Deprimierende Reduktion

Köhlmeier

Es war eine beunruhigende, eine geradezu unheimliche Nachricht, als Europol vor Kurzem verkündete, dass etwa zehntausend bereits in Europa registrierte minderjährige Flüchtlinge verschwunden seien. Möglicherweise könnten sie in die Hände von Menschenhändlern geraten sein, was noch einmal verdeutlicht: Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung von Erwachsenen nach Europa flüchten, sind besonders gefährdet – so wie das namenlose Mädchen in dem neuen Werk des österreichischen Schriftstellers Michael Köhlmeier.

Das Mädchen mit dem Fingerhut“ heißt der Kurzroman, in dem der 66-Jährige die traurige Geschichte eines 6-jährigen Mädchens erzählt. Dieses Mädchen, das keinen Namen und keine Vergangenheit zu haben scheint, wird in einem ihr fremden Land in einer ihr unbekannten Stadt ausgesetzt. Niemand kennt das Mädchen und mit niemandem redet sie, da ihr eingetrichtert worden ist, dass sie schweigen solle, wenn andere sie etwas fragen.

Einige Tage wird sie von dem freundlichen Besitzer eines Lebensmittelladens versorgt, doch eines Abends streunt sie durch die Stadt, verirrt sich und übernachtet in einem Müllcontainer, um sich vor der Kälte und dem Schnee zu schützen. Am nächsten Tag versteckt sie sich im warmen Eingangsbereich eines Cafés, wird von der Polizei aufgelesen und in ein Heim gesteckt, aus dem sie mit zwei anderen Jungen sogleich wieder ausbüxt. Der eine ist etwa in ihrem Alter, aber er spricht ihre Sprache nicht und sie nicht seine; der ältere hingegen spricht die Sprachen der beiden und die Sprache des Landes, in dem sie sich aufhalten – er ist somit Anführer und Dolmetscher zugleich. Der Ältere verspricht den Jüngeren ein Haus, in dem es warme Betten, eine gut gefüllte Tiefkühltruhe und einen Fernseher geben solle. Zu dritt ziehen sie durch den Schnee, frieren, hungern, klauen Essen und übernachten im Wald. So entwickelt sich eine Erzählung von elternlosen Kindern, für die es keinen Platz zu geben scheint in einer ihn fremden Welt.

Kein köhlmeierscher Sprachzauber

Köhlmeier erzählt diese Geschichte, die leicht märchenhaft anmutet, auf knapp 140 Seiten. Dass er sich auf Kurzromane versteht, hat er bereits mehrfach bewiesen. Zum Beispiel in „Idylle mit ertrinkendem Hund“ (2008), jenem äußerst berührenden schmalen Band, in dem er den Unfalltod seiner Tochter Paula verarbeitet. Oder in „Madalyn“ (2010), in dem ebenfalls ein Mädchen eine Hauptrolle spielt, das protegiert wird von ihrem Nachbarn, einem leicht kauzigen Autor, der ihr einst das Leben gerettet hat und nun zusehen muss, wie das Mädchen in die Pubertät gerät und sich in einen notorischen Lügner verliebt. Zuletzt hat Köhlmeier mit „Zwei Herren am Strand“ (2014) wieder einen etwas umfangreicheren Roman vorgelegt. Dieses feinsinnige und zugleich humorvolle Erzählwerk über die Freundschaft zwischen Winston Churchill und Charlie Chaplin wurde im vergangenen Jahr unter anderem mit dem Preis der LiteraTour Nord prämiert.

„Sie war schon oft in ihrem Leben in einem Auto gesessen. Sie hatte es gemocht. Es war laut gewesen und eng. Meistens war sie auf jemandes Schoß gesessen. Oft war ein Spaß mit ihr gemacht worden. Im Polizeiauto hatten sie einen eigenen Platz. Ein Sicherheitsgurt wurde um sie gelegt. Sie wusste nicht, dass es ein Polizeiauto war.“

Köhlmeier ist also ein anerkannter, versierter und vielseitiger Autor. Ein neues Buch von ihm ist stets ein Grund zur Freude, und wie gern würde der Rezensent an dieser Stelle behaupten, dass sich „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ nahtlos einfügt in die Reihe exzellenter Werke aus der Feder dieses Romanciers. Doch dem ist leider nicht so: Mag man die Story – die zwar äußerst aktuell, aber nicht besonders originell ist – in ihrer Schlichtheit noch durchgehen lassen, so entbehrt der Roman all das, was diesen Sprachkünstler bisher ausgezeichnet hat. Köhlmeier hat sich bewusst für eine komplett reduzierte, geradezu karge Sprache entschieden. Rhythmisch geschwungene Sätze voller Kommata, Semikolons und Gedankenstriche findet man in diesem Buch schon gar nicht. Ein knapper Hauptsatz reiht sich an den nächsten: „Sie war schon oft in ihrem Leben in einem Auto gesessen. Sie hatte es gemocht. Es war laut gewesen und eng. Meistens war sie auf jemandes Schoß gesessen. Oft war ein Spaß mit ihr gemacht worden. Im Polizeiauto hatten sie einen eigenen Platz. Ein Sicherheitsgurt wurde um sie gelegt. Sie wusste nicht, dass es ein Polizeiauto war.“

Reduktion, die verdrießt

In diesem Duktus geht es weiter, und spätestens nach zwei, drei Dutzend Seiten erschöpft die Monotonie beim Lesen – all der köhlmeiersche Sprachzauber scheint verschwunden. So erinnert das Buch ein wenig an einen anderen Roman, der sich dem Thema Flüchtlinge widmet: Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“. Nicht dass Erpenbeck ebenfalls nur mit knappen Hauptsätzen gearbeitet hätte, doch die literarische Brillanz seiner Vorgänger, geht diesem Buch weitgehend ab – als verbiete dieses Sujet Virtuosität.

Was aber reizt deutschsprachige Erzähler dann an diesem Stoff? Vermutlich dürfte es die Aktualität sein, und letztlich ist es natürlich wünschenswert, dass Schriftsteller zeitgemäße Geschichten erzählen. Köhlmeiers „Mädchen mit dem Fingerhut“ besitzt an sich sogar den Vorzug, dass es aktuell und zeitlos zugleich ist; und die schmucklose Sprache dürfte Methode sein, um den Fokus noch stärker auf den Inhalt der Geschichte zu lenken. Das ist eine legitime Methode, die man allerdings nicht mögen muss. Reduktion kann zu hoher Kunst führen, sie kann aber ebenso verdrießen. Bei diesem Roman führt die Reduktion dazu, dass seine Sprache nicht minder deprimiert als die Story, die erzählt wird. Wenn das vom Autor gewollt war: Chapeau!

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Hanser, München. 144 Seiten, 18.90 €.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s