Flucht statt Karriere

In Olga Grjasnowas Roman “Gott ist nicht schüchtern” zerstört der Krieg die Träume eines Arztes und einer Schauspielerin und degradiert sie zu Geflüchteten

Literatur kann Schmerzen verursachen – und zwar immer dann, wenn sie Gewalt, Leid, Krieg und Tod so plastisch und eindringlich schildert, dass man die Szenen unmittelbar vor Augen zu haben glaubt. Leser, die solche Bilder nicht ertragen, sollten die Finger lassen von Olga Grjasnowas mittlerweile dritten Roman. In „Gott ist nicht schüchtern“ erzählt die 33-jährige deutsch-aserbaidschanische Autorin eine alles andere als bekömmliche Geschichte. Genaugenommen erzählt sie zwei Geschichten. Zum einen die von der jungen Schauspielerin Amal, die – noch während ihres Studiums in Damaskus – als Hauptdarstellerin einer Fernsehserie gerade kurz davor ist, so richtig durchzustarten. Zum anderen die Geschichte von Hammoudi, der vor wenigen Wochen sein Medizinstudium in Frankreich mit Auszeichnung abgeschlossen und bereits einen lukrativen Arbeitsvertrag mit einem renommierten Pariser Krankenhaus in der Tasche hat.

Statt Luxusleben in Paris Fassbomben in Syrien

Im Mittelpunkt stehen also zwei privilegierte junge Menschen, deren Leben allerdings plötzlich aus den Fugen gerät, als im sogenannten Arabischen Frühling die syrische Revolution ausbricht. Während Amal zu diesem Zeitpunkt in Damaskus wohnt und studiert, ist Hammoudi eher zufällig in Syrien, da er dort seinen Pass verlängern lassen muss, bevor er seine Stelle in Paris antreten kann. Doch statt in einer Klinik für plastische Chirurgie findet er sich wenige Monate später in seiner Heimatstadt Deir az-Zour in einer improvisierten Krankenstation im Untergrund wieder. Dort operiert er als einzig in der Stadt noch lebender Arzt in Akkord die von den Fassbomben verwundeten Menschen und ist zugleich selbst jederzeit von den Bomben der syrischen Armee bedroht.

Der Schlafmangel und der Stress setzen Hammoudi mehr zu, als er erwartet hätte. Das Gefühl, in seinem Leben sei etwas fürchterlich schief gelaufen, lässt ihn nicht los, vor allem, wenn es in den sozialen Medien das Leben seiner Freunde in Paris mitverfolgt.“

Als Hammoudi auf einer Todesliste des selbst ernannten Islamischen Staates landet, flieht er über die Türkei, das Mittelmeer und die Balkanroute Richtung Frankreich, wird jedoch in Deutschland von der Polizei aufgehalten und festgenommen. So strandet der vielversprechende Chirurg als Geflüchteter in Berlin. Genauso wie Amal, die ebenfalls mit Hilfe von Schleusern nach Europa geflüchtet ist. Hier könnten die beiden vielleicht einen Neustart wagen, aber weder stehen ihnen hier die Türen offen, noch lässt sich das Erlebte einfach abschütteln.

Einige Szenen sind in ihrer Härte schwer erträglich

Eindringlich beschreibt Olga Grjasnowa exemplarisch an zwei Biografien, wie der Krieg junge talentierte Menschen, denen eben noch die ganze Welt offen zu stehen schien, von heute auf morgen all ihrer Ambitionen und Perspektiven beraubt – sie als Geflüchtete zu Menschen zweiter oder dritter Klasse degradiert.

Amal hasst es, sich als Flüchtling durch die Stadt zu bewegen – zögerlich und eingeschüchtert. … Sie hasst es, als Muslimin und Schmarotzerin angesehen zu werden und sie hasst sich selbst. Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.

In ihren Schilderungen hält Grjasnowa voll drauf, wenn die Fassbomben fallen und die Menschen verbluten, wenn sie zusammengepfercht in Booten auf Rettung hoffen und im Meer mit gefälschten, sich mit Wasser vollsaugenden Rettungswesten ersaufen. Dementsprechend schwer erträglich sind einige Szenen in ihrer Präzision und Härte, sodass man „Gott ist nicht schüchtern“ nicht jedem empfehlen kann. Doch alle, die dieses Buch nicht lesen, verpassen einen der zugleich bedrückendsten und beeindruckendsten, aber vor allem relevantesten Romane der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern. Aufbau, Berlin. 311 Seiten, 22,00 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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