Eine englische Filminsel in Bremen

Das Geniale am Leben ist, dass man zu Anfang nicht den blassesten Schimmer hat, welche Volten es schlägt und wohin es einen führt. Allerlei Wendungen hat das Leben für Frank Mc Girr bereitgehalten. Als er vor 48 Jahren in einem kleinen Nest an der rauen Nord-Atlantik-Küste Irlands das Licht der Welt erblickte, war sicherlich nicht abzusehen, dass er eines Tages in einer norddeutschen Volkshochschule einen „English Film Club“ ins Leben rufen würde.

Inmitten von 20 Teilnehmern steht Mc Girr im Tanztheaterraum der VHS und wirft eine Frage in die Runde. Schnell entspinnen sich innerhalb von Zweierteams Gespräche auf Englisch. Im Laufe der kommenden 90 Minuten werden verschiedene Themen angeschnitten, die alle mit dem Film zusammenhängen, der in der folgenden Woche im Filmclub läuft. Mc Girr horcht in die Gespräche hinein, schaltet sich hier und da ein und führt die Dialoge schließlich in einer großen Runde zusammen. Er hält die Fäden in der Hand, treibt die Diskussionen voran, wählt die Filme aus, schickt den Kursteilnehmern per E-Mail Material zur Vorbereitung. Der Filmclub ist sein Baby.

Spult man an dieser Stelle eine Rückblende im Zeitraffer ab, blickt man bei Mc Girr auf eine bunte Biografie: In der irischen Provinz mit sieben Geschwistern aufgewachsen, mit sechzehn die Heimat hinter sich gelassen, um sich am College Kunst und Fotografie zu widmen. Mit siebzehn setzt er sich hinters Schlagzeug seiner ersten Band. Nebenbei jobbt er in einer Kunstgalerie und in einem Nationalpark als Guide. Mit seiner zweiten Band bekommt Mc Girrs Leben zusätzlichen Drive: „The Midwich Cuckoos“ spielen einen Mix aus „The Smiths“ und „The Clash“ – was Ende der 80er mächtig angesagt ist und der Band größere Gigs, eine Einladung ins Tonstudio nach Dublin und eigene Songs im Radio beschert. Das sich am Horizont abzeichnende Rockstarleben findet indes ein jähes Ende, als der Sänger einen Nervenzusammenbruch erleidet und die Band auseinanderbricht.

Von Dublin über London nach Bremen

Also Zeit für einen Szenenwechsel! Mc Girr bricht 1990 nach London auf, will Malerei studieren, wird jedoch an der Kunsthochschule abgelehnt, bastelt sich einen Plan B, arbeitet in verschiedenen Berufen, spielt Schlagzeug und studiert Fotografie. Im Jahr 2000 lernt er auf einer Party eine Deutsche namens Kerstin kennen. Die beiden werden ein Paar, bekommen zwei Söhne und spüren: Es wird Zeit für einen Schauplatzwechsel, denn „London ist ein großartiger, brillanter Ort für junge kreative Leute“, sagt Mc Girr, „aber nicht für Kinder.“ 2007 bietet sich die Gelegenheit für einen Schnitt, in Form eines Jobangebots für Kerstin – und zwar in Bremen. Im Sommer fliegen die beiden für ein Wochenende in die Hansestadt und sind angetan: „Es war toll. Wir waren an der Schlachte. Die Sonne schien, viele Leute waren unterwegs.“

Als die Familie im Januar 2008 ihre Wohnung in Schwachhausen bezieht, hält die Sonne sich allerdings norddeutsch bescheiden zurück. Und nicht allein das Wetter ist mies, auch sonst läuft es nicht optimal. Es findet sich kein Kitaplatz für die Kinder, Mc Girr kann nicht sogleich mit dem Deutschkurs starten und das Jobcenter weiß auch nicht zu helfen. „Die ersten 18 Monate waren die Hölle!“, sagt er im Rückblick.

Ein English Film Club in der Bremer Volkshochschule

Schließlich lernt er an der VHS dann doch Deutsch und entdeckt diesen Ort für sich als Arbeitsplatz. Als Native Speaker beginnt er, Englischkurse an der VHS anzubieten und gründet im März 2011 den „English Film Club“, in dem er seine Idee vom Sprachenlernen am besten verwirklichen kann. „Das Entscheidende beim Lernen ist doch die Motivation“, sagt er. „Ich hatte volle Motivation in Deutschland Deutsch zu lernen. Wenn ich die Räume der VHS verließ, sprachen draußen auf der Straße, in der Straßenbahn und in den Läden die Leute diese Sprache.“ Und da beginne das Problem für viele, die in den Kursen Englisch lernen. Sobald sie draußen seien, erlösche die Motivation. „Am liebsten würde ich eine kleine Insel erschaffen, wo alle gemeinsam Englisch lernen, indem sie es ständig sprechen.“

Im Kleinen ist der Filmclub bereits diese Insel. Viele Teilnehmer lieben die Mischung aus Schauen, Hören und Sprechen. Sie genießen den Club als Treffpunkt, um neue Leute kennenzulernen und sich mit diesen auf Englisch auszutauschen. Inzwischen wird er dreimal pro Woche als Kurs angeboten, sodass sich allen Lebensvolten zum Trotz eines ganz sicher vorhersagen lässt: Fortsetzung folgt!

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bremen, Zusatzstoffe

2 Antworten zu “Eine englische Filminsel in Bremen

  1. Anonymous

    Lovely article Jens…I put a link on my twiiter account @FilmBloggs

    Gefällt 1 Person

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