Spuk auf Sylt

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Benjamin Lebert versucht sich im Gespenstergenre

Crazy“ heißt das Buch, mit dem der 17-Jährige Schulabbrecher Benjamin Lebert 1999 debütierte. Und ein wenig verrückt war die Erfolgsstory dieses Jugendromans, der noch im selben Jahr fürs Kino verfilmt, in den Folgejahren in 33 Sprachen übersetzt und über eine Million Mal aufgelegt wurde. Inzwischen hat sich der imposant gestartete Jungautor in einen ganz normalen Schriftsteller verwandelt, der alle zwei, drei Jahre ein neues Buch vorlegt. „Mitternachtsweg“ heißt der mittlerweile sechste Roman, in dem Lebert den Geschichtsstudenten Johannes Kielland eine moderne Gespenstergeschichte erzählen lässt.

Kielland ist ein introvertierter Zeitgenosse, der im langen schwarzen Ledermantel durch Hamburg stiefelt, düstere Musik hört und sich ansonsten seiner Vorliebe für mysteriöse Begebenheiten widmet, die er zu Artikeln für die Lübecker Zeitung verarbeitet. Über einen dieser Artikel kommt er in Kontakt mit Helma Brandt, einer geheimnisvollen jungen Frau, die ihn mit ihrer kühlen Schönheit fesselt und ihm zugleich mit ihrer düsteren Aura Angst einflößt. Eine allzu begründete Angst, wie sich mit der Zeit herausstellt, denn Helma Brandt scheint keine Frau aus Fleisch und Blut zu sein, sondern die Wiedergängerin einer einst im Wattenmeer vor Sylt Ertrunkenen. Kielland versucht vor Helma Brandt zu fliehen, vermag dem Sog ihrer Geschichte jedoch nicht zu entkommen – was nicht zuletzt an einem sonderbaren Handschuh liegt, der in seinen Besitz gerät und ihm jenes Selbstbewusstsein verleiht, das ihm sein Leben lang gefehlt hat.

Lebert konstruiert gekonnt mit verschiedenen Erzähl- und Zeitebenen eine zeitgemäße Schauergeschichte. Insbesondere die Spannung kommt dabei nicht zu kurz, schließlich sieht man dem Protagonisten dabei zu, wie er in sein Verderben zu rennen scheint – ohne als Leser schon im Voraus vorherzusehen, wie die Geschichte enden wird. Alles in allem zwar nicht der ganz große literarische Wurf, aber durchaus ein unterhaltsamer Spuk.

Benjamin Lebert: Mitternachtsweg. Hoffmann und Campe, Hamburg. 240 Seiten, 18,- €. (2014)

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Eingeordnet unter Rezensionen - ältere Bücher

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