Schrullige Dorfgemeinschaft bei Tschernobyl

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Alina Bronsky erzählt von der Märchenidylle einer Tschernobyl-Heimkehrerin

Vor drei Jahren veröffentlichte der spanische Autor Javier Sebastián seinen Roman „Der Radfahrer von Tschernobyl“, in dem er von einem Atomphysiker erzählt, der sich vor dem weißrussischen Geheimdienst in eine nuklear verseuchte Geisterstadt flüchtet. In dieser sogenannten Todeszone lebt auch die Hauptfigur von Alina Bronskys neuem Kurzroman „Baba Dunjas letzte Liebe“.

Genau wie Sebastián erzählt die deutsch-russische Autorin von einer Tschernobyl-Heimkehrerin. Baba Dunja ist allerdings vor niemandem geflüchtet, sondern in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückgekehrt, um ihr Leben dort ausklingen zu lassen, wo sie aufgewachsen ist, ihren inzwischen verstorbenen Mann Jegor geheiratet und ihre Tochter Irina großgezogen hat. Nach dieser Tochter und ihrer Enkelin Laura, die in Deutschland leben, sehnt sie sich manchmal; aber ansonsten genügt ihr der schlichte Alltag in dem Dorf. Sie baut Gemüse in ihrem Garten an, schaut den Spinnen beim Weben ihrer Netze zu oder trifft ihre Nachbarn – denn die über Achtzigjährige war zwar die erste, die ins evakuierte Dorf zurückkehrte, jedoch nicht die einzige. Es folgten ihr ein halbes Dutzend weiterer Menschen, die jetzt mit ihr eine schrullige Dorfgemeinschaft bilden.

Das Dorf scheint fern von der zivilisierten Welt trotz der Strahlung eine kleine Idylle zu sein, zumindest bis plötzlich Fremdlinge und ein Mord die Ruhe stören. Spätestens ab dieser Stelle wird die bis dahin zwar nicht besonders tiefgründige, aber doch nett zu lesende Geschichte sehr abstrus – ohne dass sich als Leser so recht nachvollziehen lässt, warum Bronsky der Handlung diese Wendung aufdrückt. So wirkt ihr schmales Büchlein, trotz der durchaus witzigen und märchenhaften Momente, im Vergleich zu Javier Sebastiáns vielseitigem Tschernobyl-Roman alles in allem eher unausgegoren.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 160 Seiten, 16,00 €. (August 2015)

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

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