Die Nostalgie des Künstlers

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Rolf Lappert schickt seinen Helden zurück nach Wilhelmsburg

Abgerockt ist das Haus in Hamburg-Wilhelmsburg, in dem Lennard Salm einen Großteil seiner Jugend verlebt hat, und abgerockt ist der Endvierziger auch selbst. Als junger wilder Installations- und Performancekünstler war er früh zu einem gewissen Ruhm gelangt, danach durch die Welt getourt, alle paar Jahre ein neues Projekt oder eine neue Beziehung beginnend und in nichts von alledem dauerhaft Befriedigung findend. Nun ist er – nach dem Tod seiner älteren Schwester – zurück im Haus seiner Jugend, in dem sein gebrechlicher Vater mit seiner polnischen Pflegerin lebt. Vom Kunstbetrieb hat Salm die Schnauze voll, auch von allen anderen Ansprüchen, die seine Familie oder Freunde an ihn stellen. Er zieht wieder in sein Jugendzimmer ein, gibt die Kunst auf und kümmert sich lieber um ein herrenloses Pferd – ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, was die Zukunft bringen wird, schließlich beschäftigt ihn in erster Linie die Vergangenheit. Er blickt zurück auf die problematische Familiengeschichte, zürnt der „Norwegischen Königin“, wie er seine kühle Mutter im Gedanken nennt, belächelt seinen spießigen Halbbruder und trifft sich regelmäßig mit seiner jüngeren Schwester Bille, einer flippigen Springinsfeld, die zu Platten von Joni Mitchell, Janis Joplin oder Simon & Garfunkel gerne einen Joint durchzieht. Ansonsten streunt Salm unschlüssig durch das alte Haus oder die beißend kalten Hamburger Winternächte.

Insgesamt ist es nicht viel, was in Rolf Lapperts Familien- und Gesellschaftsroman „Über den Winter“ passiert. Thematisch ist die Geschichte des zweifelnden, von Nostalgie sowie einem Hauch Nihilismus erfüllten Künstlers weder neu noch besonders innovativ; dennoch ist dem 56-jährigen Schweizer ein einfühlsames Werk geglückt, das von seiner melancholischen Grundstimmung und den fein gezeichneten Charakteren lebt, die zwar meist schrullig anmuten, aber nichtsdestotrotz liebenswert sind. Dazu kommen famose Szenen, die Lappert mit wenigen Sätzen zu entwerfen versteht und die untermauern, dass er ein Könner in seinem Metier ist. Somit ist Lapperts siebter Roman vor allem ein sprachlich gelungenes Buch, in dem man beim Lesen versinken kann, auch wenn es nicht hochspannend ist.

Im letzten Drittel allerdings beginnt die Geschichte an ihrer Handlungs- und Spannungsarmut ein wenig zu leiden. Je mehr sein Protagonist unschlüssig vor sich hindümpelt, desto mehr franst der Roman zum Ende hin aus. Auch wenn einige zarte Momente für den fehlenden Schwung entschädigen, hätte ein wenig Straffung sicherlich gut getan. Dennoch ist „Über den Winter“ insgesamt ein stimmiges Werk – und nicht zuletzt lesenswert, da es en passant ein Gesellschaftsporträt bietet durch die Wirklichkeitsschnipsel, die Lappert hie und da einstreut, wenn er vereinsamte Rentner, Pfandflaschensammler, von Armut bedrohte Bauern, Flüchtlinge, schlecht bezahlte Kellnerinnen, in Suppenküchen jobbende Ehrenamtler und Ordnungspolizei spielende Pensionäre auftreten lässt. Diese Randfiguren verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe, sodass er wohl nicht ganz zu Unrecht sein Plätzchen im Rampenlicht der Shortlist-Bühne des Deutschen Buchpreises gefunden hat.

Rolf Lappert: Über den Winter. Hanser, München. 384 Seiten, 22,90 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

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