Monatsarchiv: August 2015

Ein Rennwagen gegen sinnlose Gewalt

dea loher

In Dea Lohers Romandebüt „Bugatti taucht auf“ verbinden sich drei Handlungsstränge zu einer großen Reflexion über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns.

Als Dramatikerin hat sich Dea Loher in den vergangen zwanzig Jahren nicht nur deutschlandweit, sondern international einen Namen gemacht. Ihre achtzehn bisher veröffentlichten Theaterstücke wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet, in 31 Ländern übersetzt und in mehr als 300 Inszenierungen auf den Bühnen dieser Welt gespielt. Während die studierte Philosophin und Germanistin eine der weltweit erfolgreichsten und meistgespielten deutschen Dramatikerinnen ist, hat sie als Prosaautorin hingegen bisher nur wenig von sich Reden gemacht. Die Veröffentlichung ihres schmalen Erzählungsbandes „Hundskopf“ lag bereits sieben Jahre zurück, als die 1964 in Traunstein geborene Autorin Ende 2012 im Metier der erzählenden Literatur endlich nachgelegte und mit „Bugatti taucht auf“ ein gelungenes Romandebüt feierte, mit dem ihr sogleich der Sprung auf die Longlist des deutschen Buchpreises gelang.

Wie bereits zuvor bei vielen ihrer Dramen hat sich Loher bei ihrem Roman von einem realen Ereignis inspirieren lassen. Im Zentrum ihres Buches stehen eine Gewalttat des Jahres 2008 und deren Folgen: Während die Bürger des schweizerischen Ascona in einer Februarnacht den Tessiner Karneval feierten, prügelten drei Jugendliche einen jungen Mann zu Tode. Die Familie des Opfers rief daraufhin eine Stiftung gegen Jugendgewalt ins Leben; anderthalb Jahre nach dem Mord zog man einen siebzig Jahre zuvor versenkten Bugatti aus dem Lago Maggiore und versteigerte das einigermaßen gut erhaltene Wrack für 230.000 Euro an einen Sammler. Der Betrag floss in die neu gegründete Stiftung.

Das sind die Fakten, die Loher zu einem dreigeteilten Werk über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns verwebt. Die drei Teile unterscheiden sich sehr stark in ihrer Länge, dem Sujet sowie der Erzählweise.

Bevor Loher mit der eigentlichen Geschichte des Mordes und der Auto-Bergung beginnt, schildert sie in fiktionalen Tagebuchnotizen der Jahre 1913 bis 1916 die Gefühlswelt des italienischen Bildhauers Rembrandt Bugatti (eines Bruders des Automobilkonstrukteurs Ettore Bugatti). In den authentisch wirkenden Notizen bekommt der Leser ein Gefühl für die Zweifel des Bildhauers, der zwar für seine Kunst lebt, jedoch weder mit seiner Kunst noch mit seinem Leben glücklich wird und diesem deshalb im Alter von einunddreißig Jahren ein Ende setzt. Die Tagebucheinträge Bugattis fungieren wie ein Prolog – Rembrandt Bugatti reflektiert die Dürftigkeit seines eigenen Seins sowie das geschäftige Treiben seines Bruders Ettore, der in der Konstruktion von Luxuswagen aufgeht. Während Ettore seinem Leben einen Sinn gegeben hat, verzweifelt Rembrandt an der Sinnlosigkeit und entscheidet sich für den Selbstmord. Damit deutet Loher bereits auf den ersten Seiten eine zentrale Frage ihres Buches an: Soll man sich der Sinnlosigkeit beugen oder ihr etwas entgegensetzen?

Der Ermordung des Studenten Luca schildert Loher im zweiten Teil ihres Romans in einer nüchternen Sprache, die zuweilen an den Ton von Polizeiberichten erinnert. Die Dramatikerin dramatisiert nichts, sondern beschreibt den Tathergang aus einer distanzierten Außenperspektive, indem sie die Aussagen der Zeugen sowie der drei Täter (Branko, Ilija, Valon) in indirekter Rede einander gegenüberstellt: „Ilija wird sagen, er könne sich nicht erinnern, was passiert sei, nachdem Luca auf den Boden gefallen war. (…) Valon wird abstreiten, dass er den am Boden liegenden Luca in den Körper getreten habe. Er wird behaupten, dass er Luca einen Faustschlag versetzt habe, als dieser noch stand, und später einen Fußtritt gegen den Kopf, als Luca am Boden lag. (…) Valon wird sagen, er habe gesehen, wie Ilija dem am Boden liegenden Luca Tritte in den Brustkorb versetzt habe, oder in den Bauch, und einen Tritt gegen den Kopf.“

In dieser Form geht das über viele Seiten. Durch die verschiedenen Aussagen bekommt der Leser unterschiedliche Versionen geboten, die alle detailreich und minutiös schildern, wer das Opfer auf welche Art geschubst, geschlagen und getreten hat. Als Leser ist diese emotionslose Härte auf Dauer nur schwer zu ertragen, weshalb man ein wenig aufatmet, wenn der zweite Teil zu Ende geht und der dritte und längste beginnt. Dieser Teil erzählt die Geschichte der Bugatti-Bergung, die Jordi Polar veranlasst. Er ist ein Freund der Familie des Opfers und als Unternehmer für Schweißarbeiten unter Wasser bestens gewappnet für die Aktion. Hinzu kommt, dass er zwar einerseits – ähnlich wie Rembrandt Bugatti – ein Außenseiter und Zweifler ist, doch anderseits ebenso ein Trotzkopf, der sich nicht der Sinnlosigkeit der Tat beugen, sondern ihr etwas entgegensetzen will: „etwas Schwerwiegendes, das man nicht ignorieren, nicht wegmessen, nicht verwerfen konnte; etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte; etwas, das dem Schrecken und der Hysterie, die diesen Mord umgaben, trotzen konnte“.

Dieses gutartig Schöne soll der Bugatti sein, den Jordi mit Hilfe von Freunden bergen und im Rahmen eines Sommerfestes aus dem Wasser auftauchen lassen will – zum Gedenken an den ermordeten Luca.

Vor allem im dritten Teil, dem Hauptteil ihres Debüts, stellt die Dramatikerin Loher ihre Fähigkeiten als Prosaautorin unter Beweis. Stil- und gefühlvoll zeichnet sie ihren Protagonisten, dessen Familie und leicht kuriose Figuren wie den Bugatti-Experten Matteo Bronski. So liest man mit Genuss diesen Roman, der gleich der realen Bugatti-Bergung der sinnlosen Gewalttat ein sinnvolles Kunstwerk entgegensetzt.

Dea Loher: Bugatti taucht auf. Wallstein Verlag, Göttingen. 208 Seiten, 19.90 €.

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Strandpromenadensänger Harry

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Das Jenseits liegt auf dem Darß, oder Harry Rowohlt lebt. Er spielt Schifferklavier auf der Strandpromenade von Prerow, singt dazu Seemannslieder oder begleitet sich auf der Trompete; und manchmal fordert er die Leute, die vor ihm stehen geblieben sind, dazu auf, mitzusingen:

Und jetzt alle!“

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Die Dete, die Dete, die Dete!

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Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei! Das wusste bereits der singende Da-Da-Da-Philosoph Stephan Remmler. Vergänglichkeit klebt wie ein hartnäckiger Kaugummi an all unserem Streben.

Dass wir ach so einzigartigen Krönchen der Schöpfung eines Tages alle genauso wie jede x-beliebige Sau dem Schlachtermesser der Zeit zum Opfer fallen, dies ist ein Fakt, dem sich nicht zu widersetzen lohnt. Dass jedoch bereits zu Lebzeiten etwas, das wir lieb gewonnen haben, im Orkus des Weltenlaufs hinfortgespült werden soll – das sehen wir nicht ein! Da stellen wir uns in aller Öffentlichkeit auf die fein besohlten Füßchen, reißen die Ärmlein in die Höhe, wedeln mit selbstgebastelten Wimpeln und pusten in Trillerpfeifen, um gegen diese Ungerechtigkeit zu protestieren.

Nicht selten allerdings ist alle Pfeifentrillerei und Wimpelwedelei vergebens. Das führte uns vor einem Jahr exemplarisch eine Lokaltragödie vor Augen: der Tod der Dete!

Für all jene, die bisher nicht wissen, wer genau diese Dete war, hier eine knappe Rückblende: Die Dete war einst ein Möbelhaus namens Deters, das vor Jahren aufgegeben, leer geräumt und gekauft wurde von einem Investor, der es verwaist dastehen ließ – bis sich sechs Freunde des Gebäudes annahmen, zwei Buchstaben aussortierten und dafür allerhand Polstermöbel, technisches Equipment, Kunst und Kultur und viel gute Laune hineinschleppten.

Das Kultureinrichtungshaus Dete war geboren und eroberte im Nu die Herzen vieler Neustädter. So ein offener Raum für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Theater, der hatte dem Stadtteil bisher gefehlt. Doch nicht allein die Neustädter, sondern allerlei Leute aus verschiedenen Ecken der Hansestadt strömten Woche für Woche in die Dete.

Und so tranken Schwachhausener Brüderschaft mit Pusdorfern, spielten Grolländer Tischfußball mit Viertellinis und drehten Oberneuländer neben Gröpelingern auf dem Bürgersteig Zigaretten – in der Dete wuchs bei Kaffee und Kuchen, bei Wein und Bier, bei Mate und Nappos auf Sofas, Sesseln, Paletten und mit ollem Teppich überzogenen Treppenstufen zusammen, was zusammengehört.

Doch aller Popularität und Medienberichterstattung, allen Nachbarschaftsinitiativen wie Sympathiebekundungen von Stadtteilpolitikern und allen Unterschriftenaktionen sowie Demonstrationen zum Trotz, hieß es schließlich: bye, bye, lovely Dete.

Und so gedenken wir in grimmiger Trauer eines Ortes, der sich in nur zehn Monaten für so viele in ein zweites Zuhause verwandelt hatte, und sagen schlicht, einfach und pointenfrei:

Danke Dete, wir werden Dich nicht vergessen!

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5 Bier & ein Fernglas

Dünen-Verbot

Auf der Aussichtsplattform eines Rundwanderwegs holt eine Frau von etwa 60 Jahren eine Trinkflasche aus ihrem Rucksack, trinkt und hält dann die Flasche ihrem graubärtigen Mann hin, der nur kurz seinen großen Feldstecher absetzt, den Kopf schüttelt und wieder durch das Fernglas die vor ihm liegende Landschaft beobachtet.

Trink mal ein bisschen“, sagt die Frau zu ihrem Mann und hält ihm weiter die Flasche hin.

Ich möchte nicht.“

Du trinkst viel zu wenig!“

Dafür trinke ich später fünf Bier“, sagt er und schaut weiter durch sein Fernglas.

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Jugend ohne Staat

Peter Richter

Peter Richter erzählt von einer DDR-Jugend während der Wendejahre

Wenn dir ein paar Neonazis die Fresse polieren, ist es dir wahrscheinlich egal, dass du gerade mittendrin bist in einer historischen Epochenwende. So zumindest ergeht es dem namenlosen Erzähler in Peter Richters Roman „89/90“ am Silvesterabend des Jahres 1989. Gerade noch hat er einen desaströsen Auftritt mit seiner Punkband „Die Faschisten“ hinter sich gebracht, als echte Faschos die Silvesterparty in der „Pisse“, einem besetzen Haus im Dresdner Stadtteil Pieschen, stürmen und für Prellungen, blaue Augen und blutende Nasen sorgen.

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