Variante der eigenen Biographie

Ortheil Kind sw

Mit seinem Liebesroman „Das Kind, das nicht fragte“ setzt der Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben Hanns-Josef Ortheil sein großes autobiographisches Schreibprojekt fort: Er erzählt die Geschichte eines kleinen Bruders, der sich in einer sizilianischen Kleinstadt von seiner Vergangenheit zu lösen versucht und dabei die Liebe seines Lebens findet.

Noch bevor Benjamin Merz sizilianischen Boden unter den Füßen hat, befindet er sich mitten auf der Gangway der Passagiermaschine in der ersten peinlichen Situation: Eine Stewardess versucht mithilfe einer Serviette die klebrigen Spuren einer Marzipanorange von seinen Fingern zu entfernen, während ihn „die anderen Fluggäste aus dem Inneren des wartenden Busses so entsetzt anstarren, als wäre gerade ein großes Unglück passiert.“ Um der misslichen Lage zu entfliehen, wickelt er die Serviette „geschickt wie einen Verband“ um seine Finger; die Stewardess schaut ihm „etwas besorgt hinterher“, doch schließlich schafft er es, „den Boden Siziliens ohne weitere Komplikationen zu betreten“.

Ein schüchterner Ethnologe als Hauptfigur

Der Protagonist und Icherzähler des neuen Romans von Hanns-Josef Ortheil schlittert beim Kontakt mit Menschen des Öfteren in Peinlichkeiten hinein. Zwar kleben nicht immer die Reste einer Süßigkeit an seinen Fingern, aber häufiger Gewichte an seiner Zunge, wenn er sich in Konversation versucht – und das obwohl die menschlichen Verhaltensweisen sein Fachgebiet sind, denn er ist Ethnologe. Soweit die Menschen bloß Forschungsgegenstand sind, bereiten sie ihm auch keinerlei Probleme, doch sobald er abseits seiner Profession agiert, gerät er ins Straucheln, Schwitzen und Stottern, oder er verstummt gleich ganz.

Seine Scheu vor Privatgesprächen sowie seine Unfähigkeit, von sich zu erzählen, sind das Ergebnis des Zusammenlebens mit seinen vier älteren Brüdern, die ihn in seiner Kindheit unterdrückt, gequält und wie einen Zurückgeblieben behandelt haben. So dient die Reise nach Sizilien nicht allein seinen ethnologischen Forschungen, die er in dem Städtchen Mandlica betreiben will, sondern ist zugleich der Versuch, sich aus seinem familiären Umfeld zu befreien.

Die Familie zieht sich als Motiv wie ein roter Faden durch Ortheils Werk (seine ersten fünf Romane bilden einen geschlossenen Zyklus zu diesem Thema). Dieses besondere Interesse an Familiengeschichten lässt sich aus der Biographie des 1951 in Köln Geborenen erklären: Ortheil war der Jüngste von fünf Söhnen, jedoch der Einzige, der überlebt hat – drei verstarben bereits im Säuglingsalter, der Erstgeborene während eines Bombenangriffs. Ortheil selbst hat einmal gesagt, seine ersten fünf Romane seien „Varianten der eigenen Biographie“. Von dieser Biographie sowie seiner Annäherung an die Worte, das Sprechen und das Schreiben erzählt er in seinem autobiographischen Großessay „Das Element des Elephanten“ (1994). Dieser Text bildet eine spannende wie äußerst aufschlussreiche Einführung ins Leben und Frühwerk des Autors.

Fortgesetzt hat der Thomas-Mann-Preisträger sein großes autobiographisches Schreibprojekt mit seinen beiden Büchern „Die Erfindung des Lebens“ (2009) und „Die Moselreise“ (2010). Mit „Das Kind, das nicht fragte“ knüpft Ortheil daran an, indem er seine Lebensgeschichte ein weiteres Mal variiert – und zwar „mit einer neuen Spiegelung“, wie er selbst sagt. Die neue Spiegelung besteht darin, dass er die Geschichte eines Mannes erzählt, der tatsächlich als Jüngster neben vier älteren Brüdern aufgewachsen ist – eben jenes Schicksal, welches Ortheil durch den frühen Tod seiner Brüder verwehrt blieb.

Drolliger Antiheld und Magier des Fragens

Interessanterweise entwirft Ortheil jedoch keine Geschwisteridylle, sondern das Gegenteil: Benjamin Merz hat unter seinen vier Brüdern gelitten und sucht in Sizilien Erlösung von den Wunden der Vergangenheit. Trotz dieses düsteren Hintergrunds versprüht der Roman viel Leichtigkeit und Witz. Das liegt nicht zuletzt an der Hauptfigur: Zu Beginn des Romans wirkt Merz wie ein drolliger Antiheld, der sich immer wieder selbst im Wege steht. Dennoch gelingt es ihm während seiner ethnologischen Befragungen, die Sympathien der Einwohner zu gewinnen, denn als Ethnologe hat er ein besonderes Talent: Er besitzt eine Intuition, die ihn genau die richtigen Fragen stellen lässt und seinem Gegenüber hilft, sich freizureden. Seine Gesprächspartner nennen ihn deshalb „einen Magier des Fragens“ und vertrauen ihm ihre Geschichten an. Nur Merz selbst will dieses Erzählen seiner eigenen schmerzvollen Geschichte nicht gelingen. Doch seine wachsende Beliebtheit sowie der Respekt, der ihm entgegengebracht wird, steigern sein Selbstwertgefühl. Und schließlich begegnet ihm die Liebe seines Lebens, mit der ein Neuanfang fern der Brüderbande gewagt werden könnte.

Ortheil erzählt diese Lovestory mit viel Feingefühl, entwickelt Spannung mit der Frage, ob sein Held in der Liebe endlich Erlösung finden wird, und steigert hie und da die Spannung, indem er Erzählpirouetten dreht, in denen er seitenlang, jedoch nie langweilig, über Gottesdienste, die Ethnologie oder die Erzählkunst der Italiener schwadroniert. Ganz nebenbei zeichnet er ein Dutzend weiterer wunderbarer Charaktere, wie den ehrgeizigen Bürgermeister Enrico Bonni, den melancholischen Restaurantbesitzer Lucio oder die geheimnisvolle Paula – und fast nebenbei flackert die Kulisse Siziliens in Sprachbildern so lebendig auf, dass man die Sonne des Südens auf der Haut zu spüren meint.

„Schließlich setzt der Regen ein. Rasch anschwellende Sturzbäche, die flink wie eilige Katzen um jede Ecke schießen und so hastig die vielen Treppen zum Meer hinabfallen, als wollten sie den Ort mit hinabreißen“.

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, der außerdem als Professor für Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim den Nachwuchs ausbildet, beweist in „Das Kind, das nicht fragte“ erneut, dass er das Schreibhandwerk beherrscht. Er versteht es, zwischen Leichtigkeit und Schwere zu changieren, von der Liebe zu erzählen, ohne in den Kitsch abzudriften, und einen Liebesakt oder ein Herbstgewitter in poetischen Bildern zu beschreiben: „Schließlich setzt der Regen ein. Rasch anschwellende Sturzbäche, die flink wie eilige Katzen um jede Ecke schießen und so hastig die vielen Treppen zum Meer hinabfallen, als wollten sie den Ort mit hinabreißen“.

Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte. Luchterhand, München. 432 Seiten, 21,99 €. (2012)

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