurück.

Ein tieftrauriger Text ist das, und doch zugleich voller heiterer Passagen, die einem beim Lesen laut auflachen lassen. Dieses Changieren zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Brutalität und Heiterkeit gelingt der 40-jährigen Köhler in fast allen ihrer neun Erzählungen auf bemerkenswerte Art. Meist überwiegt indes das Düstere; Liebeskummer sowie ein verprügelter Indianer sind noch die mildesten Motive, im Verhältnis zu jenen anderen, die im Buch auftauchen: Alkoholismus, eine versuchte Vergewaltigung, tödliche Unfälle, zwei Selbstmorde, eine Fehlgeburt. Die studierte Schauspielerin ist keine zimperliche Erzählerin, sondern mutet ihrer Leserschaft einiges zu – das allerdings äußerst gekonnt. Stets wird man direkt von den ersten Sätzen geradezu in die Geschichten gesaugt, in denen Köhler mit einem eigenwilligen Sound jeweils eine derart dichte Atmosphäre zu weben versteht, dass man sich dem nur schwer entziehen kann, und auch gar nicht will. Denn bei aller Melancholie, aller Schwere, die diesen Erzählungen innewohnt, schimmert immer auch die Zuversicht und Lebenslust eines Comandante durch. Dieser Erzählungsband ist wahrlich ein Wow-Debüt!

(18.9.2014)

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Hanser, München. 240 Seiten, 19,90 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - ältere Bücher

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