Zukunftsvision zum Abgewöhnen

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In 15 Jahren ist Olaf Scholz zwar Kanzler, aber ansonsten herrscht in der Bundesrepublik Staatsfeminismus. Die Frauen sind an der Macht, streiten für eine bessere Welt und kontrollieren den CO2-Verbrauch jedes einzelnen Bürgers. Der Klimawandel hat Deutschland dennoch fest im Griff, sodass tropische Temperaturen auch in Hamburg keine Seltenheit mehr sind. So sieht die Zukunft aus – zumindest in Karen Duves neuem Roman „Macht“.

Viele Führungskräfte sind „Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen“, die aufgrund ihrer Raffgier den bevorstehenden Klimakollaps ignorieren und die Menschheit damit um ihre Zukunft bringen. Diese leicht pauschal anmutende Analyse stammt aus Karen Duves Kampfschrift „Warum die Sache schiefgeht“, in der sie vor anderthalb Jahren die Karrierestrukturen der Konzerne, Banken und Parteien anprangerte, da diese so beschaffen seien, dass allein die „raffgierigsten, rücksichtlosesten und niederträchtigsten Charaktere“ diese Positionen erreichten.

Verjüngungswundermittel & Klimakatastrophe

Duves polemischer Rundumschlag löste damals heftige Debatten aus, die nun fortgesetzt werden dürften, denn die 1961 in Hamburg geborene Autorin hat dasselbe Sujet nun in eine literarische Form gegossen und ihrem Pamphlet einen Roman folgen lassen, dessen Handlung Duve ins Jahr 2031 verlegt hat. Zu dieser Zeit ist der Icherzähler Sebastian Bürger bereits knapp 70 Jahre alt; da er aber wie alle, die es sich finanziell leisten können, seine tägliche Dosis des Verjüngungswundermittels Ephebo schluckt, gleicht er optisch einem Mittdreißiger. Dass ihn Ephebo mit hoher Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken und innerhalb der kommenden Dekade sterben lassen wird, ist Bürger ziemlich schnurz, da er sowieso davon ausgeht, dass der Klimawandel spätestens in fünf Jahren in der Apokalypse gipfeln wird. Folglich gilt für Bürger das Motto: Nach mir die Sintflut! Und das, obwohl er Vater zweier Kinder ist und jahrzehntelang für Umweltschutz gekämpft und als Angestellter der Demokratiezentrale an der Optimierung der politischen Strukturen entscheidend mitgewirkt hat.

„Die wussten ganz genau, was sie anrichten. Und jetzt tun sie so, als hätte ihnen ein unvorhersehbares und unvermeidliches Schicksal übel mitgespielt – als hätten die Überschwemmungen nichts mit ihrer Wurstfresserei zu tun, mit ihrem Herumgeheize in Autos und dem kleinen Wochenendtrip mit dem Flugzeug nach Barcelona.“

Inzwischen hat Bürger angesichts der vorherrschenden Ignoranz der Masse resigniert: „Die wussten ganz genau, was sie anrichten. Und jetzt tun sie so, als hätte ihnen ein unvorhersehbares und unvermeidliches Schicksal übel mitgespielt – als hätten die Überschwemmungen nichts mit ihrer Wurstfresserei zu tun, mit ihrem Herumgeheize in Autos und dem kleinen Wochenendtrip mit dem Flugzeug nach Barcelona. (…) Wenn ich schon zusammen mit den ganzen Idioten, die den Schlamassel angerichtet haben, untergehen muss, dann will ich wenigstens auch denselben Spaß dabei haben wie die. Dann will ich es noch schlimmer treiben als die rücksichtslosesten Schweinehunde.“

Gesagt getan. Bürger genießt die letzten Jahre, und zwar in dem nostalgisch eingerichteten Haus seiner verstorbenen Eltern, in dem alles wieder so aussieht wie in seiner Kindheit, als die Welt noch gut und übersichtlich war. Dumm nur, dass seine Frau ihm nach der Scheidung das geliebte Heim wegnehmen wollte; weshalb er sie nach einem Streit in den Keller gesperrt hat, wo sie ihm seit mittlerweile zwei Jahren Plätzchen backen und für sexuelle Gefälligkeiten zur Verfügung stehen muss. Während Bürger im Keller seine sadistischen Triebe auslebt, bändelt er auf einem Klassentreffen mit seiner einstigen Jugendliebe Elli an. Was in der Schulzeit nicht geklappt hat, wird nun Wirklichkeit – die beiden werden ein Paar, und es bietet sich die Chance, noch einmal all das zu genießen, was ihnen damals entgangen ist. Dem unbeschwerten Genuss des Schwebens auf Wolke sieben steht eine im Keller eingesperrte Exgattin allerdings im Wege, sodass sich von selbst versteht: Die Ex muss weg! Dummerweise ergeben sich beim Beseitigungsversuch unangenehme Komplikationen.

eindimensionale Hauptfigur & aberwitziges Finale

Es gehört schon ein gewisser Wagemut dazu, einen psychopathischen Egomanen ohne Identifikationspotenzial zum Icherzähler seines Romans zu machen. Was auch immer Duves Idee dabei gewesen sein mag, sie geht nicht auf. Sebastian Bürger ist ein ausnahmslos abstoßender Charakter, dem jegliche Ambivalenz fehlt. Das allein wäre vielleicht noch verkraftbar, hätte Duve die Zukunft nicht genauso eindimensional wie ihre Hauptfigur gezeichnet. Im Prinzip hat sie nur alle Entwicklungen der letzten Jahre zugespitzt: Der Verjüngungswahn wird mithilfe der Pharmaindustrie auf die Spitze getrieben, Stürme peitschen über Hamburg hinweg, der Genraps ist außer Kontrolle geraten, die Teenager sind vollends mit ihrer Selbstinszenierung beschäftigt und religiöse Sekten treiben öffentlich ihr Unwesen.

Ansonsten bleibt die Zukunft ziemlich blass in Duves fünftem Roman, den der Verlag als abgründig und schwarzhumorig ankündigt, was eindeutig ein Irrtum ist – die Darstellung einer brutal zynischen Handlungsweise generiert nicht automatisch schwarzen Humor. Sollte diese Dystopie mit ihrem aberwitzigen Finale tatsächlich als ätzende Satire gedacht sein, dann ist das Konzept gescheitert.

Es mag ja sein, dass die engagierte Tierschützerin seit ihrem Bestseller „Anständig essen“ (2011) ein hehres Anliegen verfolgt, das allein genügt jedoch nicht, um ähnlich anspruchsvolle Literatur zu kreieren, wie ihr das noch mit ihrem Debüt „Regenroman“ (1999) oder ihrem vierten Roman „Taxi“ (2008) gelungen ist. Schade eigentlich.

Karen Duve: Macht. Galliani, Berlin. 414 Seiten, 21.99 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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