Durchgeknallte Wiener Melange

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Die Weltgeschichte hat in Hannes Steins aberwitzigem Debütroman „Der Komet“ eine vollkommen andere Richtung eingeschlagen und den Europäern somit manches erspart.

Das 20. Jahrhundert war für Europa äußerst angenehm. Weder gab es nennenswerte Kriege oder Revolutionen, noch größenwahnsinnige Diktatoren, die den kompletten Kontinent zu unterwerfen anstrebten. Stattdessen lebten die verschiedenen Monarchien und die Republik Frankreich friedlich nebeneinander. Während die k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn sich weiterhin als Nabel der Welt verstand und eine Vielzahl von Nationen unter seinem Dach vereinte, gingen aus dem friedfertigen wie kulturliebenden Deutschen Reich so ziemlich alle technischen Innovationen der Moderne hervor. Jenseits des Atlantiks passierte hingegen wenig: Amerika blieb ein „Land der Kuhhirten und Indianer (…), das in weltpolitischen Fragen strikte Neutralität wahrte“.

Vielleicht fragen Sie sich, von welchem 20. Jahrhundert hier bitte schön die Rede ist? Die Antwort lautet: Es handelt sich um das 20. Jahrhundert in Hannes Steins Debütroman „Der Komet“. Der in München geborene sowie in Wien aufgewachsene Kulturjournalist und Schriftsteller hat einen Roman geschrieben, der zwar in unserer Zeit spielt, jedoch so gar nichts mit unserer tatsächlichen Gegenwart gemein zu haben scheint – was damit zu tun hat, dass in der von Stein konstruierten Vergangenheit keine Kriege, Revolutionen, Wirtschaftskrisen, Faschisten oder Diktatoren in Europa wüteten. Und zwar aus einem einzigen Grund: Der Anlass für den Ersten Weltkrieg fiel ins Wasser. Nachdem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 bei seinem Besuch in Sarajevo einen Attentatsversuch heil überstanden hatte, machte er umgehend kehrt. „I bin doch ned deppat, i fohr wieder z´haus“, sagte er und fuhr samt Gattin heim. Folglich gab es kein zweites (realhistorisch geglücktes) Attentat, kein sich daran anschließendes Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien, keine allgemeine Mobilmachung und keinen Weltkrieg. Und so nahm die Geschichte in Steins Welt einen anderen, durchaus sympathischen Verlauf.

Düsenzüge, Mondtourismus & ein mit Saucenflecken besudeltes Jackett

Sicherlich kann man trefflich darüber streiten, ob das Attentat alleinverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs war; aber solche Spitzfindigkeiten sollen an dieser Stelle beiseitegelassen werden – denn Stein hat mithilfe seines Was-wäre-wenn-Spiels einen ebenso witzigen wie geistreichen Roman voll abstruser Ideen zusammenfantasiert. Haupthandlungsschauplatz ist dabei ein Wien, das einerseits vor hundert Jahren in einem Dornröschenschlaf versunken zu sein scheint, andererseits mit Elektroautos, Düsenzügen und Plaudereien über den verbreiteten Mondtourismus aufwartet. In dieser Metropole verliebt sich der Kunststudent Alexej von Repin im Salon der stadtbekannten Gesellschaftsdame Barbara Gottlieb in die Hausherrin. Obwohl der schüchterne Student – der lediglich ein gutes, dazu noch mit Saucenflecken besudeltes Jackett besitzt – es kaum zu wagen hoffte, entspinnt sich zwischen ihm und der sefardischen Schönheit eine Affäre.

Eine Katastrophe, eine Katastrophe. Die Liebe war eine Katastrophe. Hätte er in diesem Augenblick gewusst, dass in ein paar Monaten die Welt untergehen sollte, es wäre Alexej im Vergleich wie das mindere Unglück vorgekommen.“

Während sich Frau Gottlieb mit dem Studenten vergnügt, weilt ihr Gemahl David (genannt „Dudu“) auf dem Mond. Dudu ist in seiner Eigenschaft als k.u.k. Hofastronom zum Erdtrabanten bestellt worden, um einen Kometen zu beobachten, der unaufhaltsam auf die Erde zurast und eine universelle Katastrophe mit sich zu bringen droht. Die bevorstehende Apokalypse kündigt der allwissende Erzähler bereits nach 20 Seiten so ganz en passant an, als er vom Liebeskummer des jungen Repin berichtet: „Eine Katastrophe, eine Katastrophe. Die Liebe war eine Katastrophe. Hätte er in diesem Augenblick gewusst, dass in ein paar Monaten die Welt untergehen sollte, es wäre Alexej im Vergleich wie das mindere Unglück vorgekommen.“

Ein ebenso vergnüglicher Roman wie „Die Vermessung der Welt“

Doch bevor der Weltuntergang vor der Tür steht, darf der Leser sich noch mit allerlei drolligem Personal vergnügen (mit von der Partie sind ein trinkfester Philosoph sowie ein von Albträumen geplagter Enkel Hitlers). Neben der ehebrecherischen Liaison spielt die Mondreise des betrogenen Gatten eine zentrale Rolle. Der österreichische Jude darf dort netterweise arbeiten, obwohl der Erdtrabant zum deutschen Staatsgebiet gehört: „Die Deutschen (…) waren als Pioniere zum Mond geflogen und hatten ihn danach mit preußischer Gründlichkeit in Beschlag genommen und kolonisiert.“ Dementsprechend existiert dort ein Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskrater, an dessen Rand sich das Grab Albert Einsteins befindet, der auf dem Mond seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Auch das Schicksal vieler weiterer bekannter Persönlichkeiten hat in Steins Roman einen anderen Verlauf genommen: Hitler blieb ein unbedeutender Maler von Ansichtskarten, Stalin arbeitete sich vom Räuber zum Nationaldichter Grusiniens hoch und Lenin reüssierte lediglich als zänkischer Journalist.

Dem 48-jährigen Stein ist mit „Der Komet“ etwas Wunderbares geglückt: Er hat einen ohne Anglizismen auskommenden Roman geschrieben, der altmodisch und modern zugleich daherkommt, bei aller Leichtigkeit außerdem Tiefe besitzt und mit Schwung um die Frage kreist, ob der Weltenlauf einer naturgesetzmäßigen Notwendigkeit folgt oder ob sich alles schlicht dem Zufall verdankt. Darüber hinaus bietet ein Glossar in kleinen Dosen Auskünfte über die Realhistorie. Wenn es im Roman heißt, Auschwitz sei ein Bahnknotenpunkt in Galizien, Großbritannien weiterhin Kolonialmacht und Anne Frank Literaturnobelpreisträgerin, dann lässt sich hinten im Buch nachlesen, wie es sich tatsächlich mit diesen Orten, Gegebenheiten und Personen verhält.

Somit ist „Der Komet“ ein mindestens ebenso vergnüglicher und fruchtbarer Roman wie Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ – denn während man sich über Steins durchgeknallte Denkkapriolen amüsiert, lernt man nebenbei das eine oder andere über das 20. Jahrhundert. Aber Vorsicht: Verwechseln Sie am Ende nicht die Realität mit der Fiktion!

Hannes Stein: Der Komet. Galiani, Berlin. 272 Seiten, 18.99 €.

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