Möchtegern-Weltverbesserer

In Andreas Stichmanns zweitem Roman werkelt eine schrullige Truppe an neuen Utopien

Der Sonnenhof in Hamburg-Osdorf ist eine Art verblichener Utopie. Anfang der 80er als Kommune am Rande der Großstadt gegründet – von Ingrid, ihrem tunesischen Lebenspartner und ihren Hippie-Freunden. Mittlerweile ist von den Gründungsmitgliedern nur noch Ingrid übrig, die sich allerdings nicht mehr besonders um das Schicksal des Hofs schert. Das hat stattdessen ihr 35-jähriger Sohn Ramafelene übernommen, der als Sozialarbeiter den Laden mehr schlecht als recht am Laufen hält und sich um die beeinträchtigten Bewohner kümmert. Sein alter Kumpel Küwi ist ihm dabei kaum noch ein Hilfe, dafür neuerdings die 17-jährigen Bibi, die ihre Sozialstunden auf dem Hof ableistet und Ramafelene den Kopf verdreht.

Das ist die Ausgangssituation in Andreas Stichmanns zweitem Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“. Der 1983 in Bonn geborene Autor hat ein paar liebenswert schrullige Figuren versammelt, deren Stimmung zwischen Hoffen und Erschlaffen changiert. In diesen Kosmos platzt ein nicht minder schräger Vogel hinein: David van Geelen, der sich selbst Sydney Seapunk nennt und den Sonnenhof in einen Open Space und Thinktank umbauen will – denn es gelte die Welt zu verbessern und grundlegende Themen wie das Grundeinkommen oder globale Identität zu diskutieren.

Perspektivwechsel & Umverteilung

Der Focusing-Trainer und Daueroptimist, den Ingrid als „Geschäftsmann mit Sinnkrise“ bezeichnet, bringt zwar Schwung in den Alltag der Hofbewohner, aber zugleich auch Spannungen. Insbesondere sein Plan zu einer „Umverteilungsaktion“ von vier Millionen Euro spaltet die Gemeinschaft. Wie die einzelnen Protagonisten zu der Idee stehen, erfährt der Leser aus verschiedenen Perspektiven, die in kurzen Kapiteln hin und her switchen. Durch diese Perspektivwechsel und den lockeren Erzählton bekommt die Story einen angenehmen Drive. So entwickelt sich ein amüsanter Roman über großspurig dahergeschwafelte Weltverbesserungsvisionen, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind und doch zugleich den Anstoß geben für klitzekleine Veränderungen in den Menschen.

Andreas Stichmann: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk. Rowohlt, Hamburg. 240 Seiten, 19,95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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