Die letzte Videothek

Es gibt Orte, die bleiben, und man wundert sich, dass sie bleiben. Orte wie die Videothek in der Kornstraße, die immer noch da ist, obwohl inzwischen alle streamen. Erhebt sich heutzutage noch irgendwer freitag- oder sonntagabends vom Sofa und schleppt sich durch die Stadt, um in einem muffigen, mit DVD-Hüllen vollgestopften Kabuff umherzuirren, bis er endlich fündig geworden ist? Schwer vorstellbar, und doch sehe ich zuweilen, wie Menschen die Videothek betreten oder verlassen. Sie sorgen gemeinsam dafür, dass dieses Relikt am Leben bleibt und beharrlich dem Fortschritt trotzt. Eigentlich ein sympathisches Unterfangen, das es zu unterstützen gilt, denke ich und gehe Woche für Woche vorüber an dem Schaufenster, bis ich schließlich eines Tages dringend einen Film sehen muss, der in den unendlichen Weiten des Internets nirgends zum Streamen zur Verfügung steht. Das ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe.

Am einem milden Dezemberabend verlasse ich meine Wohnung, spaziere die Straße hinunter, steuere die Videothek an und finde dort tatsächlich nach zwei oder drei Minuten den gesuchten Film, der für eine Leihgebühr von einem Euro zu haben ist.

Während der Angestellte hinterm Tresen mir ein Konto einrichtet und einen Leihausweis erstellt, schaue ich mich ein wenig um und entdecke dabei die aufgehängten Schilder: Alles muss raus!

Schließt ihr bald?“, frage ich.

Ja, vielleicht Ende des Jahres.“

Oh. Lohnt sich vermutlich nicht mehr, oder?“

Ach doch“, sagt der Mann, der etwa in meinem Alter sein dürfte, „aber der Eigentümer will verkaufen, und zu dem Preis, den er fordert, hat sich noch niemand gefunden.“

Er sei aber überzeugt, dass sich jemand finden werde, sobald der Eigentümer mit dem Preis runtergehe; und dann erläutert er mir in einer ungemein schlüssig wirkenden Theorie, warum Videotheken durchaus eine Zukunft hätten.

Na dann, denke ich, nehme meinen neuen Ausweis und die DVD, verabschiede mich und schlendere gutgelaunt nach Hause.

Vier Wochen später komme ich erneut an der Videothek vorbei und sehe, wie zwei Männer große Umzugskartons aus dem Laden schleppen und in einem Transporter verstauen. Kurz halte ich inne, schaue den Männern beim Verladen zu, überlege einen Augenblick, sie anzusprechen, setze aber stattdessen meinen Weg fort.

Drei Tage danach steht der Laden komplett leer, das Schild mit den Öffnungszeiten ist abgenommen, die Leuchtreklame ausgeschaltet und in der Tür hängt ein Schild: Zu vermieten!

4 Kommentare

Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

4 Antworten zu “Die letzte Videothek

  1. So Vieles transformiert sich,
    was zum Besseren ist?

    Gefällt 1 Person

    • Na ja, solche Veränderungen sind wohl normal – manches verändert sich zum Guten, manches zum Schlechten. Eine hübsche Randnotiz zu der verschwundenen Videothek ist, dass eine paar Wochen, nachdem sie geschlossen wurde, Unbekannte einen Zettel an die Tür geklebt haben, auf dem stand, dass die Videothek bitte zurückkommen solle, dass sie vermisst und gebraucht würde und nicht durch das Internet ersetzt werden könnte. Das ist ganz schön und verweist tatsächlich auf einen wichtigen Aspekt: Gute Videotheken haben auch viele kleine Independentfilme im Sortiment gehabt – Filme, die bei den großen Streamingdiensten nicht zu finden sind, sodass die Gefahr droht, nicht mehr auf sie zugreifen zu können, wenn die Videotheken alle dichtmachen. Aber wer weiß, vielleicht entsteht eine Plattform im Internet, die sich genau darum kümmert (bzw. vielleicht gibt es sie inzwischen schon, ohne dass ich davon weiß).

      Gefällt 1 Person

  2. Cora Koltes

    Tja, keine einzige Videothek könnte sich durch Kunden wie mich am Laufen halten. Schade finde ich es trotzdem, dass es (fast) keine mehr gibt. Vor etwa 14 Tagen hätte ich eine besuchen wollen – und zum Glück – gab es in der Stadtbibliothek DVD’s auszuleihen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gewusst, ob und wo es in Bremen, noch dazu direkt in der Stadt, eine Videothek gibt? Weiß ich bis heute nicht… dauert eh wieder Jahre bis sich diese Frage erneut stellt und bis dahin… wer weiß… habe ich mich vielleicht (wieder) zu einem Internetanschluss in meinen 4-Wänden durchgerungen und streame, wie heute fast alle. Seit 5 Jahren lebe ich ohne – Internet übers Smartphone reicht und wenn nicht, gibt’s die Stadtbibliothek. Die mir ja auch vor 14 Tagen zu einem prima Film verholfen hat. 😉

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    • Stimmt, in der Stadtbibliothek habe ich einige Jahre auch häufiger Filme ausgeliehen; wäre klasse, wenn die Bibliotheken die Aufgabe in Teilen übernehmen könnten, damit die Independentfilme und Klassiker weiterhin verfügbar bleiben. Ich selbst habe allerdings auch wenig dazu beigetragen, dass sich die Videotheken in meinem Stadtteil hätten halten können. Mittlerweile streame ich (genau wie die meisten anderen) seit einigen Jahren in erster Linie. Ohne Internet ginge es zuhause inzwischen gar nicht mehr, obwohl ich bei Büchern und auch bei Musik weiterhin vor allem analog unterwegs bin (mal schauen, wann sich da mein Nutzerverhalten verändert;))

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