20 – Da guckst Du! – Eine kurze Geschichte des Fernsehens

Fernsehen

Seit über 55 Jahren schauen die Deutschen in die Röhre. Nach einem stotternden Anfang und einer jahrelangen Fernsehmonokultur der öffentlich-rechtlichen Sender drückten die deutschen Fernsehmacher in den 80er Jahren auf die Tube und präsentierten ihrem Publikum von nun an statt ›Dalli Dalli‹ ›Tutti Frutti‹.

Erste Versuche mit dem Fernsehen gab es in Deutschland schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, aber das Medium der Stunde war damals das Radio, das sich in den 30ern immer mehr zum Massenmedium entwickelte. Die Nationalsozialisten spannten es deshalb früh für ihre propagandistischen Zwecke ein, während sich das Fernsehen dafür noch nicht eignete.

Mit der Zerstörung des einzigen deutschen Fernsehsenders im 2. Weltkrieg verschwand das Fernsehen zunächst einmal in der Versenkung. Erst am 12. Juli 1950 flackerte es wieder auf den wenigen Bildschirmen der frisch gegründeten Bundesrepublik – allerdings war es nur ein Testbild, das der Nordwestdeutsche Rundfunk aus dem Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg sendete. Das Testbild mauserte sich zu einem Versuchsprogramm, das die (am 9. Juni 1950 aus einem Zusammenschluss der einzelnen Landesrundfunkanstalten entstandene) ARD ab dem 27. November des gleichen Jahres dreimal pro Woche für je zwei Stunden ausstrahlte. Erst zwei Jahre später, am 25. Dezember 1952, startete das erste deutsche Fernsehprogramm von 20 bis 22 Uhr täglich.

Von Beginn an dabei war die Tagesschau, die um 20 Uhr den Fernsehabend einläutete und schon damals 15 Minuten dauerte. Zu den Pioniersendungen des westdeutschen Fernsehens gehörten außerdem die Kochsendung ›Bitte in zehn Minuten zu Tisch‹ und die ›Augsburger Puppenkiste‹. Wer die Puppen in der Röhre tanzen sehen wollte, der wurde dafür bereits ab dem 1. Januar 1953 zur Kasse gebeten – die ersten Fernsehgebühren in Höhe von fünf Mark wurden durch die Post kassiert.

Während die Television in den USA schon in den 40er Jahren boomte und Anfang der 50er das Radio als Massenmedium Nummer eins ablöste, blieb das Fernsehen in Deutschland vorerst eine Randerscheinung. Das war auch am 4. Juli 1954 noch so, als etwa 40 bis 50 Millionen Zuhörer vor ihren Radios saßen und hörten, wie der Fußballreporter Herbert Zimmermann ins Mikrofon brüllte: ›Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus …‹ Deutschland war Fußballweltmeister. Eine Sternstunde des Rundfunks, die gleichzeitig als eigentliche Geburtsstunde des deutschen Fernsehens gefeiert werden kann, denn an diesem 4. Juli zwängten sich viele Menschen in die wenigen mit einem Fernsehapparat ausgestatteten Kneipen, um das live übertragene Fußballspiel zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Ungarn nicht nur hören, sondern auch sehen zu können. In den Wochen und Monaten nach dem sportlichen Triumph begann der Siegeszug des Fernsehens in der Bundesrepublik: Die Anzahl der Gerätebesitzer vervielfachte sich von gut 11.000 auf über 80.000. Die späten 50er entwickelten sich zum goldenen Fernsehzeitalter und das „Heimkino“ zum Symbol des Wirtschaftswunders und der Modernisierung.

Allerdings ging das deutsche Fernsehen bis 1963 nur mit einem einzigen Programm auf Sendung. Erst im April 1963 war es so weit: Das Angebot verdoppelte sich – das ZDF eroberte mit den Mainzelmännchen die Fernsehbildschirme, und in den Jahren 1964 bis 1969 folgten die verschiedenen dritten Programme. Dem deutschen Fernsehzuschauer bot sich damit erstmals die Möglichkeit der Programmauswahl. Diese Veränderung führte auch zu einem Umdenken bei den Fernsehmachern, die sich in den 70ern immer stärker an den Zuschauerbedürfnissen zu orientieren begannen, was einen Wandel der Programmstruktur und der Inhalte mit sich brachte. Kultur, Bildung und Politik wurden mehr und mehr von den Unterhaltungsprogrammen zurückgedrängt.

Anfang der 70er Jahre wurden drei Dauerbrenner der deutschen Fernsehgeschichte ins Rennen geschickt: Die ›Maus‹, die ›Sesamstraße und der ›Tatort‹ gingen auf Sendung. Doch eine ganz neue Dynamik entwickelte sich in den 80ern. Das lag weniger an der Erstausstrahlung der ›Lindenstraße‹ oder dem Abschied von Hans Rosenthal, sondern vielmehr an der Einführung des Kabelfernsehens – die Privatsender tauchten auf der Bildfläche auf und zerschlugen damit das Monopol der Öffentlich-Rechtlichen; es entstand ein duales Rundfunksystem aus nicht-kommerziellen staatlichen und kommerziell-privaten Sendern.

Mit der Etablierung der ersten beiden Privaten, RTL und Sat.1, veränderte sich die deutsche Fernsehlandschaft rasant. Neue Sendeformate wie die aus den USA eingekauften Soapoperas betraten die TV-Bühne. Während die Privaten zuerst vor allem Nischen besetzten, die die Öffentlich-Rechtlichen nicht ausfüllten (wie Action und Erotik), entwickelten sie nach und nach immer mehr ihr eigenes Profil. Mit ProSieben, Vox und RTL 2 kamen zwischen 1987 und 1993 weitere Privatsender dazu und erhöhten die Konkurrenz für ARD und ZDF spürbar. Mit den Zuschauern wechselte auch die Werbung – Einnahmeverluste waren die Folge.

In dieser Zeit entwickeln sich die Einschaltquoten zum höchsten Gut und das Fernsehen immer mehr zu einem Dienstleitungsangebot. Die Qualität definiert sich von nun an über die Quote, und der Zuschauer wird zum Konsumenten, der mit der Fernbedienung die Macht in den Händen hält. Mit einem Fingerdruck kann er entscheiden, welcher Sender gewinnt. Der Wettbewerb tritt immer mehr in den Vordergrund, das Fernsehen wandelt sich vom Kulturgut zur Ware – eine Ware, die mit den vielfältigen Möglichkeiten, die das Internet inzwischen bietet, in ihrer bisherigen Form allerdings immer stärker infrage gestellt wird. In einer Zeit, in der sich jeder auf seinem Laptop sein eigenes, individuelles Programm zusammenstellen kann, geraten klassische Sender (mit ihren nach vorgegebenen Uhrzeiten getakteten Programmen) mächtig unter Zugzwang. Dementsprechend muss man kein Prophet sein, um dem Fernsehen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte eine grundlegende Wandlung vorauszusagen, die vermutlich noch einschneidendere Veränderungen mit sich bringen wird als jene, die das Fernsehen seit seiner Geburtsstunde erlebt hat.

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