Monolog des Flaneurs

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Ulrich Schacht blickt beim Insel-Spaziergang zurück

Ein Endfünfziger unternimmt einen Tagesausflug von Reykjavik zu der winzigen Insel Grimsey. Dort spaziert er umher, genießt die Stille, betrachtet die Landschaft und knipst mit seiner Analogkamera Fotos von allem, was ihm interessant scheint. Dazu gehören eine Skulptur auf dem Friedhof, ein Junge, der in einer Pfütze spielt, ein Leuchtturm, Hunderte sterbender Fliegen in einer leerstehenden Kirche, ein Stahlkutter und die toten Möwen, die überall auf der Insel herumliegen. Jedes Motiv regt den Flaneur an zu Reflexionen oder erinnert ihn an Szenen seiner Kindheit. So schweift er nicht nur auf der Insel umher, sondern auch in seiner Gedankenwelt.

Die Kunst der Abschweifung kann ja etwas Großartiges sein, wenn man sie zum Beispiel so virtuos und amüsant einzusetzen versteht wie ein Max Goldt. Der 64-jährige Journalist und Schriftsteller Ulrich Schacht hingegen vermag mit dieser Methode in seinem neuen Werk „Grimsey“ weder zu unterhalten noch Spannung aufzubauen. Über knapp 200 Seiten folgt er permanent dem gleichen Muster: Eine Beobachtung dient als Ausgangspunkt für eine Rückblende in seine Vergangenheit; darüber hinaus passiert rein gar nichts (das aufregendste Ereignis ist ein Einkauf in einem Supermarkt).

Nun finden sich zwar durchaus gelungene Szenen, eine Handvoll spannender Anekdoten und auch ein paar anregende Reflexionen in Schachts Reisebericht, der vom Verlag als Novelle betitelt wurde, aber eine Aneinanderreihung von Beobachtungen und Erinnerungsschnipseln ergibt noch lange keinen Roman und auch keine Novelle. Die monotone Struktur und vollkommene Handlungsarmut des Buches ermüden auf Dauer doch sehr. Wer allerdings gern meditativen Spaziergangsmonologen lauscht, mag möglicherweise auch an diesem Büchlein etwas Reizvolles entdecken.

Ulrich Schacht: Grimsey. Aufbau Verlag, Berlin. 189 Seiten, 19,95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

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