Wunder von der Weser

Manchmal nur ganz klein im Hintergrund, aber doch irgendwie stets präsent in Bremen: das Weserstadion, das morgen wieder in den Fokus rücken wird, wenn Werder zuhause gegen den Abstieg spielt. Fußball war auf diesem Blog hier bisher kein Thema, was daran liegt, dass Fußball keine besonders große Rolle in meinem Leben spielt – zumindest nicht mehr, denn es gab andere Zeiten, in denen ich (man muss es so sagen) ein fanatischer Werder-Fan war. Werder-Fan bin ich zwar noch immer und ich verfolge auch weiterhin die Spiele von Werder, stehe dem allen inzwischen allerdings deutlich entspannter gegenüber. Es gab jedoch drei, vier Jahre in meinem Leben als Teenager, in denen Werder eine enorme Bedeutung für mich hatte. In der Saison 93/94 war ich sogar Inhaber einer Dauerkarte für die Ostkurve. Es war die Saison nach Werders dritter Meisterschaft und Werders erste Saison in der Champions-League, und es war die Saison, in der sich eines der sogenannten „Wunder von der Weser“ ereignete, das 5:3 gegen den RSC Anderlecht, bei dem ich live im Stadion dabei war. Vor längerer Zeit habe ich dazu einen Text geschrieben, der aber in der Schublade verschwunden ist und den ich nun hervorgekramt und überarbeitet habe, um im Hinblick auf das morgige Spiel wieder eines dieser „Wunder von der Weser“ zu beschwören;)

Für Menschen, die Fußball nicht mögen oder sich kein bisschen dafür interessieren, wird der Text vermutlich befremdlich wirken (wenn sie ihn denn überhaupt lesen). Für mich selbst ist das alles im Rückblick mittlerweile etwas befremdlich, aber mir ging es beim Schreiben darum, noch einmal die Atmosphäre, dieses extreme Gemeinschafts- und Verbundenheitsgefühl sowie die Euphorie nachzuzeichnen, die ich damals als 15-Jähriger empfunden habe. Rein massenpsychologisch betrachtet haben mich Fußballevents wie dieses auch viel gelehrt, natürlich nicht nur im Positiven, weshalb ich inzwischen solchen Ereignissen lieber fernbleibe. Aus der Distanz drücke ich morgen dennoch kräftig die Daumen und hoffe auf ein weiteres „Wunder von der Weser“ …


 

Wunder von der Weser

Wir singen im Regen. Über unseren Köpfen die Fluchtlichtmasten, deren Strahler das Spielfeld ausleuchten. Das Licht verleiht den Abendspielen eine besondere Atmosphäre. Heute allerdings sehe ich vor allem glitzernde Bindfäden, wenn ich zu einem der Masten hinaufschaue. Schon vor dem Anpfiff hat es geschüttet wie aus Kübeln, unsere Klamotten und Fahnen sind klitschnass. Dabei könnte ich ein Dach über dem Kopf haben, in meiner Hosentasche steckt eine Karte für die Nordgerade, weil die Ostkurve schon Wochen vor dem Spiel ausverkauft war. Aber die echten Werder-Fans, die stehen nicht in der Nordgeraden, die stehen in der Ostkurve. Und in der Ostkurve, da trotzen wir dem Wetter. Wir singen auch im Regen!

Während all die anderen im Stadion, all die Luschen, die das Maul nicht aufkriegen oder es sich in ihren Logen mit Kaviar vollstopfen, während sogar die Gegner in der Westkurve ein Dach über dem Kopf haben, stehen wir, die einzig wahren Werder-Fans, unter freiem Himmel und singen einfach doppelt so laut, damit der Wind unseren Gesang nicht aus dem Stadion weht. Heute singen wir bestimmt schon seit einer Stunde durchgehend „Olé, hier kommt der SVW“. Zur Melodie des Songs „Go West“, mit dem die Pet Shop Boys die Spitze der Charts erobert haben, singen wir immer wieder diese eine Zeile: Olé, hier kommt der SVW.

Mit dem Singen angefangen haben wir nach dem zweiten Gegentor, selbst beim dritten Gegentor haben wir einfach weitergesungen und dann auch die komplette Halbzeit durch. Und singen immer noch, obwohl wir seit anderthalb Stunden im Regen stehen und unsere Mannschaft nach über einer Stunde Spielzeit weiterhin null zu drei gegen den RSC Anderlecht zurückliegt. Dass es gegen den AC Mailand und den FC Porto schwierig werden würde, damit hatten wir gerechnet, aber gegen den belgischen Meister?

Eigentlich ist alles Mist – das Wetter, das Spiel und vor allem der Spielstand – und trotzdem ist die Stimmung genial, trotzdem singen wir: Olé, hier kommt der SVW. Und wir jubeln auch nur kurz und singen rasch weiter, als Wynton Rufer in der 66. Minute nach einem Pass von Dieter Eilts in seiner abgebrühten Art mit einem Lupfer den gegnerischen Torhüter überwindet und auf eins zu drei verkürzt. Selbst die belgischen Fans jubeln mit – das eine Tor, den Ehrentreffer, den gönnen sie uns. Wir scheißen auf den Spott, der da mitschwingt, und singen weiter „Olé, hier kommt der SVW“, singen auch noch, als in der 72. Minute Rune Bratseth im gegnerischen Strafraum in die Höhe steigt und eine Flanke von Dietmar Beiersdorfer ins Tor köpft. Anschlusstreffer! Da jubeln die Fans vom RSC Anderlecht nicht mehr mit, wir aber umso lauter. Zwei zu drei. Da geht noch was.

Bereits beim ersten Champions-League-Spiel in Porto waren wir nach einem null zu drei noch auf zwei zu drei rangekommen, aber dann hat die Zeit nicht mehr gereicht, schon fünf Minuten später hat der Schiri das Spiel abgepfiffen – sonst hätten wir bestimmt noch ein Unentschieden geholt. Doch heute haben wir noch zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten! Da ist noch ein Tor drin. Das spüren wir. Daran glaubt auch unsere Mannschaft. Das sieht man, die stürmen weiter, während die Belgier jetzt nervös wirken.

Jetzt singen wir nicht mehr die immer gleiche Zeile, sondern brüllen, was das Zeug hält: „Werder! Werder! Werder!“ Unterstützt vom rhythmischen Trommeln der Einpeitscher treiben wir unsere Spieler weiter nach vorn. Und es wirkt: Sie berennen das Tor ihrer Gegner, wieder und wieder und wieder. Und in der 80. Minute fliegt ein hoher Ball in den Strafraum des RSC Anderlecht, Wynton Rufer nimmt ihn mit der Brust an, macht zwei lange Schritte mit dem Ball und flankt aus vollem Lauf mit Links hoch an die Kante des Fünfmeterraums, wo Bernd Hobsch sich in die Höhe schraubt und den Ball gegen die Laufrichtung des Torhüters köpft. Wir reißen unsere Arme in die Höhe. Tor! Der Ball zappelt im Netz. Drei zu drei! Der Wahnsinn. Wir umarmen uns. Wir jubeln. Wir toben. Und das Spiel ist noch nicht vorbei. Es bleiben zehn Minuten. Zehn Minuten, um noch mehr rauszuholen. Alles ist möglich! Jetzt wollen wir gewinnen und opfern dafür unsere Stimmbänder: „Werder! Werder! Werder!“ schallt es mit einer solchen Wucht durchs Stadion, dass es selbst Wind und Regen hinwegzuwischen scheint. Wir kümmern uns nicht um das Wetter, wir treiben unsere Mannschaft nach vorn.

Alles ist möglich. Zehn Minuten bleiben dafür. Doch Marco Bode braucht keine zehn, sondern bloß drei Minuten, um nach einem Gewühl im Strafraum den Ball aus sechs Metern mit Links ins Tor zu dreschen. Die Führung! Unglaublich! Das Spiel gedreht! Unsere Mannschaft dreht durch, Otto Rehagel dreht an der Seitenlinie durch und wir drehen in der Ostkurve durch, reißen unsere Arme in die Höhe, ballen die Fäuste, brüllen unsere Freude raus. Nach einem null zu drei den Sieg vor Augen. Wir toben. Wir hüpfen. Wir singen. Olé, hier kommt der SVW!

Doch inmitten unserer Feier kommt der RSC Anderlecht, stürmen die Belgier, spielen sich an Werders Strafraumkante den Ball hin und her, bis ein Spieler aus siebzehn, achtzehn Metern abzieht. Warum steht der so frei? Warum geht da keiner drauf? Der Ball zischt gefährlich Richtung Torwinkel. Olli Reck springt hoch, streckt sich. Wir schlagen die Hände über unseren Köpfen zusammen, sehen, wie Olli Reck immer länger wird und den Ball mit einer Weltklasseparade über die Latte lenkt. Wir reißen unsere Arme in die Höhe. Wir feiern Olli Reck, der den Ausgleich verhindert hat, und feiern kurz darauf Wynton Rufer, der in der 89. Minute nach einer Flanke von Andre Wiedener den Schlusspunkt setzt. Fünf zu drei. Unfassbar! Wir fallen einander um den Hals, unsere Spieler umarmen sich, Karl-Heinz Kamp springt Otto Rehhagel in die Arme. Was für ein Spiel!

Nach dem Abpfiff laufen unsere Spieler direkt zu uns, zur Ostkurve, applaudieren, bedanken sich bei uns, den einzig wahren Werder-Fans, die diesen Wahnsinn mit Gesang und Anfeuerungsrufen erst möglich gemacht haben. Die Mannschaft weiß das und feiert uns, und wir feiern sie. Feiern auch noch, als wir im Bus sitzen, der uns zurück nach Hause bringt, zurück in die niedersächsische Provinz, in unsere spektakelfreie Kleinstadt. Aber daran denken wir nicht, sondern wir singen, singen zusammen: Olé, hier kommt der SVW!

Weit nach Mitternacht steht ein Fünfzehnjähriger in seinem Zimmer. Seine Jacke, die Werdermütze, sein Schal, das Trikot, die Schuhe und Socken, selbst seine Unterhose – alles ist nass, und trotzdem ist er glückselig. In ein paar Stunden muss er wieder aufstehen, muss mit dem Bus zur Schule. Aber das ist jetzt egal. Er beugt sich über den Videorekorder, um zu überprüfen, ob er das live im Fernsehen übertragene Champions-League-Spiel wirklich aufgenommen hat. Er zieht die VHS-Kassette aus dem Rekorder, mustert das Band und lächelt. Das kann er sich immer wieder anschauen, denkt er. Dieses Spiel. Dieses Wunder von der Weser. Und er ist live dabei gewesen. Vor Ort, bei den wahren Werder-Fans in der Ostkurve. Vielleicht ist es das Großartigste, was er bisher erlebt hat in seinem Leben.

Plötzlich geht die Zimmertür auf. Seine Mutter tritt in den Raum. Sie hat wieder nicht geklopft, aber auch das ist jetzt egal, obwohl er das sonst hasst. Sie schaut ihn an, fragt, wie hoch Werder verloren habe.

„Verloren? Werder hat gewonnen.“

„Quatsch“, sagt seine Mutter, „veräppeln kann ich mich selbst.“

„Nein, das stimmt. Werder hat 5:3 gewonnen.“

Seine Mutter schaut ihn ungläubig an. Vermutlich wird sie ihm erst am nächsten Morgen glauben, wenn sie das Ergebnis in der Kreiszeitung schwarz auf weiß abgedruckt sehen kann. Dann wird sie sehen, dass Werder das Spiel gedreht hat und dass es keine gute Idee gewesen ist, den Fernseher nach der ersten Halbzeit abzuschalten, um ins Bett zu gehen.

„Das wird nichts mehr“, haben sie gemeint und damit das Wunder von der Weser verpasst, während er live dabei gewesen ist. Im Weserstadion. In der Ostkurve. Im Regen singend: Olé, hier kommt der SVW. Mit diesem Ohrwurm, der sich tief in seinem Kopf eingenistet hat, liegt er in seinem Bett und lauscht, wie es nachhallt: Olé, hier kommt der SVW!

12 Kommentare

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12 Antworten zu “Wunder von der Weser

  1. Ian Watson

    Mensch, Jens, da war ich auch, auch mit meinem 11 jährigen Peter (Torwart, SVW, E Jugend), der kaum was sehen konnte. Glory Days, Nostalgie pur. Aber, wie Karl Valentin sagte, Früher war die Nostalgie auch besser. ?? Ein sehr schöner Text. LG, Ian ________________________________

    Gefällt 2 Personen

    • Merci, lieber Ian, für die Rückmeldung! Und spannend dass du bei dem Spiel auch im Stadion warst. Und ja, Nostalgie pur, die Werder-Gegenwart ist ja grau und war in der Vergangenheit definitiv besser;) Also, hoffen auf die Zukunft! LG

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  2. Cora Koltes

    Hoffentlich hilft die Beschwörung! 🙂
    Meine Daumen sind gedrückt! Alles Werder hier! 🙂

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  3. Eine schöne jugendliche Fußball-Erinnerung. So ein Spielverlauf und Ergebnis ist schon wunderlich, die Begeisterung nachvollziehbar.
    Die Club-Fans in Nürnberg kennen die Aufs und Abs nur zu gut.
    Gute Wünsche und schöne Grüße

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  4. Hm, schaut nun wohl so aus, dass es bald mal wieder Spiele gibt von Werder und Club. Schade für Werder. Wunder gibt es immer wieder. Ohne Gewähr. Die Clubberer in Nürnberg träumen nach jedem Abstieg vom sofortigen Wiederaufstieg – den ich Werder gönne, wie auch dem Club. In dieser Saison sind die Club-Fans doch auch dankbar, dass der Klassenerhalt ein paar Spieltage vor Schluss der Saison gesichert war.
    Aus der 2. Liga solidarische Grüße
    Bernd

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    • Besten Dank für die solidarischen Grüße. Das war gestern schon ziemlich bitter, vor allem da es im Gegensatz zur letzten Saison doch ziemlich lange danach aussah, als würde Werder diese Saison nicht ganz unten reinrutschen. Nun also 2. Liga, wo Werder sich ja in guter Gesellschaft befindet mit dem HSV, Schalke, Düsseldorf, Hannover und Nürnberg. Vielleicht wird es ja eine erstklassige Zweitligasaison, bei der Werder und Nürnberg am Ende das Rennen um die Aufstiegsplätze machen. Schön wär’s. Schauen wir mal. Beste Grüße nach Nürnberg, Jens

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  5. Cora Koltes

    Puh, das hat nicht geklappt! Schade.
    Ziel jetzt: wieder rauf in die erste Liga!
    Gemischte Familien-Gefühle zu Pfingsten: Pech für Werder – Durchatmen für die Kölner, deren großer Fan mein Neffe ist. Da heißt es eine gute Tante sein, Daumen drücken und mitfiebern… und Werder nächste Saison wieder anfeuern!

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    • Ne, das war leider nichts – habe zwar bis zur letzten Minute gehofft, dass Köln noch ein Tor kassiert und Werder sich zumindest in die Relegation rettet, aber Köln hat es sich gestern wohl mehr verdient als Werder. Schön dass sich dann wenigstens der Neffe freut. Und Werder-Fans müssen sich damit trösten, dass es nächste Saison wieder Nordderbys gegen den HSV und Hannover gibt. Allerdings sind beide Vereine auch ein gutes Beispiel dafür, dass der Aufenthalt in der 2. Liga deutlich länger dauern kann als ursprünglich geglaubt.

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  6. Cora Koltes

    Die Kölner waren nur 1 Saison 2. Liga. Dann diese Saison 1. Liga und bleiben hoffentlich drin, wenn’s nach meinem Neffen geht. Es geht also auch der kurze Aufenthalt!

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    • Logo, das hoffe ich natürlich auch sehr, dass Werder der direkte Wiederaufstieg gelingt – aber es wird halt kein Spaziergang werden. Dennoch wäre es eine feine Sache, und ich versuche mal dran zu glauben:)

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