Der Fallensteller von Fürstenfelde

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Sein Debüt wurde 2006 vielfach bejubelt und sogleich mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet, sein zweiter Roman vor zwei Jahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämiert – jetzt legt Saša Stanišić mit einem Erzählungsband („Fallensteller“) nach, in dem der 38-Jährige erneut untermauert, dass er erzähltechnisch einiges drauf hat.

VON JENS LALOIRE

Plötzlich ist er da, dieser sonderbare Fremde, steht in seiner altmodischen Kluft vor Ullis Garage, in der sich die Pilstrinker von Fürstenfelde ihr Feierabendbier genehmigen. Die Garage ersetzt die Kneipe, weil in dem Dorf „nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist“. Dafür, dass es nicht zu schön ist, sorgen unter anderem die Ratten, die sich gelegentlich in der Garage blicken lassen und derentwegen der Fremde nun mit Koffer und Käfig vor den argwöhnisch dreinblickenden Männern dasteht. Obwohl ihn niemand darum gebeten hat, verspricht der Fremde, der sich als Fallensteller vorstellt, die Lösung des Rattenproblems. Aller anfänglichen Skepsis zum Trotz lassen die Fürstenfelder den leicht antiquiert daherpalavernden Kerl gewähren und werden dafür sogleich mit dem ersten Rattenfang belohnt. Vor ihren Augen schlüpft eine Ratte aus ihrem Versteck und rennt schnurstracks in die Falle, die der Fremde gerade erst aufgestellt hat. Die Männer staunen und der Rattenfänger verabschiedet sich, ohne einen Lohn zu verlangen, samt Beute in den Abend – und steht wenige Minuten später bei der Bäckerin Angela Zieschke vor der Tür, um sich in ihrer Einliegerwohnung als Untermieter einzuquartieren.

Von nun an ist der Fallensteller ein Mitglied der Dorfgemeinschaft und wird von den Fürstenfeldern zurate gezogen, wenn es spezielle Probleme zu lösen gilt. Vorrangig scheint es dabei um Schwierigkeiten mit Ratten, Mäusen, Hamstern, Wildschweinen oder Wölfen zu gehen; doch insgeheim kümmert sich der Fremde vielmehr um die Belange der Bewohner dieses uckermärkischen Provinzkaffs, das Stanišić-Lesern geläufig sein dürfte, denn es ist auch der Schauplatz seines vielfach prämierten Romans „Vor dem Fest“ (2014). Die Erzählung „Fallensteller“ ist somit eine Art Sequel, das in erster Linie auf das bereits bekannte Romanpersonal vertraut. Darüber hinaus macht sich der in Hamburg lebende Schriftsteller einen Spaß daraus, in seine Geschichte die Begleiterscheinungen einzuflechten, die sein Roman angeblich für Fürstenfelde mit sich gebracht habe: „Später sind dann »Literatur-Touristen« hergeradelt »auf den Spuren des Buchs«. Kamen bei Ulli vorbei, wollten Fotos machen. Musst du dir mal vorstellen! Pichelst schön in aller Ruhe deine Molle, plötzlich latscht ein Lesezirkel aus Lübeck in die Garage.“

Das hat schon Witz, wie der Absolvent des Leipziger Literaturinstituts sich und den Literaturbetrieb in seinem Text mehrfach auf die Schippe nimmt. Und es zeugt von jener sympathischen Ironie, die auch „Vor dem Fest“ auszeichnet, sodass sich festhalten lässt: Wer den Roman mochte, für den lohnt sich das aktuelle Buch allein schon wegen der titelgebenden Story. „Fallensteller“ ist mit 90 Seiten die umfangreichste der insgesamt zwölf Erzählungen und letztlich auch die beeindruckendste. Hier brilliert Stanišić mit all seiner Erzählkunst, indem er ebenso faszinierende wie glaubwürdige Charaktere gekonnt in Szene setzt, virtuos die Geschichten der Uckermärker fortspinnt und von den Widrigkeiten berichtet, mit denen sie zu kämpfen haben.

Nicht alle Erzählungen sind so herausragend wie diese, aber fast alle lesenswert – nicht zuletzt jene drei miteinander verknüpften Geschichten über die fantastische Brasilienreise des Justiziars Georg Horvath, der im Auftrag einer Großbrauerei unterwegs ist und mit sich, seinem Leben sowie seiner Sprache hadert. Ebenfalls äußerst gelungen ist der letzte Text in dem Band, der zugleich der einzige ist, der in gewisser Weise an Stanišićs Debüt („Wie der Soldat das Grammofon repariert“) anknüpft. Darin hat er schwungvoll und einfühlsam zugleich vom Leben, Lieben und Töten in seinem Geburtsland berichtet. Eine zentrale Rolle spielt in dem Roman der Opa des Icherzählers, und auch in der abschließenden Erzählung („In diesem Gewässer versinkt alles“) steht ein bosnischer Großvater im Vordergrund. Während dieser in Bosnien im Sterben liegt, tingelt sein als Jungunternehmer erfolgreicher Enkel mit zwei Freundinnen durch die Welt. Es ist ein modernes und leicht selbstverliebtes Trio, das da unterwegs ist, um das Leben in vollen Zügen auszukosten, statt sich wegen belangloser Zwischenfälle die Köpfe zu zermartern: „Die Scheibe auf der Fahrerseite unseres Mietwagens wurde in der Nacht eingeschlagen, aber es ist ein zu schöner Sommermorgen und wir sind zu verkatert und zu vollkaskoversichert, um darüber ernsthaft in Stress zu geraten.“

Und so bleibt der Enkel lieber in Paris, als in die alte Heimat zum Sterbebett seines Opas zu eilen. Doch der Enkel ist nicht gar so lieblos, wie man zuerst vermuten könnte, sondern er erinnert sich an seinen Großvater, lässt ihm bei einem Schneider in Saint-Germain ein blaues Hemd aus feinem Zwirn nähen und schickt es nach Bosnien, wo der Großvater es mit „wässrigen Augen“ und letzter Kraft über den ausgemergelten Oberkörper zieht.

Saša Stanišić: Fallensteller. Luchterhand, München. 288 Seiten, 19.99 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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