Im Schatten

In seinem Erzählungsband bewegt sich Clemens Meyer erneut am Rand der Gesellschaft

Als „Türsteher der neuen sozialen Literatur“ wurde der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer bezeichnet. Das liegt zum einen an den Milieus, in denen seine Geschichten spielen, und zum anderen an seinem nüchternen bis harten Ton. Ob in seinem Debüt „Als wir träumten“, seinem (2008 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten) ersten Erzählungsband „Die Nacht, die Lichter“ oder seinem (2014 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichneten) Roman „Im Stein“ – stets rückt Meyer Figuren ins Rampenlicht, die sonst auf der Schattenseite leben.

So gesehen bleibt sich der 39-Jährige in seinem zweiten Erzählungsband „Die stillen Trabanten“ treu. Dieses Mal sind es zwar keine Arbeitslosen, Kriminellen oder Prostituierten, denen sich Meyer zuwendet, aber es sind jene, die sich in meist schlecht bezahlten Jobs abmühen und dennoch auf keinen grünen Zweig kommen. Da ist zum Beispiel ein Wachmann, der seit vielen Jahren seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und an die Zeit zurückdenkt, als sich eine zarte Romanze mit einer der Bewohnerinnen zu entwickeln begann – bis sie plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Oder der Imbissbudenbesitzer, der eine Freundschaft mit seinem streng muslimischen Nachbarn pflegt und sich zugleich in dessen Freundin verliebt.

Milieuschilderungen & Traumbilder

In allen Erzählungen stehen Begegnungen im Fokus. So wie bei den zwei Endfünfzigerinnen. Die eine Friseurin, die andere Teil einer Reinigungskolonne. Beide begegnen sich immer wieder nach Feierabend in einer Bahnhofskneipe, nähern sich in Gesprächen einander langsam an und treffen sich doch nie außerhalb des Bahnhofs. Doch die Begegnungen schaffen Brüche im Alltag, der sonst von Trostlosigkeit dominiert wird.

Im Kontrast zu den nüchternen Milieuschilderungen stehen darüber hinaus die Traum- und Erinnerungsbilder, die sich in fast allen Texten in die Handlung drängen. Dadurch verblassen manchmal die Grenzen zwischen Traum und Realität sowie den verschiedenen Zeitebenen. Das sorgt oftmals für Irritationen beim Lesen, verleiht den Storys zugleich jedoch eine sanfte, zuweilen gar mystische Note. Innerhalb der einzelnen Erzählungen wirkt diese Methode überzeugend, auf Dauer erschöpft sie sich allerdings – nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen rhetorischen Fragen, die der Erzähler aufwirft, um das Geschilderte zu relativieren. Diese Häufung rhetorischer Fragen wirkt zwar stellenweise störend, aber alles in allem sind Clemens Meyer dennoch erneut berührende Erzählungen vom Rande der Gesellschaft geglückt.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. S. Fischer, Frankfurt am Main. 272 Seiten, 20,00 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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