Mit Waffengewalt für eine bessere Welt?

In ihrem autobiografischen Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ schildert Ulrike Edschmid den Weg ihres ehemaligen Lebensgefährten vom Künstlertum in den Untergrund.

Wenn sich Ausstellungen, Filme, Theaterstücke oder Romane dem RAF-Terror widmen, entzünden sich daran des Öfteren Debatten, ob solche künstlerischen Verarbeitungen nicht zu einer weiteren Legendenbildung um jene bekannteste Terrorgruppe der deutschen Nachkriegsgeschichte beitrügen. Doch wie auch immer man sich zu den Protagonisten, Aktionen und Forderungen der „Roten Armee Fraktion“ oder anderer links-militanter Gruppierungen wie der „Bewegung 2. Juni“ positioniert – Fakt bleibt: Ihre Gewalttaten und die Reaktionen der Staatsgewalt haben die junge BRD in den 70er Jahren dermaßen geprägt, dass eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Historie notwendig bleibt.

Vom apolitischen Ästheten zum Politaktivisten

Wer sich mit den Guerilla- oder Terrorgruppen jener Jahre beschäftigt, stellt sich irgendwann unweigerlich die Frage, was junge Menschen motiviert hat, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, um im Untergrund mit Waffengewalt gegen einen Staat zu kämpfen. Um diese Frage kreist Barbara Edschmids Kurzroman „Das Verschwinden des Philip S.“. Die 1940 in Berlin geborene Autorin erzählt darin die Geschichte eines talentierten Künstlers, der sich vom Ästheten zum Politaktivisten wandelt, in den Untergrund abtaucht und sich der Stadtguerillagruppe „Bewegung 2. Juni“ anschließt.

Philip S. stammt aus einer wohlhabenden, jedoch gefühlskalten Schweizer Familie, der er früh zu entfliehen versucht. Er zieht zu Hause aus, arbeitet als freier Fotograf und distanziert sich mit einem mondänen Kleidungsstil von der puritanischen Lebensweise seiner Eltern. Über die Fotografie gelangt er zum Film und wechselt 1967 als 20-Jähriger nach Berlin an die Film- und Fernsehakademie. Dort lernt er Ulrike kennen, die Ich-Erzählerin des Romans. Die beiden ziehen zusammen, harmonieren als Liebespaar und sind gemeinsam kreativ. Philip zeigt sich nicht allein gegenüber Ulrike, sondern auch gegenüber ihrem kleinen Sohn als ebenso einfühlsamer wie gewissenhafter Mensch.

Während in Berlin die Studentenunruhen toben, versucht Philip sich als Leinwandpoet auf die Kunst zu konzentrieren: „Als andere Studenten das Leben von Obdachlosen, den Vietnamkrieg oder die Herstellung eines Molotow-Cocktails dokumentieren, dreht er den Einsamen Wanderer, einen Film, der ihn überleben wird und den niemand versteht.“

Nicht verstanden wird der Film, weil er apolitisch ist. Die Lautesten unter den Filmschaffenden fordern, dass die Kunst sich der Politik unterzuordnen habe. Kunst müsse Protest sein. Diese Maxime lässt den Ästheten nicht unberührt. Im Laufe der Zeit vollzieht sich ein Wandel in seinem Denken, immer weniger kann er sich dem politisch aufgeheizten Klima entziehen. Er und seine Partnerin gründen mit Freunden eine Stadtkommune, eröffnen einen Kinderladen, geben eine politische Zeitung heraus und beteiligen sich an Demonstrationen. Die Schwelle zur Gewaltbereitschaft sinkt allmählich, sie halten erstmals Steine oder Molotow-Cocktails als Wurfgeschosse in den Händen. Freunde werden verhaftet, sie selbst geraten verstärkt ins Visier der Polizei, werden Opfer regelmäßiger Hausdurchsuchungen, bis sie schließlich für mehrere Wochen in Untersuchungshaft gesteckt werden.

Die Leute im Haus schlafen noch, als wir durch den Hof geführt werden. Im Polizeibus, der uns drei Straßen weiter ins Polizeigefängnis an der Gothaer Straße bringt, sitzt Philip S. mir gegenüber auf der Bank. Er hat eine Jeansjacke an und nimmt meine Hände in seine. Aus den Ärmeln schauen die Handschellen hervor. ‚Du musst keine Angst haben‘, sagt er leise, ’sie wollen uns nur einschüchtern.’“ (91)

Die Geschichte des Philip Werner Sauber

Edschmid vermittelt in ihrem Roman ein Gefühl für die politisch aufgeladene Atmosphäre jener Jahre. Der Vietnamkrieg, der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg, die Notstandsgesetze, die Befreiung Baaders und weitere zentrale Ereignisse jener Jahre bilden die Kulisse. Historische Personen tauchen auf, aber weder Rudi Dutschke noch Holger Meins oder Ulrike Meinhof werden namentlich erwähnt, sie bleiben Silhouetten, die durchs Bild huschen und dennoch Einfluss nehmen auf den Lebenslauf jenes Philip S., der ebenso wenig der Fantasie der Autorin entsprungen ist, wie das weitere Personal ihres Romans. Denn Edschmid erzählt eine wahre Geschichte, die Geschichte ihres ehemaligen Lebensgefährten Philip Werner Sauber.

Im Morgengrauen des zweiten Juni wache ich von Geschrei auf. Ich sehe Umrisse von Polizisten, die einen Knäuel bilden, einen wabernden Haufen. Arme mit Stöcken und Beine mit schweren Stiefeln lösen sich aus dem Knäuel. Sie schlagen und treten auf einen Menschen ein, der am Boden liegt. Wie gelähmt stehe ich hinter Glas. Das ist die Welt, denke ich, in der mein im Hinterzimmer schlafendes Kind aufwachsen soll. Nachmittags gehe ich zur Demonstration gegen den persischen Schah. Aber ich bleibe mit dem Kinderwagen am Rand, tauche nicht ein in die Menge. Abends geht das Gerücht von einem toten Demonstranten um. Das Foto des erschossenen Studenten gehört zu den unauslöschlichen Erinnerungsbildern meiner Generation. Nichts blieb, wie es gewesen war.“ (13)

Unaufdringlich und ergreifend intensiv zugleich

Obwohl Edschmid sich ihrer eigenen Biografie zuwendet, wählt sie dafür einen neutralen Erzählton mit einer distanziert wirkenden, eher kargen Sprache in meist knappen Sätzen. Sie ergreift nicht Partei für das Handeln ihres einstigen Partners, sondern blickt von außen auf ihn und erstattet Bericht. Weder verteufelt sie die Polizeimaßnahmen, noch heroisiert sie die Taten der Protestler. Sie klagt nicht an, sondern schildert die Aktionen der Aktivisten genauso sachlich wie jene der Polizei. Sie überlässt ihren Lesern das Urteil über die Widerständler und die Repressalien des Staates. Und doch geht von diesem unaufdringlichen Erzählstil eine ergreifende Intensität aus. Eindringlich verdeutlicht Edschmid, wie der Aufenthalt im Gefängnis einen Wendepunkt markiert. Nach den Wochen in Isolationshaft stellt sich für das Liebespaar die Frage, wohin die Reise geht: Weiter radikalisieren oder sich zurückziehen aus der Szene der immerfort militanter werdenden Politaktivisten? Wie existenziell diese Frage ist, zeigt sich an einer Forderung, die eine andere im Gefängnis einsitzende Mutter gegenüber der Erzählerin formuliert: Man müsse bereit sein, „sich von seinen eigenen Kindern zu trennen, wenn man eine bessere Welt für alle schaffen wolle“.

Bis zu dem Tag, an dem er es tat, glaubte ich nicht, dass er es tun würde. Ich sehe, wie er das wenige, was er besitzt, aufgibt, ich nehme wahr, was unter meinen Augen vorgeht. Aber ich habe keinen Zugang mehr zu dem inneren Ort, an dem seine Vorstellung zum Entschluss und schließlich zur Tat reift.“ (124)

Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin folgen dieser Parole, verlassen ihre Kinder, um bewaffneten Widerstand zu leisten. Die Erzählerin entscheidet sich gegen diesen radikalen Akt, die Liebe zu ihrem Sohn ist stärker. Philip S. hingegen wählt ebenfalls den Weg in den Untergrund. Dieser Weg endet jedoch nicht in einer besseren Welt, sondern am 9. Mai 1975 in einer tödlichen Schießerei auf einem Kölner Parkplatz. Ob die Staatsgewalt ihn in diese Richtung getrieben oder ob Philip S. sich schlicht und einfach in einem Irrglauben verrannt hat, darauf gibt Edschmid keine eindeutige Antwort. Diese Frage muss jeder Leser für sich selbst beantworten.

Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S. Suhrkamp, Berlin. 157 Seiten, 15.95 €.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Rezensionen - ältere Bücher

3 Antworten zu “Mit Waffengewalt für eine bessere Welt?

  1. Diese Geschichte zeigt, dass es mit purer Waffengewalt keine bessere Welt gibt, sondern dass Generationen darunter leiden werden. Danke für die Besprechung.
    Wie mutig US-amerikanische Schüler*innen derzeit gegen die Waffengewalt eintreten!

    Gefällt 1 Person

  2. Cora Koltes

    Die Buchvorstellung macht Lust darauf, das Buch zu lesen. Ich finde die Literatur über die RAF Zeit oftmals schwer einzuordnen. Während ich schon gelebt habe, ist das alles passiert und trotzdem in einer Zeit, in der ich viel zu klein war, um etwas davon mitzubekommen. Als ich älter war, hatte das Thema in der Schule keinen Raum, daher für mich auch keine Einordnung erfahren.
    Ich möchte das Buch glaube ich deshalb lesen, weil es in einem sachlichen Ton verfasst ist.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Laloire schlägt auf | Die Tanztendenz des Geistes

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