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Zukunft ohne Netz

In Josefine Rieks‘ Romandebüt „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet worden – was das konkret für die Gesellschaft bedeutet und wie eine Welt ohne Internet aussehen könnte, bleibt dabei offen.

Eine Welt ohne Internet ist heutzutage nur noch schwer vorstellbar, dabei kannte vor gerade einmal 25 Jahren kaum jemand das World Wide Web. Vielleicht wäre es also auch denkbar, dass in 25 Jahren das Internet wieder von der Bildfläche verschwunden sein wird. Genau dies ist die spannende Ausgangsidee in Josefine Rieks‘ Debüt „Serverland“. In einer undatierten Zukunft (die vermutlich um das Jahr 2050 herum liegen dürfte) ist das Internet längst wieder Vergangenheit. Nach einem weltweiten Referendum Anfang der 2020er Jahre hat man das Internet abgeschaltet und komplett stillgelegt. Für die Jugendlichen in dieser Zukunft sind Google, Facebook, Instagram, YouTube und Co folglich verblichene Namen aus weit zurückliegenden Zeiten.

Warum genau eine Mehrheit dafür war, das Internet wieder abzuschaffen, erfährt man leider nicht, denn der Fokus in Rieks Roman liegt offensichtlich woanders. Im Mittelpunkt steht der Computer-Nerd Reiner, der bei der Post arbeitet und ausgemusterte Laptops sammelt – und zwar in einer Welt, in der Computer keine relevante Rolle mehr spielen. Reiner bastelt an den Geräten herum, um Computerspiele zocken zu können.

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Überall die Sonne

Thomas Lehr fokussiert in seinem kunstvollen Erzählpanorama „Schlafende Sonne“ einen Tag und zugleich ein ganzes Jahrhundert

Dieses Buch scheint eine Zumutung zu sein. Über 630 eng bedruckte, absatzlose Seiten voller Perspektivwechsel und assoziativer Sprünge zwischen verschiedenen Zeitebenen. Doch wenn man die ersten 30 bis 40 Seiten bewältigt hat, beginnt der Roman plötzlich einen Sog zu entwickeln – und zwar durch die Biografien, die sich allmählich in diesem dichten Textgewebe entfalten. Da ist zum einen die Lebensgeschichte der Künstlerin Milena Sonntag, die im Berlin des Jahres 2011 ihre große Ausstellung „Schlafende Sonne“ eröffnet. Diese Vernissage ist nicht nur ein besonderes Ereignis im Leben von Milena, sondern vor allem der Ausgangspunkt für alle weiteren Erzählstränge, denn in einer Art Retrospektive blickt die erfolgreiche Künstlerin zurück auf ihr Leben. Unterwegs zu der Ausstellungseröffnung, die im Morgengrauen stattfindet, ist auch Milenas Mann Jonas, ein Solarphysiker, der sein Leben der Erforschung der Sonne gewidmet hat.

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Die Zweifel eines Heiligen

In seiner Novelle „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ erzählt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Michael Köhlmeier virtuos vom Leben, Zweifeln & Sterben des Heiligen Antonius von Padua

Ein Heiliger liegt auf der Piazza einer norditalienischen Stadt und stirbt. Genaugenommen erfolgt die Heiligsprechung natürlich erst weit nach dem Tod, aber dass Antonius eines Tages heiliggesprochen werden muss, steht für seine Anhänger außer Frage. Dieser Priester weiß auf so göttliche Weise zu reden wie kein Zweiter – selbst die Fische im Meer lauschen andächtig seinen Predigten, wenn er zu ihnen spricht. Gerade erst hat er mit letzter Kraft eine Rede vor 3000 Menschen gehalten, von denen nun die meisten ausharren, um mitzuerleben, wie Gott seine treues Schäfchen zu sich in den Himmel holt. Worüber Antonius gesprochen hat, darüber scheiden sich die Geister seiner Zuhörer. Stand das Nichts im Mittelpunkt seiner Predigt oder war es der Hass oder doch die Liebe? Jeder scheint das gehört zu haben, was er hören wollte.

Was, wenn das Leben alles war, was er [Gott] uns zu bieten hatte? Hätten wir das von Anfang an gewusst, wir wären anders damit umgegangen.“

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Der Frankfurter Flaneur

In „Tarzan am Main“ skizziert Wilhelm Genazino in Prosaminiaturen die Szenerie Frankfurts sowie Etappen seiner eigenen Biografie.

Frankfurt am Main wird von einigen Bewunderern für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten. Die für deutsche Verhältnisse imposante Skyline des Bankenviertels brachte ihr sogar einen Vergleich mit New York und den Spitznamen „Mainhattan“ ein. So beeindruckend die Frankfurter Bankentürme von Weitem wirken mögen: „Zwischen den Türmen selber ist nichts los.“ Das zumindest meint Wilhelm Genazino – und der sollte es wissen, schließlich lebt er seit 1970 in Frankfurt.

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Junge Leute, viel Frust

Noemi Schneider, Flurin Jecker und Fatma Aydemir legen ihre literarischen Debüts vor

Inmitten der Flut an Neuerscheinungen bereits etablierter Autoren gehen Debütanten manchmal komplett unter. Diesem Schicksal wollen die 34-jährige Noemi Schneider, der 26-jährige Flurin Jecker und die 30-jährige Fatma Aydemir möglichst entgehen – alle drei müssen sich in diesem Frühjahr erstmals auf dem Buchmarkt behaupten.

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Holterdiepolter in die Krise

SBerg-sw

Liebe oder Sex heißt die Frage bei Sibylle Berg

Altern ist nichts für Feiglinge. Dieser Gedanke drängt sich auf beim Lesen von Sibylle Bergs neuem Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. In dessen Handlungsverlauf kämpft sich ein alterndes Paar durch eine existenzielle Krise. Chloe und Rasmus sind beide Ende vierzig und seit 20 Jahren einander innig verbunden. Sie lieben den jeweils anderen, weil es mit ihm bequem ist. Im Bett läuft zwar schon lange nichts mehr, aber man kann nicht alles haben, und überhaupt halten beide Sex für überbewertet.

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Sprachexpressive Dystopie

Jirgl-sw

In seinem Roman „Nichts von euch auf Erden“ überrascht Reinhard Jirgl zwar mit einem düsteren Science-Fiction-Szenario, zeigt sich jedoch einmal mehr als experimentierfreudiger Sprachkünstler.

Das Universum ist ein Sehnsuchtsraum, der die Fantasie des Menschen beflügelt und ihn von abenteuerlichen Expeditionen in ferne Galaxien träumen lässt. In der Realität ist die Menschheit indes weit davon entfernt, mit bemannten Raumschiffen die Weiten des Weltalls zu bereisen oder auf anderen Planeten Kolonien zu gründen. In 500 Jahren allerdings dürfte die Raumfahrt etwas weiter sein. Pioniere der Weltraumforschung könnten vom Mars Besitz ergriffen haben und daran arbeiten, den Roten Planeten mithilfe der Wissenschaft in eine neue Erde zu verwandeln.

Dieses Szenario zeichnet zumindest Reinhard Jirgl in „Nichts von euch auf Erden“. Der 1953 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller ist bisher nicht im Science-Fiction-Genre in Erscheinung getreten, und sein neuer Roman lässt sich dieser Gattung auch nur bedingt zuordnen – er steht vielmehr in der Tradition des Alten Testaments, der klassischen Sagen der Antike oder anderer mythischer Epen. Und wie jedes große Epos sich durch seine Sprache auszeichnet, hat auch Jirgl für sein Werk eine besondere Sprachform entwickelt, die sich sowohl in der Redeweise der handelnden Personen als auch in der Orthografie, Zeichensetzung und Grammatik von unserem herkömmlichen Deutsch unterscheidet. Dieser expressive Schreibstil kennzeichnet bereits andere Bücher Jirgls und wurde in den letzten Jahren vom Feuilleton gefeiert sowie mit zahlreichen Auszeichnungen honoriert (unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis 2010 und dem Bremer Literaturpreis 2006).

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