Schlagwort-Archive: Gesellschaftsroman

Ego-Gesellschaft ohne Herz

Juli Zeh hält in ihrem Politthriller „Leere Herzen“ der Gegenwart den Spiegel vor

Wir schreiben das Jahr 2025. In Deutschland ist die rechtspopulistische Besorgte-Bürger-Bewegung (BBB) an der Macht, die in sogenannten Effizienzpaketen nach und nach die Demokratie abbaut. Manche sind darüber empört, andere schimpfen nur halbherzig, da die BBB zwar nicht sehr demokratisch agiere, aber dennoch gute Ideen habe – und der Mehrheit ist es sowieso egal, da sie sich längst von der Politik abgewandt hat und eher auf ihr Wahlrecht als auf ihre Waschmaschine verzichten würde.

Zynische Geschäfte mit Selbstmordgefährdeten

So sieht die Zukunft aus in Juli Zehs Politthriller „Leere Herzen“. Eine trist anmutende Gesellschaft, die sich indes ideal eignet für ein zynisches Geschäftsmodell, wie es Britta Söldner und Babak Hamwi betreiben. Die extrem ehrgeizige Akademikerin und der IT-Nerd haben innerhalb weniger Jahre ihre Firma „Die Brücke“ aufgezogen, eine äußerst spezielle Heilpraxis. Mithilfe eines Algorithmus spüren sie Suizidgefährdete auf und lassen sie ein mehrstufiges Verfahren durchlaufen, um zu testen, ob sie wirklich tief durchdrungen sind von ihrem Selbstmordwunsch. Neunzig Prozent der Kandidaten werden im Laufe des Verfahrens geheilt und kehren dankbar in ihr Leben zurück. Die restlichen zehn Prozent vermittelt „Die Brücke“ für Geld an islamistische Terrorgruppen oder radikale Ökoaktivisten, damit sie in deren Namen Selbstmordattentate verüben. Das Geschäft mit den Suizidalen läuft bestens, bis sich eines Tages eine ominöse, auch nicht vor Gewalt zurückschreckende Gruppe namens „Empty Hearts“ für das Geschäftsmodell der „Brücke“ zu interessieren beginnt.

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Die Nostalgie des Künstlers

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Rolf Lappert schickt seinen Helden zurück nach Wilhelmsburg

Abgerockt ist das Haus in Hamburg-Wilhelmsburg, in dem Lennard Salm einen Großteil seiner Jugend verlebt hat, und abgerockt ist der Endvierziger auch selbst. Als junger wilder Installations- und Performancekünstler war er früh zu einem gewissen Ruhm gelangt, danach durch die Welt getourt, alle paar Jahre ein neues Projekt oder eine neue Beziehung beginnend und in nichts von alledem dauerhaft Befriedigung findend. Nun ist er – nach dem Tod seiner älteren Schwester – zurück im Haus seiner Jugend, in dem sein gebrechlicher Vater mit seiner polnischen Pflegerin lebt. Vom Kunstbetrieb hat Salm die Schnauze voll, auch von allen anderen Ansprüchen, die seine Familie oder Freunde an ihn stellen. Er zieht wieder in sein Jugendzimmer ein, gibt die Kunst auf und kümmert sich lieber um ein herrenloses Pferd – ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, was die Zukunft bringen wird, schließlich beschäftigt ihn in erster Linie die Vergangenheit. Er blickt zurück auf die problematische Familiengeschichte, zürnt der „Norwegischen Königin“, wie er seine kühle Mutter im Gedanken nennt, belächelt seinen spießigen Halbbruder und trifft sich regelmäßig mit seiner jüngeren Schwester Bille, einer flippigen Springinsfeld, die zu Platten von Joni Mitchell, Janis Joplin oder Simon & Garfunkel gerne einen Joint durchzieht. Ansonsten streunt Salm unschlüssig durch das alte Haus oder die beißend kalten Hamburger Winternächte.

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