Leben in Trümmern

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Der Schriftsteller Thomas Melle ist manisch-depressiv und erzählt in „Die Welt im Rücken“ mit brutaler Offenheit von den Konsequenzen seiner Krankheit

Die Geschichte des 41-jährigen Schriftstellers Thomas Melle ließe sich spielend leicht als Erfolgsstory erzählen. Melle ist ein geschätzter Übersetzer, gefeierter Theaterautor und prämierter Romancier. Sein Debüt, der Erzählungsband „Raumforderung“ (2008), wurde mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet, sein erster Roman, „Sickster“ (2011) stand auf der Longlist und sein zweiter Roman „3000 Euro“ (2014) auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zudem sind beide Romane auch als Bühnenfassungen in zahlreichen Theatern zu sehen gewesen. Und in diesem Jahr stand der gebürtige Bonner, der bereits seit vielen Jahren in Berlin lebt, mit seinem neuen Werk, „Die Welt im Rücken“, erneut auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und galt bei vielen Kritikern als Favorit auf die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung, die immer zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse verliehen wird (gewonnen hat den Preis aber mit Bodo Kirchhoff wieder einmal ein anderer).

Die Geschichte, die Melle in seinem neuen Buch erzählt, ist seine eigene, und die liest sich ganz und gar nicht wie eine Erfolgsstory, sondern vielmehr wie ein Katastrophenbericht, denn Melle schildert darin sein Leben, das von einer bipolaren Störung geprägt wird. In bisher drei Schüben hat seine Krankheit ihn mit voller Kraft gepackt und seine Existenz beinahe komplett zerstört. 1999 kam der erste Schub mit einer dreimonatigen manischen Phase, in der Melle begann, sich wie ein Größenwahnsinniger zu gebärden. Es folgten Aufenthalte in der Psychiatrie, eine Depression und schließlich die Erholung, bis 2006 der zweite Schub folgte – wiederum mit einer (dieses Mal ein Jahr andauernden) Manie, Klinikaufenthalten und Depression. Nach kurzer Erholungsphase kam 2010 bereits der dritte Schub, der noch heftiger als die vorherigen war. Knapp anderthalb Jahre verwüstete Melle als Rasender seine Existenz, hielt sich für den Messias, bezog alle möglichen Bücher, Artikel und Popsongs auf sich selbst und meinte in Fremden Berühmtheiten wie Pablo Picasso, Thomas Bernhard oder Madonna zu erkennen, die mit ihm in geheimer Verbindung stünden; zudem trank er übermäßig, verscherbelte seine Bibliothek, machte Schulden, verlor seine Wohnung und zahlreiche Freunde, war mehrfach in der Klinik, zwischendurch obdachlos und landete schließlich in einem Übergangswohnheim.

Als er mithilfe von verbliebenen Freunden und Lithium endlich so nach und nach wieder in die Realität zurückfindet, steht er vor einem Trümmerhaufen. Er wohnt in einer schäbigen Wohnung, wird von Inkassofirmen belagert, hat seinen Verlag (Suhrkamp) aufgrund einer Tätlichkeit gegen seine Verlegerin verloren und ist gesundheitlich am Ende. Darüber hinaus wird ihm klar, „dass alles, wirklich alles, was ich die Monate über gedacht hatte, völlig falsch und hirnrissig gewesen war, eine maßlose, vielgestaltige Einbildung, ein Monster im Kopf“.

Melle verdeutlicht schonungslos, wie stark die Krankheit bei allen drei Schüben von ihm Besitz ergriff und ihn zu jemanden mutieren ließ, der ihm im Nachhinein vollkommen fremd scheint. Beschleicht einem als Leser im ersten Drittel des Buches vielleicht noch der Verdacht, dass sich da jemand in einem selbstgefälligen Seelenstriptease inszenieren und möglicherweise auch gefallen könnte, schwindet dieser Verdacht mit fortdauernder Lektüre. Insbesondere im letzten Drittel entwickelt das Buch eine enorme Sogwirkung, was nicht zuletzt daran liegt, dass Melle gar nicht erst in Versuchung gerät, seine Krankheit mystisch zu überhöhen. Vehement wehrt er sich gegen das Klischee, dass Genie und Wahnsinn sich gegenseitig befeuern würden. Alles, was er während seiner manischen Phasen geschrieben habe, „sei bestenfalls wirrer Dadaismus“ (so Melle im Interview mit dem SPIEGEL). In keiner Zeile versucht er seiner Krankheit einen tieferen Sinn zu entlocken, sein Fazit ist eindeutig und komplett unromantisch: „Der Wahnsinn ist der zerstörerische Krieg in einem selbst, da gibt es keinen Zweifel, und wem es ganz schlecht ergeht, der erlebt diesen Krieg mehrmals im Leben und kann immer weniger retten.“

Alles, was Melle retten konnte, sind seine Erinnerungen (wobei auch da manches verloren gegangen sei), die er zu einem faszinierenden Werk verdichtet hat, das zwar an sich keinen Roman darstellt, allerdings dennoch als große literarische Erzählung funktioniert.

Thomas Melle: Die Welt im Rücken. Rowohlt, Berlin. 352 Seiten, 19,95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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