Das Leben ist kein Film

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Antonia Baum schreibt gegen den drohenden Tod ihres Vaters an

Du bist ein Vampir am Bett deines Vaters.“ Mit dieser Selbstanklage konfrontiert sich die Autorin Antonia Baum, nachdem ihr Vater mit dem Motorrad verunglückt ist und sie darüber zu schreiben beginnt. Die Schriftstellerin bangt um ihren schwerverletzten Vater und verarbeitet den Unfall auf eine für sie naheliegende Art: schreibend. Doch wenn eine Autorin zu schreiben beginnt, dann stellt sich – selbst wenn es sich vordergründig um ein therapeutisches Schreiben handeln mag – irgendwann die Frage, ob aus dem Text nicht auch ein Buch werden könnte. Wenn sie aber aus ihrer Familientragödie kreatives Kapital schlägt, ist sie dann nicht eine Art Blutsaugerin, die sich vom Leid der anderen nährt?

Neben diesen Zweifeln quält sie die Frage, ob sie selbst ihr Schicksal gar herausgefordert haben könnte; denn während sie mit ihren Geschwistern darauf hofft, dass ihr Vater aus dem Koma erwacht, erscheint ihr zweiter Roman „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ (2015). Dieser Roman – das ist die Ironie des Schicksals – handelt von drei Geschwistern, die sich um ihren möglicherweise bei einem Autounfall verunglückten Vater sorgen.

Während in ihr all diese Zweifel arbeiten, sucht die 32-Jährige zugleich nach einem Sinn in den Ereignissen. Vielleicht, sagt sie sich, führe der Unfall ja dazu, dass ihr Vater sich zum Guten verändere. Und sie baut darauf, dass er – genauso wie einst der Gangsterboss Tony Soprano aus ihrer Lieblingsserie „The Sopranos“ – den Aufenthalt auf der Intensivstation überstehen wird. Denn so wie Tony Sopranos Tod in der Serie keinen Sinn gehabt hätte, so hätte auch der Tod ihres Vaters keinen Sinn in der Geschichte ihres Lebens.

Doch letztlich muss sich Antonia Baum eingestehen, dass sie sich nicht in einem Roman oder Film befindet: „Der Tod“, schreibt sie, „ist nicht an Zusammenhängen interessiert. Der Tod kommt einfach, dem sind Narrative scheißegal.“ Dennoch setzt sie dem Tod die Narration entgegen, sie reflektiert nicht nur ihre Situation und erinnert sich an ihren Vater, sondern erzählt sich selbst drei kurze Geschichten, die sich wie Parabeln in den Gesamttext einfügen. Herausgekommen ist dabei ein schmales, in seiner Ehrlichkeit berührendes Buch über den Tod und das Schreiben darüber.

Antonia Baum: Tony Soprano stirbt nicht. Hoffmann und Campe, Hamburg. 144 Seiten, 18,00. €.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

Eine Antwort zu “Das Leben ist kein Film

  1. Danke für die Mühe, die Sie gemacht haben, um das alles zusammenzutragen.

    MfG Banyo

    Gefällt 1 Person

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