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Zukunft ohne Netz

In Josefine Rieks‘ Romandebüt „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet worden – was das konkret für die Gesellschaft bedeutet und wie eine Welt ohne Internet aussehen könnte, bleibt dabei offen.

Eine Welt ohne Internet ist heutzutage nur noch schwer vorstellbar, dabei kannte vor gerade einmal 25 Jahren kaum jemand das World Wide Web. Vielleicht wäre es also auch denkbar, dass in 25 Jahren das Internet wieder von der Bildfläche verschwunden sein wird. Genau dies ist die spannende Ausgangsidee in Josefine Rieks‘ Debüt „Serverland“. In einer undatierten Zukunft (die vermutlich um das Jahr 2050 herum liegen dürfte) ist das Internet längst wieder Vergangenheit. Nach einem weltweiten Referendum Anfang der 2020er Jahre hat man das Internet abgeschaltet und komplett stillgelegt. Für die Jugendlichen in dieser Zukunft sind Google, Facebook, Instagram, YouTube und Co folglich verblichene Namen aus weit zurückliegenden Zeiten.

Warum genau eine Mehrheit dafür war, das Internet wieder abzuschaffen, erfährt man leider nicht, denn der Fokus in Rieks Roman liegt offensichtlich woanders. Im Mittelpunkt steht der Computer-Nerd Reiner, der bei der Post arbeitet und ausgemusterte Laptops sammelt – und zwar in einer Welt, in der Computer keine relevante Rolle mehr spielen. Reiner bastelt an den Geräten herum, um Computerspiele zocken zu können.

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Junge Leute, viel Frust

Noemi Schneider, Flurin Jecker und Fatma Aydemir legen ihre literarischen Debüts vor

Inmitten der Flut an Neuerscheinungen bereits etablierter Autoren gehen Debütanten manchmal komplett unter. Diesem Schicksal wollen die 34-jährige Noemi Schneider, der 26-jährige Flurin Jecker und die 30-jährige Fatma Aydemir möglichst entgehen – alle drei müssen sich in diesem Frühjahr erstmals auf dem Buchmarkt behaupten.

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Wow-Debüt – Karen Köhler

köhler

Karen Köhler brilliert mit ihrem ersten Erzählungsband

Gleich der erste Text rauscht einem beim Lesen mit Karacho durch die Hirnwindungen, und von dort mitten hinein ins Herz. „Il Comandante“ heißt die Auftakterzählung in Karen Köhlers Debüt „Wir haben Raketen geangelt“. Es ist die Geschichte einer 33-jährigen Krebspatientin, die deprimiert durch die Krankenhausgänge schlurft, bis sie an einem Mittwoch Caesar kennenlernt, den „Popstarparadiesvogelpatientenopa“, der in seinem Rollstuhl jeden Nachmittag grinsend im „Café Bistro“ sitzt und ein Bananensplit verputzt. Der lebensfrohe Caesar, genannt „Il Comandante“, verhilft der Ich-Erzählerin zu neuem Lebensmut. Doch kaum hat sie sich mithilfe ihres neuen Freundes berappelt, da verstirbt dieser überraschend und lässt sie fassungslos zurück.

Ein tieftrauriger Text ist das, und doch zugleich voller heiterer Passagen, die einem beim Lesen laut auflachen lassen. Dieses Changieren zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Brutalität und Heiterkeit gelingt der 40-jährigen Köhler in fast allen ihrer neun Erzählungen auf bemerkenswerte Art. Meist überwiegt indes das Düstere; Liebeskummer sowie ein verprügelter Indianer sind noch die mildesten Motive, im Verhältnis zu jenen anderen, die im Buch auftauchen: Alkoholismus, eine versuchte Vergewaltigung, tödliche Unfälle, zwei Selbstmorde, eine Fehlgeburt. Die studierte Schauspielerin ist keine zimperliche Erzählerin, sondern mutet ihrer Leserschaft einiges zu – das allerdings äußerst gekonnt. Stets wird man direkt von den ersten Sätzen geradezu in die Geschichten gesaugt, in denen Köhler mit einem eigenwilligen Sound jeweils eine derart dichte Atmosphäre zu weben versteht, dass man sich dem nur schwer entziehen kann, und auch gar nicht will. Denn bei aller Melancholie, aller Schwere, die diesen Erzählungen innewohnt, schimmert immer auch die Zuversicht und Lebenslust eines Comandante durch. Dieser Erzählungsband ist wahrlich ein Wow-Debüt!

(18.9.2014)

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Hanser, München. 240 Seiten, 19,90 €.

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