Banker auf der Flucht

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Die einen feiern ihn als famosen Romancier von stilistischer Brillanz, die anderen verpönen ihn als Poseur, der sprachliche Hochstapelei betreibe. Die Rede ist von Martin Mosebach, der auch mit seinem neuen Roman („Mogador“) die Zunft der Kritiker erneut in zwei Lager spalten dürfte.

Patrick Elff ist das, was man einen jungen, aufstrebenden Geschäftsmann nennt. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat sich von einer möglichen Universitätslaufbahn verabschiedet und sich stattdessen für eine Karriere in einem traditionsreichen Bankhaus entschieden. Dort ist der Mittdreißiger rasch aufgestiegen, allerdings nicht zuletzt aufgrund zwielichtiger Geldgeschäfte, die er auf Wunsch des Vorstands zu aller Zufriedenheit ausgeführt hat. Diese drohen ihm jetzt genauso zum Verhängnis zu werden wie die illegalen Transaktionen eines Mitarbeiters, die er geduldet hat – unter Gewinnbeteiligung versteht sich.

Nun sitzt der Erfolgverwöhnte in seinem Maßanzug bei einem Kommissar im Büro und sieht sich nicht nur mit Fragen zum Selbstmord seines Kompagnons konfrontiert, sondern darüber hinaus zu jenen Transaktionen, die dieser betrieben hat. Patrick Elff selbst scheint man noch nichts nachweisen zu können; doch als der Kommissar ihm mitteilt, dass unten die Presse auf ihn warte, verliert der sonst so selbstsichere Vermögensberater die Nerven und türmt durch ein offenstehendes Toilettenfenster, lässt sich mit einem Taxi von Düsseldorf direkt zum Brüsseler Flughafen chauffieren und fliegt von dort nach Marokko – genauer gesagt nach Mogador. In der Hafenstadt erhofft er sich Hilfe von einem Monsieur Pereira, für den er seine erste dubiose und den eigenen Aufstieg forcierende Finanzoperation ausgeführt hat. Dieser einflussreiche Unternehmer hatte ihm nach erfolgreicher Durchführung die Erfüllung eines Wunsches in Aussicht gestellt, den Elff jetzt einzufordern gedenkt.

Fehlgeleiteter Ehrgeiz & die Versuchung des Geldes

Pereira weilt allerdings im Ausland, sodass Elff zum Warten verdammt ist. Also schlüpft er vorerst unter – und zwar bei Kadija, einer etwa gleichaltrigen Witwe, die ebenfalls mit teilweise nicht ganz astreinen Geschäften aufgestiegen ist. Kadija vermietet nicht bloß Zimmer, sondern auch Frauen an Männer, und darüber hinaus ist sie als eine Art Wahrsagerin aktiv. Elff scheint von seinem neuen Umfeld einerseits fasziniert, andererseits fürchtet er um seine Zukunft und sehnt sich nach seiner Lebensgefährtin Pilar, obwohl er dieser im Rückblick eine Mitschuld an seinen Fehltritten zuschiebt. Sie, die aus vermögenden Verhältnissen stammt, war es immerhin, die seinen Ehrgeiz entfacht hatte: „Sie war es, die ihn auf Abwege getrieben hatte – wenn er bloß daran dachte, welche Bedenken ihm noch bei der Affaire des Monsieur Pereira gekommen waren, wie sehr er damals gefürchtet hatte, den Fehler seines Lebens zu begehen, und wie es später war, als er alle Bedenken abwarf und seine Augen nur noch auf den Gewinn richtete, an dem er neuerdings teilhatte, dann schauderte ihn. Das war alles ihr Werk, dazu hatte sie ihn mit ihrem schleichenden Gift gebracht, das seinem Geist so lange eingeträufelt worden war, bis er am Stehlen nichts Schlimmes mehr fand.“

„Wenn er bloß daran dachte, welche Bedenken ihm noch bei der Affaire des Monsieur Pereira gekommen waren, wie sehr er damals gefürchtet hatte, den Fehler seines Lebens zu begehen, und wie es später war, als er alle Bedenken abwarf und seine Augen nur noch auf den Gewinn richtete, an dem er neuerdings teilhatte, dann schauderte ihn.“

Nichtsdestotrotz verzehrt er sich Tag für Tag stärker nach ihr, und mit der Zeit ahnt er wohl auch, dass die Verantwortung für seine Missetaten keineswegs bei ihr oder anderen zu suchen ist. Ob es für Elff einen rettenden Ausweg aus seiner ihm so dramatisch erscheinenden Situation gibt, das hält Mosebach lange offen. Insbesondere im letzten Kapitel treibt der Büchner-Preisträger des Jahres 2007 die Spannung in die Höhe, indem er sein bis dahin eher gemächliches Erzähltempo mit raschen Perspektiv- und Szenenwechseln rasant steigert. Vor allem in diesem Schluss-, aber auch im Eröffnungskapitel brilliert Mosebach mit all seiner Erzählkunst, während er sich in den beiden mittleren Kapiteln – in denen unter anderem die Lebensgeschichte von Kadija ausgebreitet wird – seinem Hang zum ausschweifenden Fabulieren mitunter ein wenig zu lustvoll hingibt. Nicht zuletzt seiner Vorliebe für teils bedeutungsschwangere Beschreibungen, schmuckvolle Sätze und extravagante Vokabeln verleiht er hier Ausdruck.

Vornehmer Verfechter stilistischer Eleganz 

Sicherlich kann man trefflich darüber streiten, ob Begriffe wie „Antichambres“, „lunatisch“, „Protectrice“ oder „odios“ affektiert klingen und Ausdruck gewollter Schönschreiberei sind (so wie Sigrid Löffler es ihm einst vorgeworfen hat) oder ob ihre Verwendung ihn zu einem „hemmungslosen Bewahrer von Stil und Form“ erhebt (wie andere meinen). Letztlich bleibt Mosebach in erster Linie ein vornehmer Verfechter stilistischer Eleganz, die hier und da vielleicht gespreizt anmuten mag, inmitten all der sprachlichen Alltagsschlampereien mit ihrer Virtuosität indes durchaus zu verzücken versteht. Dass dieser teils altmodisch klingende Ton Hand in Hand geht mit Mosebachs zuweilen erzkonservativen Ansichten, die er ab und an öffentlich äußert, ist eine außerliterarische Tatsache, die auf einem anderen Blatt steht, ihm unter liberal gestimmten Kritikern hingegen nicht unbedingt viele Fans beschert.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass der 65-jährige Frankfurter sich in seinem elften Roman erneut als famoser Geschichtenerzähler, Figurenerfinder und Arrangeur präsentiert. Auch wenn „Mogador“ nicht so kurzweilig und humorvoll wie sein letzter Roman („Das Blutbuchenfest“) daherkommt, ist Mosebach dennoch wieder einmal ein äußerst lesenswertes Werk gelungen.

Martin Mosebach: Mogador. Rowohlt, Hamburg. 368 Seiten, 22.95 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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