Spuren von Schönheit

Rothmann

Es sind immer noch überraschend wenige Leser, denen der Name Ralf Rothmann ein Begriff zu sein scheint, dabei ist der 62-Jährige einer der begnadetsten Erzähler, den die deutsche Literatur zu bieten hat. Das beweist er erneut in seinem aktuellen Roman „Im Frühling sterben“. Darin erzählt er die dramatische Geschichte einer Freundschaft während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Kein Krieg ohne Milch!“ lautet die Parole von Klaas Thamling, wobei der Milchbauer selbst wohl gut auf den Krieg verzichten könnte. Wie so einige aus der Zivilbevölkerung hofft er im Frühjahr 1945 insgeheim auf die Ankunft der Alliierten und ein Ende des Krieges. Da ihm selbst noch das letzte große Gemetzel in den Knochen steckt, würde er seinen Melkergesellen Walter und Fiete gerne dergleichen ersparen. Doch auf einer Tanzveranstaltung im Dorflokal werden die beiden 17-jährigen Freunde zwangsrekrutiert und nach einer dreiwöchigen Express-Grundausbildung aus der norddeutschen Provinz Richtung Süden geschickt, nach Ungarn, an die Front. Dort wird Walter als Fahrer einer Versorgungseinheit der Waffen-SS eingesetzt. Obwohl alles andere als ein überzeugter Nazi oder begeisterter Soldat, geht er gewissenhaft seiner Arbeit nach, in der Hoffnung, das Ganze heil durchzustehen. „Davonkommen wollte ich“, erzählt er später, nach seiner Heimkehr, seiner Freundin Elisabeth. „Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn.“

Davonkommen will auch Fiete, den es härter erwischt hat. Er muss an der vordersten Linie mit dem Gewehr in den Händen kämpfen, wird verwundet und kommt für kurze Zeit ins Lazarett. Bevor er zurück an die Front soll, ergreift er die Flucht, wird jedoch erwischt und als Deserteur zum Tode verurteilt. Als Walter davon erfährt, bemüht er sich um ein Gnadengesuch beim verantwortlichen Sturmbannführer; doch dieser hat kein offenes Ohr für Walters Anliegen, sondern hält ihm stattdessen einen Vortrag über den korrekten Gebrauch und die Bedeutung des Genitivs: „Der Genitiv verfeinert unsere Seelen, junger Mann, und lehrt uns, was geistiger Adel bedeutet. Der Vorsatz, nichts schleifen zu lassen und nicht immer nur den leichtesten Weg zu gehen, das ist der Genitiv! Kapiert?“

Da Fiete den angeblich leichtesten Weg eingeschlagen hat, fällt es dem Sturmbannführer leicht, das Gnadengesuch abzulehnen. Alles, was er Walter zugesteht, ist ein zehnmütiges Gespräch mit seinem Freund, bevor dieser dem Exekutionskommando vorgeführt werden soll – einem Kommando, dem auch Walter angehören wird. Diese letzte Zusammenkunft der beiden Freunde in Fietes Zelle gehört zu den intensivsten Momenten des Buches. Bei einem Kanten Brot, Dauerwurst, Weinbrand und einer Tafel Schokolade hocken Walter und Fiete im Kerzenschein beieinander und reden über den Krieg, in den keiner von beiden gewollt hatte. Wie bestialisch dieser Krieg abläuft, auch das spart Rothmann nicht aus: Willkürliche Exekutionen durch sadistische SS-Männer, auf Todesmärsche geschickte jüdische Zwangsarbeiter, an Ästen baumelnde Deserteure, auf dem Asphalt verbrennende Soldaten nach einem Fliegerangriff mit Phosphorbomben – all das schildert Rothmann meist in nur wenigen, dafür umso präziseren Sätzen. Vor allem diesen Szenen kommt es zugute, dass Rothmann kein Freund des Spektakels ist, sondern ein besonnener Meister der ruhigen Töne mit dem Blick für die Details – für das Schimmern zweier abgeworfener Bomben in der Frühlingsbrise, für die zwei Herzschläge währende Stille vor dem Bombeneinschlag, für einen „Hauch von Zitronen- oder Orangenduft“ inmitten „des üblichen Lazarettgeruchs nach Wundbrand und Karbol“.

Rothmann ist ein exzellenter Beobachter, der Poesie an Stellen entdeckt, an denen sie sonst kaum einer vermutet. Selbst mitten im Irrsinn des Krieges lässt er hier und da Spuren des Schönen aufschimmern, und zwar ganz ohne in den Kitsch abzudriften. Im Gegenteil: Oft verleiht der Kontrast den brutalen Bildern umso schärfere Konturen. Und es sind stets die Bilder, die bei Rothmann sprechen, denn vieles benennt er nicht direkt, sondern deutet es bloß an, in einer oft schlicht anmutenden, doch ungemein poetischen Sprache.

Dass Rothmann diese Kunst des Andeutens wie kaum ein Zweiter beherrscht, hat er bereits vielfach unter Beweis gestellt. Ob in Ruhrpottromanen wie „Stier“ oder „Junges Licht“, in seinen Berlinbüchern „Hitze“ oder „Feuer brennt nicht“ oder in seinen drei Erzählungsbänden – überall zeigt sich er sich als feinsinniger Erzähler und versierter Stilist, dem zu wünschen ist, dass er mit seinem neuen Roman endlich ein breites Publikum erreicht; auch wenn das dem eher öffentlichkeitsscheuen Schriftsteller vielleicht selbst gar nicht so recht wäre.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Suhrkamp, Berlin. 234 Seiten, 19.95 €.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s